Lawinen

Denken statt Retten: Mit Kurs-System zertifizierter Freerider werden

Freeride-Profis wollen die Prävention revolutionieren. Dabei nehmen sie sich den Tauchsport zum Vorbild. Ein international anerkanntes Kurssystem soll Sicherheit abseits der Piste schaffen - und das Image von Freeridern verbessern.

Am liebsten werben Skigebiete mit frisch verschneiten Pulverhängen. Das Skifahren und Snowboarden abseits der Piste weckt bei uns Werbekonsumenten mehr Emotionen als überfüllte Pisten. Denn Pulverschnee verspricht Freiheit, Kick und Schneesicherheit – das A und O im hart umkämpften Wintermarkt.

Auch die Trends zielen in eine eindeutige Richtung. Der Skimarkt stagniert seit Jahren, doch das Geschäft mit breiten Off-Piste-Latten, Lawinenverschüttetensuchgeräten (LVS) und Lawinen-Airbags boomt. Allein im letzten Winter wurden in der Schweiz 180000 LVS verkauft. Und 60000 Lawinen-Airbags.

Die ehemaligen Nischenprodukte sind längst zu Massenprodukten geworden. Und so bewegen sich immer mehr Menschen im ungesicherten Gebiet abseits der Pisten. Ein gefährliches Spiel: Jährlich kommt es in der Schweiz durchschnittlich zu 25 Lawinentoten. 90 Prozent der Lawinen werden durch die Sportler selbst ausgelöst.

Unausgebildete Freerider

Besonders Freerider, die innerhalb der Skigebiete ihren Rausch suchen, haben nicht den besten Ruf. Passiert ein Unfall und verschüttet eine Lawine auch noch eine Piste, rufen Kritiker schnell nach Verboten. Das aber stellt ein breit abgestütztes Prinzip infrage: den freien Zugang zum Berg. Es ist der Heilige Gral der Alpinisten: Sicherheitszwang darf nicht das letzte Stück Freiheit nehmen.

Das Problem der ahnungslosen Freerider und des Rufs nach Verboten hat der Westschweizer Freeride-Profi Dominique Perret erkannt. Er handelte und hat gestern ein neues Angebot vorgestellt: Mit dem von ihm und vierzig internationalen Experten entwickelten Lawinen-Ausbildungsprogramm, der International Snow Training Academy (Ista), will er neue Wege in der Prävention gehen. «Wir dürfen nicht nur über Unfälle und Rettung sprechen, sondern müssen endlich die Prävention fördern», sagte Perret gestern vor Journalisten.

Bereits ab diesem Winter bieten erste Ausbildner Kursmodule an. Das Angebot soll niederschwellig und nach der mehrjährigen Einführungsphase weltweit anerkannt sein.

Ausgebildete Taucher

Perret hat sich ein Beispiel an den Tauchern genommen. Padi heisst das weltweite Ausbildungssystem, an dem sich die Tauchschulen orientieren. Der Vorteil: Dank standardisierter Module lässt sich eine Taucherausbildung zum Beispiel auf den Philippinen beginnen und in der Karibik fortführen. Gleiches schwebt Perret vor: Zertifikate sollen den Wissensstand der Kursteilnehmer weltweit belegen.

Beim Tauchen aber läuft es in der richtigen Reihenfolge. Oder welcher Laie kauft sich schon zuerst eine Taucherausrüstung und wagt sich ohne Kurs ins tiefe Wasser? Anders im Gebirge: Breite Ski, LVS, Schaufel, Sonde und vielleicht noch ein Lawinen-Airbag – und schon geht es ab ins ungesicherte Gelände.

«Viele Varianten-Fahrer verstehen darunter bereits Prävention», kritisiert Werner Munter, Autor eines Standardwerks zur Lawinenprävention und als «Lawinenpapst» bekannt. «Sich ein LVS um den Hals hängen, hat mit Prävention aber nichts zu tun.» Das sei verheerend. Echte Prävention beginnt für Munter beim eigenen Verhalten. Lieber aber lernten die Menschen Rettung. Viel zu viel Zeit würde bei Lawinenausbildungskursen damit aufgewendet, mit LVS zu hantieren. «Das ist einfacher, weil es um andere geht und man das eigene Verhalten nicht infrage stellen muss», so Munter.

Hier will Perret mit seinem System ansetzen. Doch Munter bezweifelt, dass es funktioniert: «Man müsste die Leute ja dazu zwingen!» Die Antwort von Perret ist ein Trick: Sein Anfängerkurs wird in der Schweiz 229 Franken kosten. 229 Franken, die dem Absolventen gutgeschrieben werden. Damit soll er sich günstiger ein Paar Ski, einen Lawinenrucksack oder sonstige Ausrüstungsgegenstände kaufen können.

Die Idee dahinter stammt vom Tauchen: Zuerst kommt die Ausbildung, dann das Material. Munter aber bleibt skeptisch: «Das bringt doch nichts. Der Tourist aus Hamburg, der über Nacht in die Alpen fährt, will in den Tiefschnee und nicht zuerst zum Kurs.»

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