Tanzen

Der Mensch kommt als Tänzer zur Welt – wie wir im Alter den Rhythmus wiederfinden

Körpersprache: Ausgelassen tanzende Kinder an einem Geburtstagsfest.

Babys tanzen, sobald sie Musik hören. Mit zunehmendem Alter verlieren wir diesen Impuls. Dabei macht Tanzen glücklich und kann bei einigen Krankheiten sogar heilende Wirkung haben. Wie holt man den inneren Tänzer zurück?

Ein Rollator ist in der Ecke geparkt, ein Gehstock lehnt an der Wand. Die Gehhilfen haben eine Stunde Pause. Während dieser Zeit sind ihre Benutzerinnen in der Tanzstunde. Im Walzertakt stampfen sie mit ihren Füssen, klatschen in die Hände. Zu Klaviermusik zeichnen sie grosse Kreise in die Luft, wiegen ihren Oberkörper. Ihren Stuhl verlassen sie dabei nicht. «Tanzen im Sitzen» heisst die Stunde, in der Seniorinnen wie Dorette, 85, oder Susanne, 76, sich einem urmenschlichen Bedürfnis hingeben, zu tanzen.

Seit es Menschen gibt, haben sie ihre Körper zur Musik bewegt. Angeleitet von Rhythmen, erzählten sie Geschichten oder drückten Gefühle aus. Sie schworen sich mit synchronen Bewegungen auf Kämpfe ein, huldigten Gottheiten oder liessen sich von der eigenen Bewegung berauschen. «Alle uns bekannten Ethnien entwickelten Musik und Tanz. Das Phänomen scheint die Evolution überdauert zu haben und ist wohl tiefer ins Menschsein eingegraben, als uns heute bewusst ist», sagt Gunter Kreutz.

Er ist Musikwissenschafter an der Universität Oldenburg. Die Frage ist nur: Warum ist das so? Warum tanzt der Mensch? Für Professor Olivier Senn von der Hochschule Luzern hat der Tanz kulturelle Gründe: «Entwicklungsgeschichtlich gesehen, war es für unsere Vorfahren ein Vorteil, wenn sie Körperbewegung innerhalb der Gruppe synchronisieren konnten: sei es beim Rudern, Schmieden, Mehl Mahlen oder im Krieg.»

Etwas Archaisches haftet dem Tanzen bis heute an. Wochenende für Wochenende. Ob im angesagten Elektro-Club oder im Salsa-Schuppen: Verschwitzte Menschen drängen sich freiwillig auf engstem Raum zusammen und verschmelzen zu einer zuckenden Masse. Nicht allen ist das geheuer.

Dabei haben vermutlich selbst die hartnäckigsten Tanzverweigernden als Baby ihre in Pampers eingepackten Hüften geschwungen. «Forschung hat gezeigt, dass bereits Neugeborene reagieren, wenn in einer Serie von regelmässigen Klängen ein Schlag fehlt», erklärt Olivier Senn. Der Musikforscher untersucht das Groove-Phänomen, also die musikalischen und psychischen Faktoren, die uns zum Tanzen animieren. «Der Herzschlag der Mutter ist eine wesentliche Komponente des «Soundtracks», den ein ungeborenes Kind im Mutterleib mitbekommt.»

Kenianische Massai-Krieger beim traditionellen Tanz.

Kenianische Massai-Krieger beim traditionellen Tanz.

Wohl auch deshalb reagieren Kleinkinder zwischen fünf Monaten und zwei Jahren stärker auf Rhythmen oder Melodien als auf die gesprochene Sprache. Das haben Wissenschafter der Universitäten von York und Jyväskylä vor einigen Jahren nachgewiesen. Bereits Säuglinge passen ihre Bewegungen der vorgespielten Musik an. Und: Je besser es den Kleinkindern gelingt, ihren Körper mit dem Rhythmus zu synchronisieren, umso mehr lächeln sie. Der Mensch kommt also als Tänzer zur Welt.

Doch zusammen mit den Milchzähnen scheinen die meisten auch das Tanzbein zu verlieren. Jahre später fühlen sie sich auf der Tanzfläche unbeholfen, steif und schlicht deplatziert. Kann man die frühkindliche Intuition verlieren? Nein, sagt Gunter Kreutz. Aber es brauche eine entsprechende Vermittlung: «Tanzen ist wie eine Sprache lernen. Es sind Bewegungsvokabeln, die man sich aneignet und vermittelt bekommt.»

