Autofahrer

Alte am Steuer: Im schlimmsten Fall sollte man die Senioren melden

Tony Lüscher,ehemaliger Fahrlehrer und Verkehrsexperte aus Bretzwil, möchte, dass Seniorinnen und Senioren hin und wieder eine Fahrstunde absolvieren.

Tony Lüscher,ehemaliger Fahrlehrer und Verkehrsexperte aus Bretzwil, möchte, dass Seniorinnen und Senioren hin und wieder eine Fahrstunde absolvieren.

Oft bezeichnen sich Senioren als fahrtauglich, obwohl sie es nicht mehr sind. Wer sich als Beifahrer nicht mehr sicher fühlt, sollte handeln. Verkehrsexperte Tony Lüscher rät im Extremfall zur Meldung bei der Motorfahrzeugkontrolle.

Als ehemaliger Automechaniker, Polizist, Fahrlehrer und Verkehrsexperte bei der Motorfahrzeugprüfstation (MFP) in Münchenstein sowie beim Strassenverkehrsamt des Kantons Aargau kann der 64-jährige Tony Lüscher fundiert Auskunft zum äusserst brisanten Thema geben. Nachdem jüngst bekannt wurde, dass der Prozentsatz von Fahrausweisentzügen bei älteren Menschen in beiden Basel besonders hoch ist, zog die «Nordwestschweiz» zur Klärung der wichtigsten im Raum stehenden Fragen den pensionierten Spezialisten hinzu.

1. Was können ältere Autofahrer tun, um im Strassenverkehr fit zu bleiben?

Es ist für betagte Personen wichtig, in ihrem alltäglichen Leben aktiv zu sein und zu bleiben. Dies kann auf verschiedene Art geschehen und ist jeder und jedem selbst überlassen. Möglichkeiten unter vielen sind die Mitwirkung in einem Turn- oder Musikverein. Aber auch Ausflüge in die Natur mit dem Hund oder Reisen sind gute Gelegenheiten, um den Horizont zu erweitern. Von Vorteil ist dabei, weltoffen zu sein und Neues entdecken zu wollen. Selbstverständlich muss zudem regelmässig gefahren werden, damit die Routine nicht verloren geht.

2. Welche Möglichkeiten haben Menschen, deren Aktivität sich aus den unterschiedlichsten Gründen in Grenzen hält?

Personen, die viel Zeit zu Hause verbringen, können ihre Konzentration und ihre Weitsicht durch Lesen schärfen. Hilfreich kann ein Abonnement einer Bibliothek sein. Die Lektüre von Zeitungen, Zeitschriften und Bücher sorgt dafür, dass sich die Betagten mit einer Fülle von Informationen auseinandersetzen müssen. Dasselbe ist auch auf den Strassen der Fall. Es kommt auch immer wieder vor, dass sich Senioren anstatt anderer Präsente eine oder mehrere Fahrstunden schenken lassen, um ihre Kenntnisse aufzufrischen.

3. Wie sollen sich Angehörige verhalten, wenn Sie als Beifahrer in einem Auto sitzen, das von einer unsicheren älteren Person gefahren wird?

Für die Verkehrssicherheit ist es auf alle Fälle gut, wenn der Beifahrer dem Fahrer in solchen Situationen hilft. Nur tut er auf diese Weise dem Autolenker keinen Gefallen. So verlässt sich der Fahrer immer stärker auf die Person auf dem Beifahrersitz. Wenn Angehörige merken, dass sie sich im Wagen nicht mehr wohlfühlen, sobald die ältere Person fährt, besteht Handlungsbedarf. In diesen Fällen ist die Chance ausserdem gross, dass der betroffene Mensch eine allfällige Kontrollfahrt nicht mehr besteht. Eine solche muss absolviert werden, wenn der Hausarzt beim Eignungstest markante Schwächen feststellt. Weitere Ursachen für eine Kontrollfahrt sind eine Meldung der Polizei wegen auffälligen Fahrens oder aufgrund eines Unfalls.

