Krieg in der Ukraine
Das hat gesessen: der Konter zur Schnöderei über das Bild von ukrainischer First Lady Olena Selenska

Auf den Plattformen Instagram und Twitter trenden die Hashtags #sitlikeagirl und #sitlikealady seit dem Vogue-Cover der ukrainischen Präsidentengattin wie verrückt. Tausende Frauen solidarisieren sich unerwartet mit der First Lady – längst nicht mehr nur in der Ukraine.

Rahel Empl
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Damit fing alles an: Olena Selenska in typisch männlicher Sitzpose auf dem Cover der Vogue.
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Zoya Zvinyatskovskaya initiierte den Flashmob #sitlikeagirl, weil sie es satt hatte, dass sich Frauen in der Ukraine als Puppen mit Titten inszenieren müssen.
Daraufhin folgten und folgen ihr tausende Frauen und setzten sich in ähnlicher Pose hin. Hier ein paar wenige Beispiele...
Auch diese Polizistin aus der ukrainischen Millionenstadt Charkiw setzt ein Zeichen.

Damit fing alles an: Olena Selenska in typisch männlicher Sitzpose auf dem Cover der Vogue.

Annie Leibovitz

Ihre hellgrünen Augen leuchten in der Nachmittagssonne, der Blick ist entschlossen, hoffnungsvoll auch. Die Polizistin hat sich irgendwo in der ukrainischen Millionenstadt Charkiw auf eine Bordsteinkante gesetzt, hinter ihr die zerborstenen Scheiben eines Schaufensters. Breitbeinig sitzt sie da, die Hände ineinander gefaltet, das Kinn leicht nach oben gereckt.

Wir wissen nicht, wie diese Frau heisst, ob sie im Krieg Familie verloren, welchen Grauen sie erlebt hat. Wir wissen nur, dass sie diese Sitzpose nicht zufällig gewählt hat für das Foto, das wir auf der Nachrichtenplattform Twitter entdeckt haben. Die Frau ist Teil des Flashmobs #sitlikeagirl, der Ende Juli auf Social Media losgetreten wurde und dem sich mittlerweile Tausende Frauen angeschlossen haben.

Wild entschlossen und zu allem bereit

Alles begann damit, dass sich Olena Selenska, die First Lady der Ukraine, auf eine Marmortreppe im tiefsten Inneren des Präsidialamtes in Kiew setzte und sich von Starfotografin Annie Leibowitz ablichten liess. Praktisch ungeschminkt und in einer schlichten Seidenbluse gekleidet, wirkt sie wild entschlossen und zu allem bereit. In ebendieser Sitzpose: breitbeinig, leicht nach vorne gebeugt. Traditionell männlich. Eine von Natur aus kämpferische Haltung; aus dieser Position heraus sei es am einfachsten, sich nach vorne zu stürzen und den Gegner mit dem ganzen Körper zu Fall zu bringen, analysiert eine Body-Language-Beraterin in der FAZ.

Damit fing alles an: Olena Selenska in typisch männlicher Sitzpose auf dem Cover der Vogue.

Damit fing alles an: Olena Selenska in typisch männlicher Sitzpose auf dem Cover der Vogue.

Annie Leibovitz

Das Bild erschien Ende Juli auf dem Cover der Vogue, verbunden mit einem «Porträt des Mutes» zu Selenska, wie es das Magazin titelte. Und löste eine Kritiklawine aus, die in Sachen Selbstbezogenheit ihresgleichen sucht. Im Westen schnödeten Fotografieprofessoren und Journalistinnen gleichermassen, Bild und Auftritt Selenskas würden die Kriegszerstörungen in der Ukraine als Glamourkulisse missbrauchen. Beim Soldaten an der Front würde das bestimmt nicht gut ankommen.

Die «Puppen mit Titten» haben es satt

Auch in der Ukraine hagelte es Kritik, wenngleich anderer Art: Selenskas Auftritt sei alles andere als ladylike, so habe eine Dame und schon gar nicht die Gattin des Präsidenten nicht dazusitzen geschweige denn sich zu präsentieren. Und das war ein Auszug der noch nettesten Kommentare.

Den Konter parat hatte die Modehistorikerin Zoya Zvinyatskovskaya ein paar Tage nach Erscheinen des Magazins. Sie habe es satt, dass sich Frauen in der Ukraine als «Puppe mit Titten» inszenieren müssten, damit sie von der Gesellschaft akzeptiert würden. Dass Selenska sich als Frau mit unbändigem Willen zeige, würdigte Zvinyatskovskaya, indem sie sich in der exakt selben Pose ablichten liess und das Foto mit #sitlikeagirl versah.

Seither tauchen unter dem Hashtag Tag für Tag neue Fotos in den sozialen Netzwerken auf in ähnlicher oder auch anderer Sitzpose («Wir Frauen dürfen sitzen, wie wir wollen»). Es sind Unterstützerinnen aus aller Welt, die sich mit Selenska solidarisieren und entschlossen mit dem genderspezifischen Klischee brechen, wie ein Mädchen dazusitzen hat. Tenor: Das Patriarchat schläft auch zu Kriegszeiten nicht, wir müssen ein Zeichen setzen. Neben der Polizistin aus Charkiw sind das zum Beispiel Feuerwehrfrauen aus Polen, vom Krieg gezeichnete Ukrainerinnen, Frauen, denen der Krieg einfach nahe geht – und Soldatinnen, mit dem Maschinengewehr im Anschlag. So viel dazu, wie das Vogue-Cover an der Front ankommt.