Pädophilie

Ein Betroffener erzählt: «Die Leute sollen wissen, was es heisst, ein Pädo zu sein»

Buben in der Badi anzuschauen, erlaubt sich Oliver. Mehr als ihnen zugelächelt hat er noch nie.

Buben in der Badi anzuschauen, erlaubt sich Oliver. Mehr als ihnen zugelächelt hat er noch nie.

Ein Mann verliebt sich in Knaben. Er ist er überzeugt: Weil er mit Fachpersonen über seine Empfindungen spricht, wird er nie zum Täter. Er will das Stigma brechen.

Gemächlich zieht Oliver (Name geändert) seine Bahnen. Immer wieder schweift sein Blick zum Schwimmbecken neben ihm. Dort planschen Knaben. Einen Moment lang ruhen die Augen von Oliver auf den zarten, sich windenden Körpern. Für ihn sind Knaben das Schönste, was auf dieser Welt existiert. Oliver ist pädophil. Er hat sich geschworen, sich niemals an einem Kind zu vergehen. Auch Kinderpornografie würde er unter keinen Umständen konsumieren. Oliver weiss, welch traumatisierende Folgen es für Kinder haben kann, wenn Erwachsene sich ihnen in sexueller Absicht nähern. Als Jugendlicher hat er selbst sexuellen Missbrauch erlebt.

Sexuelle Neigung zu kontrollieren, ist eine grosse Verantwortung

Jeder hundertste Mann ist pädophil. Im Vergleich zu anderen stigmatisierten Gruppen – etwa Alkoholiker oder Personen mit einer Präferenz für sadistische Praktiken – werden Pädophile in Umfragen deutlich schlechter bewertet. Kein Wunder: Kinder sind besonders schützenswerte Wesen. Wer ihnen Gewalt antut, nutzt seine überlegene Position schamlos aus und nimmt in Kauf, ihnen bleibende Schädigungen zuzufügen.

Oliver ist sich bewusst, dass er mit seiner Vorliebe für Knaben in den Augen der Gesellschaft Abschaum ist. Aus diesem Grund will er seinen richtigen Namen nicht öffentlich preisgeben. Aber er möchte, dass die Menschen besser verstehen, was es heisst, sich zu Minderjährigen hingezogen zu fühlen. Um nichts in der Welt würde Oliver einem Kind Leid antun wollen. Immer wieder konfligiert dieser starke moralische Anspruch mit seinem sexuellen Verlangen nach Knaben.

Wie richtet sich einer sein Dasein ein, der sich Tag für Tag dafür entscheidet, auf das zu verzichten, was er am meisten begehrt? Seine sexuelle Neigung zu kontrollieren, bedeutet für Oliver, eine grosse Verantwortung zu tragen. Nur mit ganz wenigen Menschen spricht er darüber, wie schwer es manchmal ist. Und wie weh es tut, etwas zu empfinden, das Verachtung weckt. Oliver ist stolz, dass er es schafft, deliktfrei zu leben.

Anschauen ist okay, mehr nicht

Psychotherapeutin Monika Egli-Alge.

Psychotherapeutin Monika Egli-Alge.

«Ich habe keine Probleme damit, alleine ins Schwimmbad zu gehen», sagt er. «Ganz ehrlich: Was ist falsch daran, einen Buben schön zu finden? Die Grenzen sind klar. Den Jungen anzuschauen, ihm vielleicht zuzulächeln, ist in Ordnung. Mehr nicht.» Oliver sitzt in einem der gemütlich eingerichteten Therapieräume des Forensischen Instituts Ostschweiz (Forio) in Frauenfeld. Hier wird Menschen mit Pädophilie in Einzel- und Gruppensettings Beratung und Therapie angeboten. Es ist eine der wenigen Fachstellen dieser Art in der Schweiz. Die Massnahmen orientieren sich am Programm des Instituts für Sexualmedizin der Charité Berlin, das sich explizit an pädophile Männer richtet, die straffrei leben wollen. Psychologin Monika Egli-Alge hat das Forio 2004 gegründet. Seit 14 Jahren kommt Oliver zu ihr in die Therapie. Egli-Alge war die erste Person überhaupt, der er sich anvertraut hat. Er spricht offen. Die Präsenz seiner Psychotherapeutin gibt ihm Sicherheit.

Heute ist Oliver um die dreissig Jahre alt, arbeitet in der Industrie. Er lebt alleine in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Ab und zu unternimmt er Ausflüge mit Freunden. Er liest und schreibt leidenschaftlich gern. Er führe «ein ganz normales Leben», sagt der stattliche Mann mit Ostschweizer Dialekt.

«Die Haut der Buben ist so... so fein, ihre Hüften sind schmal gebaut und sie haben keine... Haare... am Körper, meine ich. Das gefällt mir.» In der Stimme von Oliver schwingt Bewunderung mit. Er sucht nach den richtigen Worten, um das auszudrücken, was in manch einem von uns Befremden auslöst. «Und ich mag ihre verspielte Art», ergänzt er. Zurzeit ist Oliver damit beschäftigt, ein Buch über sein Leben mit Pädophilie zu schreiben. «Ich will den Leuten vor Augen führen, was es heisst, als Pädo Teil dieser Gesellschaft zu sein.» Verständnis für seine Sexualpräferenz erwartet der Autor nicht. Aber er wünscht sich, dass sich die Menschen auf das Erzählte einlassen.

