Alkoholkonsum

1700 Kinder mit Beeinträchtigungen: Der Rausch im Mutterleib bleibt nicht ohne Folgen

Fast jede fünfte schwangere oder stillende Frau trinkt jede Woche Alkohol.

Fast jede fünfte schwangere oder stillende Frau trinkt jede Woche Alkohol.

In der Schweiz kommen jährlich bis zu 1700 Kinder mit Beeinträchtigungen zur Welt, weil die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Selbst Fachleute unterschätzen das Ausmass. Eine Pflegemutter erzählt.

Öffnete Daniel* in seinem Kinderbettchen die Augen, stülpte ihm seine Pflegemutter Simone* einen Helm über den Kopf. Der sollte den 18 Monate alten Knaben schützen. Vor Beulen oder Schlimmerem. Denn Frustration oder Wut entlud sich bei Daniel über Selbstverletzungen. Bekam er nicht, was er wollte, liess er sich zu Boden fallen. Schmerzen schien er nicht zu spüren, wenn er seinen Kopf mit Wucht gegen den harten Grund knallen liess. Wieder und wieder. «Ich hatte Angst, dass er sich einen Hirnschaden zuzieht, wenn ich mal nicht schnell genug reagiere», sagt Simone.

Vielleicht liess sich Daniel kaum stoppen, weil sein Körper schon ganz anderes aushalten musste. Eben erst auf der Welt angekommen, musste er einen kalten Entzug durchstehen. Im Mutterleib versetzte der Alkohol ihn regelmässig in Rausch. Nach der Geburt gaben die Fläschchen nur noch Milch her. Ein Schock für den Babykörper.

Lebenslange Merkmale und gravierende Folgen im Alltag

Doch der Alkohol sollte nicht nur seine ersten Tage prägen. Daniel ist eines der bis zu 425 Kinder, die jährlich in der Schweiz mit einem fetalen Alkoholsyndrom (FAS) geboren werden. Der Alkohol im Mutterleib verpasst ihnen oft lebenslange Merkmale: ein kleiner Kopf, schmale Oberlippen und kurze Lidspalten. Gravierend sind die nicht augenscheinlichen Schäden: eine verminderte Intelligenz und starke Verhaltensauffälligkeiten. Dies, weil das Gift durch die Plazenta gedrungen ist und Hirn sowie Nervensystem angegriffen hat.

Alkohol setzt aber weitaus mehr Ungeborenen zu: Das Bundesamt für Gesundheit schätzt, dass jedes Jahr in der Schweiz rund 1700 Kinder mit einer fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) geboren werden. Das ist der Oberbegriff für sämtliche vorgeburtliche Schädigungen, die durch den Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft bedingt sind. Anders als bei den schweren FAS-Fällen, wie jener Daniels, ist diesen Kindern äusserlich oft nichts anzusehen. Doch die Folgen des Alkoholkonsums prägen ihren Alltag massiv: Sie haben Mühe, sich Dinge zu merken, leiden unter Lernschwierigkeiten, können nicht planen, sind hyperaktiv und verhalten sich sozial unangemessen.

Gefahren sind Daniel fremd

Simone und ihrem Mann fiel rasch auf, dass ihr Pflegesohn anders war als die Gleichaltrigen. Als sie ihn im Kinderheim kennenlernten, erfuhren sie zwar, dass seine Mutter alkoholsüchtig sei. Daniel käme aber mit einem blauen Auge davon, hiess es. «Man sagte uns, er werde vermutlich etwas Schwierigkeiten in der Schule haben und eventuell ADHS entwickeln – allesamt Situationen, die wir uns zutrauten», sagt Simone. Was dann aber folgte, brachte sie an den Rand ihrer Kräfte. Daniel konnte keine Minute ohne Simone sein. Ging sie nur kurz in den Garten, rannte er panisch rufend durchs Haus. Konnte er nicht bei ihr sein, weinte und schrie er. Alleine spielen oder etwas malen: das konnte Daniel nicht. Er verlangte die ganze Aufmerksamkeit von Simone.

Ein Gefühl für Gefahren war ihm fremd. Als Simone nur kurz einmal ihre Augen nicht an Daniel geheftet liess, klettere der Vierjährige zehn Meter hoch auf einen Baum. «Weil er Risiken nicht einschätzen kann, müssen wir ihn zigfach darauf aufmerksam machen. Ein Verbot müssen wir unzählige Male wiederholen, bis es in seinem Langzeitgedächtnis gespeichert ist.»