Viele würden diesbezüglich ihre eigenen Kompetenzen unterschätzen: «Es sollte einen demütig stimmen, wenn man sieht, dass Menschen im Rollstuhl auf der Tanzfläche unterwegs sind oder Menschen mit Rollatoren Choreografien einstudieren.»

Zentral sei aber, wie das Umfeld auf die frühkindlichen, rhythmischen Bewegungen reagiere, sagt Gunter Kreutz. «Bekommt das Kind Zuspruch, erlebt es das Tanzen positiv und verinnerlicht es.» Anders als bei Erwachsenen zeige sich bei Kleinkindern noch kein Unterschied zwischen den Geschlechtern. «Vermutlich macht er sich bemerkbar, wenn die kindlichen Neigungen geschlechterspezifisch unterstützt werden», erklärt Kreutz.

Wenn also Eltern ihren Töchtern begeistert Tutus für den Ballettunterricht kaufen, ihren Söhnen jedoch lieber Schienbeinschoner fürs Fussballtraining. Dabei muss es nicht immer Ballett sein, um sich für die eigene Körpersprache zu begeistern. Das hat etwa das Phänomen Michael Jackson gezeigt: Seinen Moonwalk übten Tausende Kinder – darunter viele Jungs – vor dem Spiegel.

Wie beispielsweise Reto Caduff. Der Primarschullehrer des Zürcher Schulhauses Probstei hat schon als Jugendlicher getanzt und sich die Begeisterung fürs Tanzen als Pädagoge beibehalten: «Als Klasse gemeinsam einen Tanz einzustudieren, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und gibt den Kindern die Möglichkeit, sich ohne Worte auszudrücken.» Heute tanzt Caduff Streetdance – und zwar mit seiner ganzen Schulklasse. «Zuerst hat es mich verwirrt, dass mein Lehrer Baby-Freeze, Handstand und Rückwärtssalto macht. Aber dann fand ich es cool», erzählt Schülerin Xenia.

Mittlerweile ist für die Elfjährige Tanzen ebenfalls zu einer besonderen Form des Sich-Bewegens geworden: «Wenn ich hässig bin, kann ich im Hip-Hop auch hässig tanzen. Ich kann die Gefühle mit reinnehmen.» Liegt die jahrtausendealte Faszination des Menschen für den Tanz auch darin, dass sich dabei Körper und Seele verbinden? Selbst wenn dabei manchmal der Kopf in die Quere kommt, wie Redo Caduffs Schüler Joa (12) erzählt: «Wenn ich beim Tanzen einen Fehler mache, denke ich, ich kann es nicht.»

Das Schlafzimmer wird zum Tanzstudio: Mädchen beim Üben vor dem Spiegel.

Das Schlafzimmer wird zum Tanzstudio: Mädchen beim Üben vor dem Spiegel.

Unsicherheiten beobachtet auch der Lehrer: «Viele Kinder haben Angst, ausgelacht zu werden, und sind dadurch gehemmt. Anfangs Mittelstufe beginnen sie, sich vereinzelt zu schämen. Besonders schlimm wird es während der Pubertät. Meine Erfahrung zeigt, dass diese Bedenken meisten unbegründet sind. Wenn wir beispielsweise auf dem Pausenplatz Choreografien üben, gesellen sich andere Kinder zu uns und trainieren mit oder applaudieren am Ende. Solche Erlebnisse stärken das Selbstwertgefühl ungemein.»

Youtube als Tanzlehrer

Samstagabend. Die Fassade des Zürcher Opernhauses erstrahlt im Lichterglanz. Drinnen tanzt die Compagnie das Ballettmärchen «Giselle», begleitet von schmelzendem Orchesterklang. Auch draussen wird getanzt oder vielmehr: gedanct. Ein Ghettoblaster sorgt für den passenden Groove. Mit den ersten Beats finden sich Jugendliche zu immer neuen Formationen zusammen, beginnen nach einer gemeinsamen Choreografie zu tanzen. Hoodies, bauchfreie Tops und rund 30 Paar Sneakers wippen synchron im Takt.