Oliver wächst in einem Heim auf – die Familie fehlt ihm

Oliver steht ausschliesslich auf Jungen zwischen acht und dreizehn Jahren. Mit dieser Vorliebe, die sich auf Minderjährige beschränkt, ist er kernpädophil. Als er sich zum ersten Mal in einen gleichaltrigen Knaben verliebte, war er zehn Jahre alt. Damals lebte er im Heim. Er hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), war zu Hause wegen seines aggressiven Verhaltens nicht mehr tragbar gewesen. Seine drei Geschwister wuchsen bei ihren Eltern auf. Die Familie fehlte Oliver

«Damals habe ich mir über die Gefühle, die ich für den Buben empfand, keine grossen Gedanken gemacht. Ich werde halt schwul sein.» Oliver wurde älter. Von zehnjährigen Knaben fühlte er sich weiterhin sexuell angezogen. Als Jugendlichem gelang es Oliver nicht, sein sonderbares Erleben einzuordnen. «Solange noch keine sexuellen Erfahrungen vorhanden sind, kann keine eindeutige Präferenz festgestellt werden», erklärt Expertin Egli-Alge. Generell gilt: Bevor das 18. Altersjahr nicht vollendet worden ist, dürfen Fachleute keine Diagnose stellen.

Im Wald stellten einmal andere Jugendliche Dinge mit ihm an, die seine körperlichen und seelischen Grenzen überschritten. Heute glaubt der junge Mann allerdings nicht, dass er deswegen pädophil ist.

Pädophile tragen Verantwortung– weil sie ihr Verhalten steuern

Die persönliche Situation des jungen Oliver spitzte sich immer mehr zu. Er geriet bei jeder Lappalie in Rage, konnte seine Impulse schlecht kontrollieren, schlug gar zu. Bis es eines Tages hiess: «Entweder du machst eine Therapie oder deine Lehre ist weg!» Oliver war 16 Jahre alt. Wusste nicht, wohin mit sich und den Gefühlen. Immer wieder hatte er diese unbändige Wut im Bauch. Oliver erfährt am eigenen Leib, wie schwer es ist, sein sexuelles Verlangen niemals auf erfüllende Weise stillen zu können. Gewisse Gedanken, die einem Triebtäter durch den Kopf gehen mögen, kann er nachvollziehen. Aber für ihn ist klar:

Er glaubt fest daran, dass er sein Verhalten steuern kann. Auch Fachleute sind überzeugt, dass Pädophile selbst bestimmen können, wie sie sich mit ihrer Neigung arrangieren.

Er will keine Grenzüberschreitungen zulassen

Oliver hat bei sich zu Hause auch schon Buben betreut. Sogar solche aus seiner bevorzugten Altersgruppe. «Ich kann gut mit Buben umgehen», so Oliver. Gab es schon einmal brenzlige Situationen, als er sich in seinen privaten vier Wänden um Knaben gekümmert hat? «Grenzüberschreitungen lasse ich nicht zu. Es liegt in meiner Verantwortung, Stopp zu sagen.» Der junge Mann klingt entschlossen. Auch wenn ein Knabe zum Spass mit ihm rauft, weiss er: «Nur weil ein Junge beim Spielen Körperkontakt sucht, heisst dies noch lange nicht, dass er in sexueller Absicht angefasst werden will.»

Kinder schauen zu den Erwachsenen auf. Körperlichkeit spielt eine grosse Rolle für sie – etwa beim Kuscheln oder eben bei scherzhaften «Handgreiflichkeiten». Dieser Umstand kann von Betroffenen leicht ausgenutzt werden. Monika Egli-Alge sagt, Grenzüberschreitungen würden gerne mit Rechtfertigungsversuchen wie «Das Kind wollte es so» abgewiegelt. Sie sagt:

Ein Problem stellt aber der Mangel an spezialisierten Fachstellen in der Schweiz dar. «Für viele Pädophile ist die Angst vor der gesellschaftlichen Stigmatisierung so immens, dass sie sich nicht getrauen, sich bei niedergelassenen Psychotherapeuten Hilfe zu suchen», so Monika Egli-Alge. «Wenn Betroffene grossflächig darüber informiert würden, dass auf Pädophilie spezialisierte Fachleute für sie sorgen können, würde die Hemmschwelle, entsprechende Therapieangebote zu nutzen, sinken», ist die Expertin überzeugt.

Gibt es bald eine Präventionskampagne für Pädophilie?

Schon im Herbst 2016 haben die damaligen Nationalräte Natalie Rickli und Daniel Jositsch den Bundesrat beauftragt, zu prüfen, wie sich Präventionsmassnahmen für Pädophiliebetroffene auswirken könnten. Monika Egli-Alge ist als Expertin in die Begleitgruppe des Bundesrates berufen worden, die erarbeiten soll, ob eine schweizweite Präventionskampagne sinnvoll wäre. Ein Schlussbericht wird derzeit verfasst, sollte im Sommer 2020 fertiggestellt und zuhanden des Bundesrates abgegeben werden.

Oliver ist sich im Klaren darüber, dass er als Pädophiler selbst zum Täter werden könnte. Dass er über all die Jahre in einer spezialisierten Beratungsstelle wie dem Forio hemmungslos über die Dinge, die ihn belasten, reden durfte und darf, hilft ihm. «Wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte, mich einer Fachperson zu öffnen, hätte ich wohl schon lange ein Kind missbraucht», sinniert der junge Mann. Auch dank der psychologischen Unterstützung ist Oliver bis heute deliktfrei, ein guter Freund und verlässlicher Arbeitskollege.

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