Interview

Biologe gibt Entwarnung: «In den einheimischen Fledermäusen fand man das Virus  nicht»

Fledermäuse haben ein hervorragendes Immunsystem: Sie sterben deshalb nicht, wenn ein Virus gefährlich mutiert, sondern können den Virus weitergeben.

Fledermäuse haben ein hervorragendes Immunsystem: Sie sterben deshalb nicht, wenn ein Virus gefährlich mutiert, sondern können den Virus weitergeben.

Das Coronavirus stammt ursprünglich wahrscheinlich von Fledermäusen. Es heisst, Fledermäuse seien gefährliche Virenschleudern wegen ihres extrem guten Immunsystems. In der Schweiz muss man trotzdem keine Angst vor den fliegenden Säugetieren haben. Warum, das erklärt Biologe Hubert Krättli von der Stiftung Fledermausschutz.

Das Coronavirus ist nicht das erste, das vermutlich aus Fledermäusen stammt. Befürchten Sie einen Imageschaden für die Tiere?

Hubert Krättli: Infolge einer teilweise mangelhaften Berichterstattung haben wir vermehrt Anfragen aus der Bevölkerung erhalten, die sich Sorgen macht, ob unsere Fledermäuse gefährlich sind. Diese konnten wir entkräften.

Die Fledermaus ist also nicht schuld?

Es ist menschlich, dass wir einen Schuldigen für die aktuelle Covid-Pandemie suchen. Für die USA sind es die Chinesen, für die Chinesen die USA und für einige sind es die Fledermäuse, weil ein ähnliches Virus wie Sars-CoV2 bei einer chinesischen Fledermausart gefunden wurde. Dieses Virus könnte auf einen Zwischenwirt übergesprungen, mutiert und infolgedessen auf den Menschen übertragen worden sein. Begünstigt worden wäre eine solche Entwicklung dadurch, dass in China Wildtiere auf Märkten auf engstem Raum und unter teilweise zweifelhaften hygienischen Bedingungen zum Verzehr angeboten werden. Die Lungenkrankheit Sars in den 00er-Jahren hatte einen ähnlichen Ursprung und Wissenschaftler hatten vor einer Wiederholung gewarnt, wenn keine Massnahmen ergriffen würden. Dies ist nun leider eingetroffen.

Fledermausexperte Hubert Krättli.

Fledermausexperte Hubert Krättli.

Braucht es Kontrollen von Fledermauspopulationen?

Im Rahmen einer Untersuchung des Virologischen Instituts der Fakultät Vetsuisse der Universität Zürich wurden mehrere Tausend einheimische Fledermäuse auf Viren hin untersucht. Man fand den Erreger der Corona-Pandemie nicht.

Sie plädieren statt dessen für den Schutz der Fledermäuse?

Viele einheimische Fledermausarten sind bedroht. Und wir brauchen sie: Fledermäuse fressen pro Tag bis zur Hälfte des eigenen Körpergewichtes an Insekten, darunter auch viele Schadinsekten und Mücken. Weltweit bestäuben sie auch nachtblühende Pflanzen, deren Nektar sie auflecken. Ohne Fledermäuse gäbe es keinen Tequila.

Sind einheimische Fledermäuse Träger von anderen Viren, die auf uns übertragen werden können?

Fledermäuse sind Wildtiere und diese können grundsätzlich Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder Pilze übertragen. Wildtiere sollen deshalb nie mit blossen Händen angefasst werden. Wir wissen ganz allgemein immer noch sehr wenig über Krankheiten bei Fledermäusen und vor allem fast nichts über allfällige Übertragungswege auf den Menschen.

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