Leben

Erst vor Gott sind alle Frauen gleich

Frauen leisten viel in den Religionsgemeinschaften, sie fühlen sich auch gleichwertig, aber sie sind nicht gleichberechtigt.

Frauen leisten viel in den Religionsgemeinschaften, sie fühlen sich auch gleichwertig, aber sie sind nicht gleichberechtigt.

Frauen sind den Männern in vielen Religionen nicht gleichgestellt. In der Schweiz stört das aber nur wenige. Sie fühlen sich durchaus gleichwertig.

Eine katholische Priesterin? Bis heute für den Vatikan undenkbar. Eine Imamin oder eine orthodoxe Rabbinerin? Sind höchstens Ausnahmen. Es waren Männer, die Weltreligionen wie den Katholizismus, den Islam oder das Judentum geprägt haben. Bis heute geben sie den Ton an und halten an ihrer Deutungshoheit fest. Nur: Wie ergeht es dabei den Frauen an der Basis? Wie äussern sie sich selbst?

Das wollte die konfessionell unabhängige Religions-Informationsstelle Inforel wissen. Die Studienautorinnen befragten dafür die ranghöchsten Frauen in 52 unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in der Region Basel. Einige sind von ihrer Gemeinde angestellt. Etwa als Theologin oder als Religionslehrerin. Andere engagieren sich ehrenamtlich. Einen Grossteil der Freiwilligenarbeit in den religiösen Gemeinschaften leisten Frauen. Und sie füllen die Gotteshäuser: Eine vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Studie hat 2011 gezeigt, dass in der Schweiz Frauen insgesamt religiöser sind als Männer. Bei Christen, Hindus oder Budd­histen sind bis zu 70 Prozent der aktiven Mitglieder weiblich, einzig in Moscheen und Synagogen engagieren sich mehr Männer als Frauen.

Karima Zehnder, Studienautorin und Leiterin von Inforel.

Karima Zehnder, Studienautorin und Leiterin von Inforel.

Die aktuelle Erhebung von Inforel beschränkt sich nicht auf die grossen Religionen. Auch Mitglieder aus Freikirchen oder dem Alevitentum wurden befragt. «Die Region Basel weist eine enorm hohe Vielfalt an Religionsgemeinschaften auf. Das ist schweizweit einzigartig», sagt Karima Zehnder, Leiterin von Inforel und Studienautorin. Die Umfrage zeigt: In 26 der 52 befragten Gemeinschaften sind die Geschlechter gleichberechtigt. Dazu gehören unter anderem die evangelisch-reformierte Kirche, eine liberale jüdische Gemeinde, aber auch diverse evangelische Freikirchen. Nicht selbstverständlich, sondern das Resultat eines «lang ausgetragenen Emanzipationskampfes», heisst es in der Studie.

Insgesamt 16 der 20 befragten Freikirchen gaben an, dass bei ihnen das höchste religiöse Amt für Frauen zugänglich sei. «Dieses Resultat hat uns überrascht. Evangelische Frei­kirchen haben den Ruf, grösstenteils Frauenordinationen abzulehnen», sagt Zehnder. Nicht gleichgestellt sind die Frauen beispielsweise bei der Adventgemeinde Basel. Zwar gibt es das Amt der Pastorinnen, sie besitzen aber weniger Kompetenzen als männliche Pastoren. Die Gemeindeleiterin sagt, dass die Gleichstellungsfrage intern umstritten sei. Ein Teil der Mitglieder fordere diese ein, stosse aber auf Widerstand. «Manche denken, es sei nicht so vorgesehen von der Bibel her», sagt die Gemeindeleiterin. Eine andere Frau aus dem Vorstand einer namentlich nicht genannten, evangelischen Freikirche verweist ebenfalls auf die Bibel. Darin seien weder Pfarrerinnen noch weibliche Geistliche aufgeführt. «Das war sicher kein Versehen», kommentiert die Frau.

