«Wer das Kloster Rila nicht besucht hat, war nicht in Bulgarien» – das beteuert die Mehrheit der Bulgaren. Die Redewendung beherzigend, begeben wir uns frühmorgens in den Bus, der von Sofia aus täglich das Rila-Gebirge ansteuert. Bald zeichnen sich die noch schneebedeckten Gipfel des südwestlich liegenden Gebirgsmassivs ab. Der Bus schaukelt gemächlich über eine Landstrasse durch Dörfer, die seltsam menschenleer wirken. Über Serpentinen geht es höher in die wild-archaische Waldlandschaft des Rila-Gebirges.

Dort erhebt sich die Silhouette des höchstgelegenen Klosters in Südosteuropa. Der Eremit Iwan Rilski (heiliger Johannes des Rila-Gebirges) hat es ursprünglich im 10. Jahrhundert in einem langen und tief eingeschnittenen Tal gegründet. Heute gilt das legendäre Kloster Rila als Bulgariens wichtigste Schatzkammer der Malerei und der Holzschnitzkunst. Von aussen lässt sich bestenfalls erahnen, was sich hinter den kleinen Fenstern verbirgt, die an Schiessscharten erinnern. Rila sieht aus wie eine Gebirgsfestung – düster, wehrhaft, uneinnehmbar. Genau diese Wirkung wollten seine Erbauer erzielen.

Die Osmanen hatten während der fast 500 Jahre dauernden Besetzung das abgelegene Kloster zwar nie angetastet. Dennoch blieben der Klostergemeinschaft, die zu ihren Glanzzeiten angeblich 300 Mönche umfasst hatte, Überfälle und Naturkatastrophen nicht erspart. Nachdem ein Grossbrand das Kloster 1833 zerstört hatte, wurde es umfassend und grösser als zuvor wieder aufgebaut – als orthodoxes und nationales Bollwerk gegen die muslimische Fremdherrschaft, auf deren Ende die Bulgaren damals noch etliche Jahrzehnte warten mussten.

Ein Teigkrapfen zur Stärkung

Heute halten Verkäufer vor den beiden Eingangstoren des Klosters ihre Ware feil. Sie bieten vornehmlich Kreuze, Ikonen und religiöse Literatur an. Ein paar Meter weiter riecht es verführerisch nach frischen Mekitzi – Teigkrapfen, die kurz in Öl gebacken und mit Puderzucker, Honig oder Konfitüre überzogen werden.

So gestärkt, lässt sich in das Kloster eintreten, wo man in eine andere Welt gelangt. Nicht nur frühmorgens oder am späten Nachmittag, wenn sich hier nur wenige Besucher aufhalten, herrscht Stille. «Der Ort besitzt eine eigene Atmosphäre, eine bestimmte Energie, die dafür sorgt, dass man zur Ruhe kommt und die Zeit vergisst», sagt Maria, die als Übersetzerin arbeitet. So wenig gastfreundlich sich das Kloster Rila von aussen gibt, so heiter und verspielt wirkt der gepflasterte Innenhof, gerahmt von mehrstöckigen, mit Erkern und Balkonen verzierten Wohnflügeln. Luftige Arkaden und Bögen aus Stein und Holz gliedern die Fassaden. Je nach Tageszeit zeigen bemalte Ziegel, weisse und schwarze Fassadenteile, Ornamente und Wandmalereien ihr Spiel mit Licht und Schatten.

Mahnende Bestien im Fegefeuer

Die im 19. Jahrhundert geschaffenen Wandmalereien und Fresken in der kuppelgekrönten Mariä-Geburt-Kirche zeigen biblische Szenen. Aber auch Persönlichkeiten des Zeitgeschehens wurden in kräftigen Farben verewigt. Selbst Szenen aus dem Alltag der Bulgaren fanden Eingang. Nicht weniger beeindruckend wirken die Darstellungen von Fegefeuer und Hölle, bevölkert von furchterregenden Bestien und feuerspeienden Fabelwesen.

Dieses Panoptikum des Schreckens sollte die Folgen eines zügellosen Lebenswandels im Jenseits vor Augen führen. In den umfangreichen Beständen der Klosterbibliothek werden die Werke des Mönchs und Chronisten Paisij Hilendarski aufbewahrt, der im 18. Jahrhundert gelebt hatte. «O du Uneinsichtiger und Schwachsinniger, weshalb schämst du dich, dich Bulgare zu nennen?», zitiert Übersetzerin Maria den Mönch, der seinen zaudernden und von Selbstzweifeln verfolgten Zeitgenossen ins Gewissen redete. Das Kulturerbe, welches das Kloster Rila repräsentiert, stehe für «die guten Abschnitte unserer Geschichte. Ich verbinde es mit den positiven Seiten des bulgarischen Charakters», sagt sie.

Die Mehrheit ihrer Landsleute sieht das ähnlich. Keine kulturelle Stätte Bulgariens verkörpert für die Einheimischen stärker die bulgarische Identität als Rila, das während der kommunistischen Zeit als «nationaler Kulturkomplex» galt. Zu Beginn der 1960er-Jahre hatte die Regierung das Kloster verstaatlicht und die Mönche auf andere Klöster verteilt. Gottesdienste waren untersagt. Mit der Aufnahme in die Welterbeliste hat die Unesco 1983 dem Gebirgskloster universellen Wert bescheinigt; sechs Jahre später bekam die orthodoxe Kirche Rila zurück.

Seither hat sich das Kloster in einen Ort der Spiritualität zurückverwandelt. Allerdings nahm – wie auch in anderen Klöstern – die Zahl der Mönche dramatisch ab. «Man sieht jedoch, wie sie aktiv auf die Besucher zugehen, das Gespräch suchen», sagt Englischlehrerin Slawka. Viele Bulgaren hätten zur Religiosität zurückgefunden, sagt sie. «In Rila finden sie mit ihren Anliegen und Problemen Beistand oder wenigstens Trost.» Slwaka zog es bei ihrem ersten Besuch von Rila hingegen zur nahe gelegenen Grotte. Darin soll der Gründer des Klosters, der heilige Iwan Rilski, gelebt haben. Ein Spaziergang zur Klause mitten in einem nach Harz und Pilzen duftenden Wald gehört für die meisten Klosterbesucher zum Pflichtprogramm. Dann schöpfen sie Wasser aus einem Brunnen, an dem schon der Heilige seinen Durst gestillt haben soll.