Weihnachtskarten

Engelchen, Glocken und Posaunen: Es darf so richtig kitschig sein

Noch heute werden an Weihnachten Millionen von Karten verschickt. Auch wenn sie im modernen Kommunikationszeitalter Konkurrenz erhalten haben. Ein Blick in die kunterbunte Geschichte der Weihnachtskarte.

Es fing gar nicht gut an für die Weihnachtskarte. Ganz London empörte sich 1843 über das Motiv der nachweislich ersten Weihnachtskarte des britischen Künstlers John Calcott Horsley. Sie zeigte weder ein biblisches Motiv noch eine beschauliche Winterlandschaft, sondern eine bürgerliche Familie beim Abendessen.

Das wäre an sich nichts Verwerfliches, aber die Gesellschaft prostete sich mit Wein zu, auch die Kinder! Eine absolut unerhörte Sache. Unerhört war übrigens auch der Preis, den der Auftraggeber Sir Henry Cole für ein Exemplar wollte: 1 Shilling. Für dieses Geld konnte man sich damals ein ganzes Abendessen kaufen.

Trotz dieses Fehlstarts hatte der spätere Gründer des «Victoria & Albert Museum» offensichtlich den richtigen Riecher. Weihnachtskarten waren bald der grosse Renner. Jede und jeder wollte Freunden und Verwandten einen Gruss zur Weihnachtszeit versenden – und die Druckindustrie fand einen lukrativen Absatzmarkt.

Noch heute werden Millionen von Weihnachtskarten verschickt, wenn sie inzwischen auch von den modernen Kommunikationsmedien grosse Konkurrenz erhalten haben.

Ein einzigartiges Kulturgut
«Weihnachtskarten sind ein einzigartiges Kulturgut», betont Ulrich Gribi und gerät ins Schwärmen, wenn er durch seine dicken Ordner mit Tausenden von Karten blättert. Der pensionierte Bankfachmann aus Büren an der Aare hat wohl eine der grössten Sammlungen von Weihnachtskarten in der Schweiz. Er findet sie auf Flohmärkten, in Antiquariaten oder auch auf Ebay.

Als sentimentalen Kitsch könnte man manches abtun, diese lieblichen Karten mit Engelchen und unschuldig dreinblickenden Kindern, Darstellungen von Weihnachtskrippen und anderen christlichen Szenen, mit Glocken, Winterlandschaften, Misteln, Geschenkbergen und Posaunenbläsern.

Doch die nostalgischen Weihnachtskarten von anno dazumal sind heute bei Themensammlern äusserst beliebt, was angesichts der Fülle der Motive und der oft witzigen Gestaltung nicht erstaunt.

Viele der Karten geben Szenen der Weihnachtsstube wieder und sind somit immer auch Abbild des Zeitgeistes: Liebespaare, die sich unter dem Lichterbaum anhimmeln, Klavier spielende Mädchen und Knaben auf dem hölzernen Schaukelpferd.

Oder die inszenierten Postkartenfotos um die Jahrhundertwende, als man sich für die persönlichen Karten beim Fotografen mit allerlei Requisiten ablichten liess – vom Eisbärenfell für Babys bis zur Palme als Salon-Hintergrund.

Aber noch anderes erzählen die Karten. Gribi klaubt eine hervor und zeigt, dass man bis 1905 den Text auf die Vorderseite der Karte schrieb, weil es damals vom Weltpostverein verboten war, mehr als die Adresse auf der Rückseite anzubringen.

Die Phase von 1900 bis 1920 erachtet der Kartensammler als die Hochblüte. Nicht nur was die Qualität der Drucke und Bilder anging, auch gesellschaftlich war die Weihnachtskarte damals hoch angesehen, ja selbst für bekannte Künstler war es eine Ehre, solche illustrieren zu dürfen. Gribi zeigt auf seine Lieblingskarten, eine Serie von Ludwig Kirchner. 200 Franken habe er dafür bezahlt, verrät er.

Patriotisch wurde es während der Kriegsjahre – mit Kampfschiffen und Panzern, aber auch mit Weihnachtsmännern bei den Truppen. Selbst Adolf Hitler nutzte dieses Werbemittel für seine Zwecke und posierte sozusagen als Weihnachtsmann, der den Kindern Gaben überreicht.

Niedergang der Weihnachtskarte
Blickt man heute auf das Angebot an Weihnachtskarten, findet man vergleichsweise nüchterne Motive: stilisierte Tannenbäume und Weihnachtskugeln, fliegende Schlitten mit Santa Claus, dazwischen mal eine Weihnachtslandschaft.

Für Ulrich Gribi hält der Niedergang der Weihnachtskarte schon länger an, und er weist auf eine Karte, derer er sich fast ein bisschen schämt, sie überhaupt in seiner Sammlung zu haben. Sie zeigt ein Pin-up-Girl als Santa Claus verkleidet. «Aber das gehört eben auch dazu», meint er lachend. Karten seit Mitte der 1970er-Jahren sammelt er kaum mehr, weil ihm die neueren nicht gefallen.

Noch verschickt er zwar selber Karten, aber sie sind heute selbst gemacht am Computer – mit Motiven seiner Kinder. Zu virtuellen Weihnachtskarten wird er wohl kaum je wechseln, obwohl sie vielleicht bald die traditionelle Weihnachtskarte ablösen werden. «Schade, dass diese Kultur zu verschwinden droht. Denn heute im Handy-Zeitalter wissen wir später nicht mehr, was wir miteinander kommuniziert haben, weil die meisten nicht langfristig gespeichert werden.»

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