Daniel wird ein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein

Während andere Kinder wuchsen, blieb Daniel klein. «In seiner körperlichen Entwicklung hinkte er etwa zwei Jahre hinterher», sagt Simone. Als er vier Jahre alt war, suchte sie einen Spezialisten für Wachstumsstörungen auf. Nach der Untersuchung sagte er zu Simone: «Da kommt noch etwas auf Sie zu.» Daniel habe das fetale Alkoholsyndrom. Es war das erste Mal, dass Simone diesen Begriff hörte.

Auf die verschriebenen Wachstumshormone reagierte Daniels Körper heftig. War er wach, raste er durchs Haus, tobte oder weinte. Zwei Stunden später schlief er erschöpft ein. In der Familie spitzten sich Konflikte zu. Zwischen den Pflegeeltern, zwischen ihrem leiblichen Kind und Daniel. Gleichzeitig traf ein Brief ein. Daniel sollte im nächsten Jahr eingeschult werden. Simone wusste: Damit wird ihr Pflegesohn nicht zurechtkommen – vermutlich auch nicht seine Kindergärtnerin. Gleichzeitig brauchte sie dringend Entlastung. Sie wandte sich wiederholt an die Pflegekindervermittlung und bat, Daniel von einem Kinderpsychiater abklären zu lassen. Dort winkte man ab: So schlimm stünde es nicht um ihn. Er bräuchte nur mehr Disziplin und Struktur. Simone und ihr Mann waren kurz davor, aufzugeben.

Hilfe bekamen sie schliesslich vom Wachstumsspezialisten. Nachdem Daniel in dessen Wartezimmer einen Tobsuchtsanfall hatte, griff er ein. Zwei Tage später schluckte Daniel Ritalin und eine Woche darauf sass er einer Kinderpsychiaterin gegenüber. Inzwischen besucht er eine Sonderschule. Simone weiss, dass er sein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein wird.

Familie fühlt sich mit ihren Fragen alleine gelassen

Bis heute kennt die Pflegefamilie nicht den Schweregrad seines fetalen Alkoholsyndroms. «Das würde uns besser auf die Zukunft vorbereiten», sagt Simone. Bislang fand sie aber keine Ärzte in der Schweiz, die auf die Diagnostik spezialisiert sind. Mit ihren Fragen fühlt sich die Familie oft alleine gelassen. Ratschläge und Wissen sucht die Pflegemutter online, vor allem in deutschen Foren.

Anders als in der Schweiz lässt sich für Deutschland mittels einfacher Google-Suche eine längere Liste von medizinischen und psychiatrischen FASD-Spezialisten finden. Ein Verein hat ein umfassendes Informationsportal aufgebaut, organisiert jährlich Fachtagungen und vernetzt Betroffene sowie deren Eltern. Zudem gibt es in Deutschland mehr als 30 FASD-Selbsthilfegruppen. In der Schweiz gibt es nichts dergleichen.

Dabei hielt das Bundesamt für Gesundheit bereits 2018 in einem Faktenblatt fest: 18 Prozent der schwangeren oder stillenden Frauen trinken mindestens jede Woche Alkohol, bei sechs Prozent ist der Konsum «punktuell risikoreich». Das heisst, sie konsumieren vier oder mehr Gläser hintereinander. Im globalen Vergleich gehört die Schweiz zur Gruppe von Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum und weise entsprechend eine hohe FASD-Quote auf, schrieb der Bund.

Das soziale Umfeld der Schwangeren spielt eine grosse Rolle

Die Auswirkungen eines geringen Alkoholkonsums auf das ungeborene Kind sind bis heute nicht eindeutig nachgewiesen. Umgekehrt ist keine Menge bekannt, die mit Sicherheit unbedenklich ist. Deshalb raten Fachleute, während der gesamten Schwangerschaft auf Alkohol zu verzichten.

Das empfiehlt auch die Stiftung Sucht Schweiz. Mediensprecherin Monique Portner-Helfer weist darauf hin, dass gesundheitsschädigende Folgen nicht zwingend auf einen chronisch risikoreichen Konsum oder gar auf eine Alkoholabhängigkeit der Mutter zurückzuführen seien. Sie spricht von einem stark tabuisierten Thema und hält fest: «Es wäre falsch, einseitig die Verantwortung der Mütter anzusprechen. Vielmehr steht die ganze Gesellschaft in Pflicht.» Das soziale Umfeld der Schwangeren spiele eine grosse Rolle.