4. Und was kann getan werden, wenn man sich auf dem Beifahrersitz nicht mehr wohlfühlt?

Man sollte das Gespräch mit dem Autofahrer suchen und ihn fragen, ob er sich noch in der Lage fühlt, ein Fahrzeug zu lenken. Oftmals bezeichnen sich die Senioren noch als fahrtauglich, obwohl sie es eigentlich gar nicht mehr sind. Falls sie sich nicht vom Fahren abhalten lassen, besteht als letzte Möglichkeit die Meldung an die Motorfahrzeugkontrolle. Dies kann auch anonym geschehen. Wenn die Person hingegen einsichtig ist, sollte man ihr vorschlagen, einige Stunden mit einem Fahrlehrer zu absolvieren.

5. Welche Folgen haben schwächer werdende Augen für das Fahrverhalten?

Ein Nachlassen der Sehfähigkeit führt dazu, dass die Senioren Probleme haben, weit entfernte Gegenstände und Personen zu erkennen. Ebenso sind die Augen nicht mehr in der Lage, schnell von hell auf dunkel umzuschalten. Unsichere Fahrer sollten sich deshalb während Tageszeiten, in denen wechselnde Lichtverhältnisse herrschen, wie dies zum Beispiel bei der Dämmerung der Fall ist, nicht ans Steuer setzen. Es kommt ebenso zu einer Einschränkung des Sichtfeldes, was schwerwiegende Konsequenzen haben kann.

6. Welche weiteren körperlichen Gebrechen im Alter beeinflussen die Fahrtüchtigkeit?

Eine Verringerung der körperlichen Mobilität kann dazu führen, dass sich die älteren Menschen im Auto schlechter bewegen können und deshalb das Geschehen im Toten Winkel nicht mehr wahrnehmen. Eine verlängerte Reaktionszeit, die im Alter häufig auftritt, ist auch meistens Ursache von Unfällen. Neben der nachlassenden Sehfähigkeit führt auch ein schwächer werdendes Gehör zu einer erheblichen Einschränkung der Wahrnehmung. Eine verringerte Koordination hat immer wieder zur Folge, dass die betagten Autofahrer Gas- mit Bremspedal verwechseln.

7. Wann ist für den älteren Autofahrer der Zeitpunkt gekommen, seinen Ausweis abzugeben?

Wenn man sich selbst oder andere mit seiner Fahrweise gefährdet, sollte man sich vom Autobillett trennen. Dies kann beispielsweise eintreten, wenn der Senior nicht mehr fähig ist, die Geschwindigkeit anzupassen. Trotzdem ist doch auch hervorzuheben, dass ein Grossteil der älteren Autofahrer noch sicher und unfallfrei unterwegs ist.

8. Wie können nach der Abgabe des Führerscheins ohne Auto alltägliche Besorgungen gemacht und Termine wahrgenommen werden?

Einmal abgesehen von den öffentlichen Verkehrsmitteln existieren vielerorts Fahrdienste, die von Senioren in Anspruch genommen werden können. Hierbei ist es wichtig, dass Menschen ihr Leben lang Kontakt mit Verwandten, Bekannten und Nachbarn pflegen. Diese können in der Zeit ohne Auto äusserst wertvoll sein. Es ist hilfreich, schon während den Jahren, in denen man noch selbst fährt, mit anderen Menschen mitzufahren, um sich so auf den späteren Lebensabschnitt vorzubereiten. Menschen, die sich jedoch isolieren, haben viel mehr Mühe, Fahrgelegenheiten zu finden. Es lässt sich sagen, dass Personen, die sich in guten Zeiten nicht für ihr Umfeld einsetzen, in schlechten Zeiten oft ohne grosse Hilfe auskommen müssen. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

9. Welchen Stellenwert hat Mobilität im Alter?

Auch für Seniorinnen und Senioren ist es sehr wichtig, mobil zu sein. Und zwar auch mit der Hilfe anderer. Das Sterben von Läden in Dörfern und der vielerorts anzutreffende infrastrukturelle Abbau führen dazu, dass sie häufig grosse Strecken zurückgelegen müssen, um den Alltag zu bewältigen.

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