Bordeaux

Bordeaux 2012 - einige exzellente Weine, aber auch viele Enttäuschungen

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2012 bekamen die Trauben im Bordelais zwar mehr Wärme und Dichte als die nasse 2002er-Ernte, dennoch wird der Jahrgang 2012 nicht zu den allerbesten gehören.

Der Jahrgang 2012 war im Bordelais kein einfacher – und er ist auch nicht einfach zu bewerten. Paul Pontallier, technischer Direktor von Château Margaux, bezeichnet ihn als «einen klassischen Jahrgang – zurück zur Normalität». Nichts war perfekt, nicht wie 2009 und 2010.

Die Qualität ist sehr variabel, speziell im Médoc, wo die Cabernet-Sauvignon-Trauben Mühe hatten, voll auszureifen, bevor der späte September- und Oktoberregen einsetzte. «Wir hätten idealerweise noch eine Woche mehr gutes Wetter gebraucht, damit der Reifeprozess dieses Jahrgangs einer Topqualität gleichgekommen wäre», meint Christian Seely vom Château Pichon Baron. Ein gutes Terroir war entscheidend. In den besten und leicht wärmeren Lagen konnte man so die Extra-Grade für die Reifung der Trauben erreichen, die im letzten Jahr dringend nötig waren.

Nasser, kalter Frühling

Die Vegetationszeit kann man in drei Phasen aufteilen. Der Frühling war nass und kalt, was zu Krankheitsbefall der Blüten führte. Der Sommer war sehr trocken und ziemlich warm, mit ein paar sehr heissen Tagen. Die Erntewochen Ende September und Oktober mit beständigem Regen führten dazu, dass die Anbauer nicht zu spät ernten durften, damit sich keine Grauschimmelfäule (Botrytis) entwickeln konnte.

Die Cabernet-dominierten Assemblages (Verschnitte) aus dem Médoc tendieren zu frischen, präzisen, puren und eleganten Weinen mit einem üblichen Alkoholgehalt zwischen 13 und 13,5 Prozent. Die Weine haben ein sehr feines, aber trügerisch kräftiges Tannin mit perfekt integrierten Eichenvanillinen im Abgang. Aber oft fehlt es an Gewicht und Körper im Gaumen. Die Fruchtnoten sind manchmal ziemlich dunkel und kühl; selten grün, aber es mangelt an Reife und der nötigen Portion an reifen Cassisfrucht-Noten, die die Weine sehr viel angenehmer machen würden.

Strikte Selektion

Die besten Grand Crus Classés konnten es sich leisten, eine sehr strikte Selektion zu machen und nur die allerreifsten und gesündesten Trauben für ihre «Grand Vins» zu ernten. Trotz der erwähnten Schwierigkeiten dieses Jahrgangs haben sie extrem hoch qualifizierte Weine produziert. Kleinere Châteaus ohne diese finanziellen Möglichkeiten konnten ihre Rebberge nicht so dramatisch zurückschneiden, sodass die Qualität dieser Produzenten aus dem Médoc sehr variabel ist.

Die früh reifenden Merlot-dominierten Assemblages vom «rechten Ufer» konnten rechtzeitig vor dem Oktoberregen geerntet werden und sind deshalb süsser in der Frucht, reifer, dichter und aromatischer, mit mehr Alkohol um die 14 Prozent. Der Jahrgang war besonders erfolgreich im Pomerol, obwohl Guillaume Thienpont vom Vieux Château Certan feststellte: «Noch vor 15 Jahren hätten wir diese gute Weinqualität nicht erreichen können. Heute ist der Schlüssel dazu eine strengere Trauben-Selektion.»

Fruchtige und genussvolle Weine

St. Emilion zeigte eine viel höhere Varietät an Qualitäten, produzierte aber einige sehr angenehme, frische und vor allem auch fruchtige Weine. Eines der grossen Highlights dieses Jahrgangs sind die Weine von Pauline Vauthier. Die äusserst bescheidene Önologin von Château Ausone produziert grossartige Weine – vom Fonbel bis hin zum «Only-for-millionaires»-Ausone. «Der Jahrgang 2012 hat im St. Emilion besonders fruchtige und genussvolle Weine hervorgebracht, ohne zu viel Tannin und Struktur», betont sie erfreut.

Es war auch ein gutes Jahr für trockene Weissweine, die Ende August und Anfang September bei besten Bedingungen und perfekter Reife geerntet werden konnten. Ich kann mich nicht erinnern, je so spannende Weissweine aus dem Bordelais degustiert zu haben. Speziell solche aus vollmundigen Semillon-Trauben, die ihnen Struktur und ein exzellentes Alterungspotenzial bieten. Die Qualität des Sauternes 2012 lässt sich nicht einfach verallgemeinern. Manchenorts hat leider der Oktoberregen die Entwicklung der gewünschten «noblen» Fäule (Botrytis) in den Trauben verhindert, sodass sich einige Châteaux entschieden, keinen «Grand Vin» zu produzieren (Yquem, Suduiraut, Rieussec).

