Geschichte

Die Schweiz verurteilte sie, weil sie gegen Nazis kämpften: Neues Buch zeigt die Schicksale von Schweizer Freiheitskämpfern

Am 25. August 1944 befreiten Kämpfer der Résistance gemeinsam mit den Alliierten die französische Hauptstadt Paris.

Am 25. August 1944 befreiten Kämpfer der Résistance gemeinsam mit den Alliierten die französische Hauptstadt Paris.

Freiwillige kämpften in der französischen Résistance gegen die Nationalsozialisten und für ein befreites Europa. Die Schweiz dankte es ihnen mit Gefängnis. Beinahe ging ihre Geschichte vergessen.

Als die Engländer den Berner Fritz Wüth­rich 1940 gefangen nahmen, befand er sich in Palästina. Hinter ihm lagen fünf Jahre Dienst in der französischen Fremdenlegion, vor ihm zwei Optionen: hinter Gittern zu schmoren oder der Anschluss an die «Forces françaises libres» (FFL), die Streitkräfte für ein freies Frankreich. Das Land war kurz zuvor von Hitlers Truppen überrannt, gedemütigt und eingenommen worden. Aus dem Exil in London rief deshalb General Charles de Gaulle seine Landsleute zur Résistance auf, zum Widerstand.

Ihm folgten auch Zehntausende Ausländer, darunter 466 Schweizer. Wer waren sie? Weshalb entschieden sie sich für das Schlachtfeld, wo sie allenfalls Tod oder Deportation erwartete? Der Basler Historiker Peter Huber arbeitet in dem kürzlich erschienenen Buch «Résistance, Schweizer Freiwillige auf der Seite Frankreichs» ihre Geschichte auf, akribisch, umfassend – und schliesst damit eine Forschungs­lücke.

Dabei bringt er Überraschendes zutage: Anders als die 800 Schweizer Freiwilligen, die in den Spanischen Bürgerkrieg zogen, kämpfte die Mehrheit der Schweizer Freiwilligen in der Résistance nicht aus politischen Gründen. Der Kampf gegen Nazi-Deutschland und gegen den Antifaschismus war für viele nicht ausschlaggebend. Auch nicht für Fritz Wüthrich. Der gefangen genommene Legionär wechselte die Seite, um freizukommen.

Nicht nur im Nahen Osten, auch in England oder in Nordafrika liefen Schweizer Söldner von der Fremden­legion zu den Truppen von de Gaulle über. Sie stellten etwas mehr als die Hälfte der Schweizer Freiwilligen in der Résistance dar. Der Kampf war für sie ein Job, der ihnen ein Auskommen garantierte und auf der siegreichen Seite eine bessere Zukunft versprach.

Ihr Handlungsraum war oft beschränkt. So erzählte der Schweizer Legionär Bruno Blatter: «Nach dem Zusammenbruch in Frankreich flüchtete unser Oberst mit uns nach England. Die Fremdenlegion wurde aufgelöst, und ich stand vor der Wahl, entweder in den Dienst der Alliierten (General de Gaulle) einzutreten oder in England in ein Konzentrationslager zu wandern.»

Pragmatische Fremdenlegionäre, patriotische Doppelbürger

Den typischen Schweizer Frei­willigen gab es nicht. Es ist vielmehr eine heterogene Gruppe, die Historiker Huber beschreibt. Er schält sechs Hauptgründe heraus, die primär Männer in die Résistance führten. Neben den pragmatischen Gründen der Legionäre sticht der Patriotismus für Frankreich hervor.

Das betraf vor allem Personen, die vor dem Krieg jahrelang in Frankreich lebten oder Doppelbürger waren. Einer von ihnen war der Neuenburger Willy Tschamper, der während der Annexion Frankreichs im Senegal lebte. Dem Aufruf von de Gaulle folgte er rasch. In einem Brief erklärte er später:

Und weiter: «Ich erlebte die gleichen Freuden, die gleiche Begeisterung und die gleichen Leiden wie die Franzosen während der schmerzhaften Situation im Juni 1940.»

Nur bei jedem zwanzigsten Schweizer Freiwilligen findet Huber Hinweise auf ideologische Gründe für die Résistance. Diese Personen haben sich bereits zuvor in linkspolitischen Organisationen engagiert oder in deren Umfeld bewegt. Etwa Georges Gil­liand aus Lausanne, der von 1936 bis 1938 bereits im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte und verletzt worden war. Vier Jahre später zog er erneut in den Krieg. Diesmal für die Résistance.