Selbst Fachleute unterschätzen das Ausmass

Doch in der Schweiz ist das Wissen über alkoholbedingte Geburtsschäden und deren psychosozialen Folgen tief. Das hat eine Studie von Dagmar Orthmann-Bless, Lehr- und Forschungsrätin am Departement für Heil- und Sonderpädagogik der Uni Fribourg, gezeigt. Zwar sei den meisten Menschen in der Schweiz klar, dass Alkohol und Schwangerschaft nicht zusammenpasse, sagt Orthmann-Bless. Aber: «Das Wissen in der Bevölkerung ist diffus und oberflächlich. Es ist eher ein natürliches Empfinden, als tatsächliches Wissen.» So wussten 43 Prozent der Befragten nicht, dass FASD sowohl durch regelmässiges Trinken als auch durch gelegentliches Rauschtrinken entstehen kann.

Zwar schnitten angehende Fachpersonen aus Medizin und Pädagogik in der Studie deutlich besser ab, doch: «Auch bei ihnen stellten wir fest, dass es an genauem Wissen mangelt.» Sie unterschätzen beispielsweise die Auftretenshäufigkeit von FASD massiv. Das sei problematisch, sagt die Forscherin: «Wenn Fachperson der Ansicht sind, ein bestimmtes Problem taucht selten und nur bei bestimmten Risikogruppen auf, dann verhalten sie sich ganz anders, als wenn sie wissen, dass dieses Problem in allen Bevölkerungsschichten anzutreffen ist.»

In Europa gibt es zahlreiche Organisationen für Betroffene - in der Schweiz keine einzige

In Europa gibt es seit neun Jahren eine FASD-Allianz. Heute setzt sich diese aus 31 Verbänden zusammen. 16 Länder sind darin vertreten; die Schweiz ist nicht dabei. Orthmann-Bless bestätigt: «In der Schweiz gibt es praktisch keine Strukturen, die auf die Problematik FASD spezialisiert sind – weder in der Prävention noch in der Diagnostik und Intervention. Betroffene sind auf sich gestellt, das muss sich ändern.»

Diese Meinung teilt auch die Stiftung Sucht Schweiz. «Handlungsbedarf besteht auf allen Ebenen», sagt Mediensprecherin Portner-Helfer. «Sucht Schweiz» plant deshalb, ein nationales Netzwerk aufzubauen. Noch ist die Finanzierung nicht gesichert. Kommt diese zustande, soll das Projekt 2021 starten. Daniel wird dann bald ein Teenager sein, der an Partys geht, an denen Alkohol getrunken wird. Davor fürchtet sich Simone. Vorsichtsmassnahmen trifft sie bereits heute: Sie erklärt dem Neunjährigen, dass er Alkohol nicht gut vertrage. Und dass dies mit dem Konsum seiner Mutter zusammenhängt. «Wie alle FAS-Betroffene weist er ein höheres Suchtpotenzial auf», sagt Simone.

«Chill Mami»: Doch die Pubertät macht der Pflegemutter Sorgen

Seine beginnende Pubertät fordert die Pflegemutter. «Er lebt jede Phase viel extremer aus als Gleichaltrige. Zudem hat er bis heute grosse Mühe mit Nähe und Distanz», sagt sie. Inzwischen entdeckt Daniel seine Sexualität. Wann und wo spielt für ihn keine Rolle. Erst kürzlich hat er, auf dem Sofa sitzend, gerufen: «Mami, guck, ich habe einen Ständer.» Für Simone bedeutet die Pubertät eine neue Gratwanderung: Ohne die Sexualität zu tabuisieren muss sie seinen enthemmten Umgang bremsen. Zu seinem Schutz, aber auch zum Schutz anderer.

Daniels Bewegungsdrang ist ungebrochen; Gefahren kann er nach wie vor kaum einschätzen. Auf seinem BMX-Fahrrad rast er über Hindernisse, übt Sprünge und Kunststücke. «Chill, Mami», sagt er dann zu Simone, bevor er seinen Helm aufsetzt und losbraust.

*Name geändert

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