Das Rollenverständnis und die rechtliche Frage

Obwohl in vier Freikirchen das geistliche Amt ausschliesslich Männern zugestanden wird, beschreiben sich deren befragte weibliche Mitglieder als «gleichberechtigt». Ihre Selbstwahrnehmung weicht von der tatsächlichen Situation ab. Damit sind sie nicht allein, wie die Inforel-Studie zeigt. «Auf lokaler Ebene nehmen sich alle befragten Frauen als gleichberechtigt wahr – unabhängig von ihren realen Mitwirkungsmöglichkeiten», sagt Karima Zehnder. Selbst die Vertreterin der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde bezeichnet sich so, obwohl in ihrer Gemeinde ausschliesslich Männer das Stimmrecht haben.

Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? «Diese Frauen gehen davon aus, dass die genetische Prägung auch geschlechtsspezifische Wesenszüge mit sich bringt und deshalb Männer und Frauen unterschiedliche Rollen und Auf­gaben annehmen. Die rechtliche Frage stellt sich ihnen gar nicht», sagt Zehnder. Dies auch, weil sich die befragten Frauen gleichwertig fühlen. In den Interviews mit den Musliminnen zeigt sich das ebenfalls. Eine der befragten Frauen sagt dazu: «Wenn man einmal verstanden hat, dass Allah den Mann und die Frau unterschiedlich geformt hat, dann kann man auch verstehen, dass Frauen und Männer unterschiedliche Auf­gaben zu erfüllen haben.» Eine Frau als Imamin, für sieben befragte Moscheegängerinnen ist das kein Anliegen.

Die Studienautorinnen kommen zum Schluss: Die Geschlechterrolle wird beim Imamat kaum kritisch reflektiert. Dennoch, sagt Zehnder, seien in den Moscheen viele Veränderungen zu beobachten: «Frauen übernehmen in den Moscheen und deren Vereinen zunehmend Vorstandsämter oder lancieren Bildungsangebote. Es findet ein Umbruch statt: Junge, gut ausgebildete Musliminnen aus der Zweit- oder Drittgeneration von Einwanderern lösen vermehrt ältere Männer ab.» Eine ähnliche Tendenz zeige sich in den alevitischen Gemeinschaften.

Bei den Musliminnen falle zudem auf, dass sie innerhalb der Moscheen vermehrt Frauengruppen gründeten. Sie laden Predigerinnen ein, vernetzen sich untereinander und unterstützen sich im schulischen oder beruflichen Bereich. «Auch deshalb fordern immer mehr Musliminnen ihre Rechte selbst­bewusst ein, wie zum Beispiel das Tragen des Kopftuchs am Arbeitsplatz. Die Stärkung der Frauen zeigt sich somit auf einer gesellschaftspolitischen Ebene und weniger zwischen den Geschlechtern», sagt Zehnder.

Es stört vor allem die Katholikinnen

Die Hälfte aller befragten Gemeinschaften schliesst Frauen von geistlichen Ämtern aus. Allerdings stören sich daran nur die katholischen Theologinnen. Die anderen Vertreterinnen geben an, sich in den ausschliessenden Hierarchien wohlzu­fühlen. Aus emanzipierter Sicht ist dies befremdend. Wie also damit umgehen? «Solche persönlichen Ansichten gilt es innerhalb einer vielfältigen Gesellschaft zu akzeptieren. Schwieriger ist es, wenn für ­patriarchale Denkweisen missioniert wird. Das geschieht aber eher selten», sagt Zehnder.

Anders die katholischen Theologinnen: Sie prangern die männliche Dominanz an. Ausnahme: die italienischsprachige Vertreterin. «Eine Institution, die sich heutzutage nicht für die Geschlechtergerechtigkeit einsetzt, muss ihre zunehmende Bedeutungslosigkeit akzeptieren,» vermutet eine Theologin. Dennoch übernehmen Frauen in den Pfarreien viele Aufgaben. Alle halten Predigten und führen durch Gottesdienste. Vereinzelt übernehmen sie – mit einer ausserordentlichen Bewilligung – sogar Taufen und Trauungen. Dass Frauen liturgische Tätigkeiten übernehmen, sei eng mit dem Priestermangel verbunden, heisst es in der Studie. Ob sie jedoch einspringen können, hängt vom Bischof ab. Und somit wiederum von einem Mann.

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