Den Weg in den Widerstand ebneten auch private oder wirtschaftliche Gründe, eine Faszination für das militärische Leben oder die Begeisterung ob der erfolgreichen Befreiung von Paris durch den Widerstand. Auffällig ist, wie viele der Schweizer Freiwilligen aus prekären Verhältnissen stammten und am Rand der Gesellschaft lebten. Mehr als die Hälfte von ihnen hatte keine abgeschlossene Berufsausbildung und brachte sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Viele von ihnen waren aufgrund von Delikten wie Diebstahl, Betrug, Zechprellerei oder Einbruch vorbestraft. Fast jeder Zweite wuchs zudem in schwierigsten Verhältnissen auf, erlebte häusliche Gewalt, wurde verdingt oder in Heimen gross. Historiker Huber bezeichnet die Schweizer Versorgungs-, Erziehungs- und Besserungsanstalten als «eigentliche ‹Brutstätte› zukünftiger Freiwilliger – vor allem für die Fremdenlegion, aber auch für die Résistance».

Einer von ihnen war Fritz Wüthrich. Im Alter von drei Jahren starb sein Vater, worauf er bei Bauern administrativ versorgt wurde. Dreimal lief er davon, stahl als Jugendlicher und kam in eine Erziehungsanstalt. Später schaffte er die Rekrutenschule und fand Arbeit bei einem Bauern. Allerdings blieb er bevormundet.

Nachdem sich Wüthrich der Fremdenlegion angeschlossen hatte, hielt der Vormund fest: «Möglicherweise wollte er den Zwang der Vormundschaft und die Strenge in Finanzangelegenheiten, die ich ihm gegenüber anwenden musste, abschütteln.»

Auch Schweizer Frauen schliessen sich dem Widerstand an

Unter den Schweizer Freiwilligen in der Résistance dominierten die Männer. Doch es gab vereinzelt auch Frauen, die Widerstand leisteten. Sie versteckten Waffen, retteten abgeschossene alliierte Flieger oder überbrachten als Informantinnen zwischen den Widerstandsgruppen Nachrichten.

Die Neuenburgerin Anne-Françoise Perret-Gentil war eine besoldete Mitarbeiterin der Résistance.

Die Neuenburgerin Anne-Françoise Perret-Gentil war leitende Mitarbeiterin verschiedener Widerstandsgruppen.

Die Neuenburgerin Anne-Françoise Perret-Gentil war leitende Mitarbeiterin verschiedener Widerstandsgruppen.

Um an Informationen zu gelangen, liess sie sich bei ihrem Bruder als Haushälterin anstellen. Denn er arbeitete für den Feind und verfasste Berichte über mutmassliche Widerstandskämpfer. Perret-Gentil las die Schreiben heimlich und warnte ihre Kameraden. Für ihren Einsatz bezahlte sie teuer: Ihr Bruder verriet sie und lieferte sie der Gestapo aus.

Zehn Tage bevor die Truppen de Gaulles Paris befreiten, wurde sie ins deutsche Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Bei einem Arbeitseinsatz gelang ihr die Flucht. Sie flüchtete nach Berlin, wo sie sich an das Schweizer Konsulat wandte. Wochenlang verweigerte es ihr jedoch jegliche Hilfe.

Die Begründung: Man wisse nicht, ob man es «mit einer Abenteurerin zu tun» habe. Nicht nur die diplomatischen Vertretungen in Deutschland und Frankreich liessen die Widerstandskämpferinnen und -kämpfer im Stich. Auch die Schweizer Justiz würdigte ihr Engagement zur Befreiung Europas nicht. Im Gegenteil. Sie galten als Gesetzesbrecher, die das eigene Land im Stich gelassen hatten.

Bis heute nicht rehabilitiert

Bereits während ihres Kampfes in der Résistance verurteilte die Schweiz die Freiwilligen in der Résistance zu einer unbedingten Gefängnisstrafe von mehreren Monaten, unter anderem wegen Dienstversäumnis oder Schwächung der Wehrkraft. Anders als bei den Spanienfreiwilligen gab es seitens Politik oder Gesellschaft niemanden, der sich für sie starkmachte oder eine Amnestie verlangte.

Immerhin liessen die Militärrichter oft Milde walten, wenn die Rückkehrer ein Wiederaufnahmeverfahren be­antragten. Sie senkten in den meisten Fällen die Strafhöhe und anerkannten «ehrenwerte Beweggründe» insbesondere bei jenen, die aufgrund einer engen Verbundenheit mit Frankreich in den Kampf gezogen waren.

Widerstandskämpfer wie der Berner Fritz Wüthrich, die bereits zuvor mit dem Gesetz haderten, hatten weniger Glück. Sein Einwand, dass er sich durch seinen Einsatz «indirekt auch zum Nutzen der Schweiz betätigt» habe, half wenig. Das Gericht verurteilte ihn zu sechs Monaten Gefängnis und einer Probefrist von drei Jahren.

Bis heute sind die Schweizer Freiwilligen in der Résistance nicht rehabilitiert.

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