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Bäume können Krebs bekommen: Das freut die Förster – denn ihr Holz wird besonders wertvoll

Wenn Bakterien oder Viren einen Baum befallen, entstehen solche Maserknollen.

Wenn Bakterien oder Viren einen Baum befallen, entstehen solche Maserknollen.

Maserholz ist auf dem Markt hoch gehandelt. Doch es ist selten, denn es wird von kranken Bäumen gewonnen.

Holz ist momentan so wenig wert, dass sein Verkauf die Lohnkosten von Waldarbeitern nicht deckt: Laut Bundesamt für Statistik machen Förster pro Kubikmeter Holz, den sie ernten, zehn Franken Verlust. Rund die Hälfte aller Schweizer Forstbetriebe ist defizitär.

Die Schweizer Waldwirtschaft spürt die Folgen des Klimawandels: Wegen Hitzesommern, Borkenkäfern und Sturmschäden muss immer wieder viel Holz auf einen Schlag geerntet werden. Das führt zu einem temporären Überangebot, das Nachfrage und Holzpreis sinken lässt.

Inmitten der angespannten Lage wird die einheimische Holzindustrie zusätzlich durch den Freihandel unter Druck gesetzt. Denn Holz wird in grossem Ausmass importiert, etwa die Hälfte von allem in der Schweiz verarbeiteten Holz stammt aus dem Ausland. Mit den tiefen Preisen der Importeure können die hiesigen Betriebe nicht mithalten. Die Zeiten, in denen sich in der Schweiz mit Holzherstellung Geld verdienen liess, scheinen vorbei.

Doch es gibt eine Holzart, die den oben genannten Entwicklungen trotzt und die noch immer Spitzenpreise erzielt: Maserholz. So wird Holz genannt, das keine normale, regelmässige Maserung zeigt, sondern wilde Linien und Kreise ohne regelmässige Struktur. Das aussergewöhnliche Naturmaterial ist sehr selten und kann nicht künstlich produziert werden, weil es aus den Krebsgeschwüren von kranken Bäumen gewonnen wird.

Luxusartikel aus wertvollen Krebsgeschwüren

Baumkrebs entsteht, wenn Bäume wegen einer Verletzung am Stamm mit bestimmten Bakterien oder Viren infiziert werden. Die Mikroben schleusen ihr Erbgut in die Baumzellen hinein und stören so deren natürlichen Wachstumszyklus. In der Folge teilen sich die Zellen unkontrolliert, und am Baumstamm entsteht ein wulstiges Geschwür aus fehlgewachsenen Zellen. In manchen Fällen bilden sich die Zellhaufen auch aus im Baumstamm eingewachsenen Knospen, die fälschlicherweise austreiben.

Im holzigen Inneren dieser sogenannten Maserknollen finden sich wunderschöne Muster, welche Holzverarbeiter schon seit der Antike schätzen und für besonders edle Werke verwenden. Maserholz eignet sich aber nicht nur wegen seiner Schönheit für die Produktion von exklusiven Gegenständen: Weil der Zufall bei der Entstehung von Maserknollen eine grosse Rolle spielt, ist jede Knolle und jedes Muster ein Unikat.

Für das Edelholz werden deshalb hohe Summen gezahlt. Je nach Muster und Baumart sind mehrere tausend Franken für eine einzige Knolle möglich. Ein Beispiel: Für ein sieben Zentimeter dickes Brett aus Nussbaum-Maserholz in Grösse dieser Zeitungsseite müsste ein Käufer bei einem deutschen Onlineanbieter etwa 250 Franken bezahlen.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten wird Maserholz heute aber nur noch selten für die Herstellung von Möbeln oder Schmuckschatullen gebraucht. Der exquisite Naturstoff wird viel eher bei der Produktion moderner Luxusgüter eingesetzt: Das Interieur von teuren Autos und Privatflugzeugen sowie die hölzernen Teile von Uhren und Füllfedern werden oft aus Maserholz gefertigt.

Obwohl man die Bakterien, welche Baumkrebs verursachen, identifizieren konnte, lässt sich Maserholz bisher nicht industriell erzeugen. Das Entstehungsverfahren verläuft unkontrolliert, und nicht jeder Baumkrebs bildet genug grosse Geschwüre, die man als Maserknolle ernten kann. Zudem dauert das Entstehen einer Maserknolle mehrere Jahre, unter finanziellen Gesichtspunkten macht die künstliche Herstellung deshalb wenig Sinn.

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