Ein Paar davon gehört «Flameaspect», wie sich der 17-jährige Zürcher Tänzer auf Instagram nennt. Er habe nie Tanzstunden genommen, sondern mit Videos auf Youtube K-Pop, die koreanische Art von Pop, tanzen gelernt. «Jetzt mache ich selber Choreos», erzählt er und zeigt einige davon auf dem Smartphone. Seine Follower üben sie ein, beim Flashmob vor dem Opernhaus haben alle Jugendlichen dieselben Moves drauf.

Youtube und die sozialen Medien eröffnen den Tänzerinnen und Tänzern eine neue Bühne: jene des Internets. Der beliebteste Tanzlehrer heute heisst Youtube. Jugendliche lernen zu Hause tanzen und laden die neusten Choreografien hoch; Communities wie die Jumpers vernetzen sich weltweit über die sozialen Medien – und Trends wie der Gangnam-Style oder Harlem Shake lassen Menschen auf allen Kontinenten zu denselben Beats hüpfen.

Polka statt Pille

Nur: Hat das überhaupt noch etwas mit dem Knistern früherer Bälle, Stubeten und Hoftänze zu tun? Ja, sagt Musikwissenschafter Kreutz: «Unser Hirn reagiert immer noch gleich aufs Tanzen. Beim Tanzen schüttet der Körper Hormone aus, die euphorisierend, stresslindernd und möglicherweise gar bewusstseinsverändernd wirken.»

Und der Luzerner Professor Olivier Senn erklärt: «Unsere Theorie ist, dass zwischen den beiden Aktivitäten Musikhören und Körperbewegung eine Art hedonistischer Feedback-Loop stattfindet: Musikhören macht Spass, animiert uns zum Tanzen, was wiederum noch mehr Spass macht und so weiter. Studien im Bereich der Sportwissenschaften haben gezeigt, dass viele Menschen mehr Ausdauer zeigen, wenn sie Ausdauersport zu synchronisierter Musik ausführen.»

Auch die Medizin entdeckt die heilende Wirkung des Tanzens. So konnte die Forschung nachweisen, dass sich Tango-Tanzen besonders positiv auf den Gleichgewichtssinn von Parkinson-Patienten auswirkt. Zudem gibt es Hinweise, dass Tanzen helfen kann, einer Demenz vorzubeugen. Im solothurnischen Erlinsbach suchen die Kursteilnehmerinnen nicht primär deshalb das «Tanzen im Sitzen» auf. Es geht um die Bewegung, aber nicht nur. Das Erleben von Gemeinschaft ist ebenso wichtig. «Ich komme raus, habe Kontakt zu anderen Menschen und kann lachen», sagt die 85-jährige Dorette.

Tanzveranstaltung von Pro Senectute in Ennenda GL 2017.

Tanzveranstaltung von Pro Senectute in Ennenda GL 2017.

Trudi Moser-Lehmann ist die Schweizer Pionierin bei dieser Form des Seniorentanzes. Die Kursleiterin hat schon erlebt, dass ein stark verwirrter Mann fast aus dem Rollstuhl gekippt sei, weil er sich mitteilen wollte – sprechen konnte er längst nicht mehr. Eine andere Kursteilnehmerin drehte der Gruppe anfänglich demonstrativ den Rücken zu. «Sie hat schliesslich mitgemacht und sogar mit der Gruppe interagiert. Das sind für die einzelnen Personen gewaltige Erlebnisse», sagt sie.

Wer tanzt, entdeckt auch ein anderes ich. Schon die achtjährige Carine, die einen Hip-Hop-Kurs im Quartier besucht, erklärt stolz: «Beim Tanzen fühle ich mich ein bisschen wie ein Popstar.» Und Gunter Kreutz verweist auf Projekte mit stark benachteiligten oder übergewichtigen Jugendlichen: «Durch den Hip-Hop-Tanz kann es gelingen, dass sie ihr Selbstbild verändern. Auch erhalten sie eine Strategie, um negative Gefühle zu kanalisieren.» Deshalb plädiert Kreutz für ein «Tanzen auf Rezept».

Polka statt Pille – kann es wirklich so einfach sein? Der Wissenschafter meint dazu: «Das wäre ein klares Signal, dass Menschen für ihre Genesung nicht nur Pharmazie einnehmen müssen, sondern ihren Körper als Ressource nutzen können.»

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