Wildtiere wie Elefanten, Löwen oder Zebras in der Manege vorzuführen: Das ist nicht mehr zeitgemäss. Darin sind sich Tierschützer und viele Zirkusbetreiber einig. Dabei ist es gar nicht lange her, dass unterhaltungshungrige Zuschauer Eintritt bezahlten für eine noch viel absurdere «Attraktion»: Menschen.

Im Holiday Park im deutschen Städtchen Hassloch gafften Besucher bis 1996 (!) durch die Glasfassaden der Wohnwagen, in denen die Parkbetreiber mehrere kleinwüchsige Menschen untergebracht hatten. Die ausgestellten Kleinwüchsigen – in Anlehnung an die zwergenhaften Bewohner der Insel Liliput in Jonathan Swift’s Geschichte «Gullivers Reisen» auch «Liliputaner» genannt – mussten vor den Augen der glotzenden Meute essen, arbeiten – und sogar schlafen. «Die haben uns begutachtet wie Vieh», erzählte Brigida Saar, eine der Leidtragenden, vor einigen Jahren der «Süddeutschen Zeitung».

Bevor sie den Park eröffneten, ist die Gründerfamilie Schneider mit «ihren Liliputanern» quer durch Europa gereist und hat sie bis in die Siebzigerjahre in verschiedenen Städten, auch in Zürich, zur Schau gestellt. Die Schneiders folgten damit der so alten wie tragischen Tradition, körperlich deformierte oder aussergewöhnliche Menschen zur Schau zu stellen.

Weltweite Berühmtheit erlangte etwa der amerikanische Schausteller P. T. Barnum, der mit seiner «Side Show» durch die Lande zog und seine Agenten auf der ganzen Welt ausschwärmen liess, um nach manegentauglichen «Freaks» und «Missgeburten» zu suchen.

Auch in Europa blühte die Menschenschau im 19. Jahrhundert im Schatten der Kolonialisierung und der mit ihr einhergehenden Faszination für das «Exotische» auf. Begafft wurde etwa «Lionel, der Löwenmensch», der mit bürgerlichem Namen Stefan Bibrowski hiess und wegen eines seltenen Gendefekts am ganzen Körper stark behaart war. Auftritte hatte er unter anderem am Münchner Oktoberfest im Jahr 1906.

Zur selben Zeit reiste der Augsburger Peter Spanner durch das Land. Seine «Attraktion»: Er konnte die Haut seines Halses wegen einer Zellgewebekrankheit über sein Gesicht bis zum Haaransatz ziehen.

Pastranas Schicksal

Der österreichische Schausteller Jakob Feigl bewarb seine Shows mit der «Dicken Rosl», dem angeblich schwersten Mädchen der Welt. Die junge Frau wog rund 270 Kilogramm. Im Schlepptau hatte Feigl auch den «nordischen Riesen Olaf», einen 2,34 Meter grossen Isländer, der die Massen verzückte.

Der Sarg der als "Affenfrau" bekannten Julia Pastrana ist gut 150 Jahre nach ihrem Tod nach Mexiko zurückgekommen.

Der Sarg der als "Affenfrau" bekannten Julia Pastrana ist gut 150 Jahre nach ihrem Tod nach Mexiko zurückgekommen.

Besonders tragisch ist die Geschichte der Mexikanerin Julia Pastrana, die von Schausteller Theodore Lent in Europa als «hässlichste Frau der Welt» zur Schau gestellt wurde. Lent schwängerte Pastrana. Kurz nach der Geburt des Kindes verstarb sie. Statt sie zu beerdigen, stellte Lent den faulenden Körper weiterhin zur Schau, liess seine verstorbene Ehefrau ausstopfen und verkaufte sie – zusammen mit dem ebenfalls verstorbenen Sohn – an den norwegischen Schausteller Haakon Lund, der sie bis 1943 als «Attraktion» bewarb.