Perfekt ausbalancierte Topweine

Trotzdem gab es einige bemerkenswerte Ausnahmen – im Speziellen Châteaux Climens und La Tour Blanche – welche es schafften, perfekt ausbalancierte Topweine zu produzieren. Beronice Lurton, Besitzer des Château Climens, führt dies auf die kürzliche Umstellung auf biodynamischen Weinbau zurück, was die Trauben dieses Jahr gerettet und ihnen die nötige Resistenzkraft gegen die gefürchtete Fäule gegeben habe. Es ist faszinierend und sicher kein Zufall, dass genau die zwei Produzenten zu den Erfolgreichste n dieses Jahrgangs gehörten – Château Climens und Pontet Canet – die biodynamisch arbeiten. Sie sind noch eines der seltenen Châteaux im Bordelais, die darauf setzen.

2012 (wie auch 2011) gehören zu den kleinsten Gesamternten von «Erstweinen» seit 25 Jahren, was auf die ziemlich radikale Erntearbeit nach der Blüte-
zeit und die strenge Selektion bei der Ernte zurückzuführen ist. Der Ertrag ist deshalb rund 30 Prozent unter dem Durchschnitt.

Generell sollten die besser qualifizierten Gewächse aus dem Médoc in ungefähr 5 bis 6 Jahren trinkbereit sein. Weniger hoch bewertete Médoc-Châteaux und solche vom «rechten Ufer» wird man schon früher geniessen können, dafür nicht mit der gleichen Lebensdauer.

«2012 wird als Jahr mit präzisen, frischen Weinen von reiner Fruchtigkeit und zugänglichen Tanninen eingehen», ist Christian Seely vom Château Pichon Baron überzeugt. «Vergleichbar mit dem Stil von 1988, aber mit dem Vorteil, dass heute strengere Methoden im Weinberg herrschen.» Yves Delsol, technischer Direktor von Château Montrose, sieht den Jahrgang sogar noch positiver: «2012 war einiges besser als 2008 oder 2011, die Weine sind zugänglicher und ein wenig reifer, jedoch mit ähnlichen Tannin-Anteilen wie 2010, dafür geschmeidiger.»

Kluge Auswahl wichtig

Bewertet mandiesen Jahrgang ganz emotionslos, dann muss man betonen, dass er mehr Wärme und Dichte bekam als die nasse 2002er-Ernte und das kalte, magere Jahr 2004. Er ist auch nicht so säurehaltig wie der 2007er und doch charmanter als der 2011er, aber dafür auch nicht so einheitlich. Es ist ein klassischer und traditioneller Bordeaux-Jahrgang mit allgemein moderater bis guter Qualität, vergleichbar mit dem Standard von 2008 und längerfristig möglicherweise wie 2001. Aber der 2012er ist ein Jahrgang, bei dem man sehr klug bei der Auswahl des Châteaux sein muss – einige sind sehr gut, viele werden enttäuschen.

Bordeaux-Weine als Kapitalanlage befinden sich seit den letzten 18 bis 24 Monaten in einer Flaute. Die Preise der Topweine sind in dieser Periode um rund 30 Prozent gefallen. Vor allem für 2009er-, 2010er- und 2011er-Weine, die als «En Primeur» gekauft wurden, haben an Wert kaum zugelegt («En Primeur» bedeutet, dass der jüngste Bordeaux-Jahrgang noch im Fass lagert, aber bereits gekauft werden kann).

Der Grund dafür ist, dass die Besitzer der Bordeaux-Châteaux die Preise so hoch ansetzten, dass für die Kunden kaum Spielraum war, in dieser kurzen Zeit einen Gewinn zu erzielen. Dazu kommt, dass immer noch viele 2010er- und 2011er-Weine im Bordelais erhältlich sind. Sofern die Preise für 2012 nicht dramatisch fallen, gibt es aus Investment-Perspektive wenige Gründe, diesen Jahrgang bereits als Primeur zu kaufen.

Der einzig wirkliche Grund, es dennoch zu machen, ist einerseits, wenn Sie absolut sicher Ihren Favoriten-Wein haben wollen, und andererseits, wenn Sie gerne seltene Grössen wie etwa halbe Flaschen oder Magnums kaufen wollen. Ich vermute aber, dass die meisten in zwei Jahren einmal in der Flasche noch gut erhältlich sein werden, und zwar etwa zum selben Preis, wie sie in den nächsten Wochen angeboten werden.

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