KOMMENTAR
Frauen sind nicht dauerschwanger

Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät Frauen im gebärfähigen Alter vom Trinken ab – und tritt eine Empörungswelle los.

Annika Bangerter
Annika Bangerter
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Die WHO würde Frauen zwischen 14 und 50 Jahren auf Gebärmaschinen reduzieren, so die Kritik am globalen Alkohol-Aktionsplan der WHO.

Die WHO würde Frauen zwischen 14 und 50 Jahren auf Gebärmaschinen reduzieren, so die Kritik am globalen Alkohol-Aktionsplan der WHO.

Bild: Alexandra Wey

Die Bloggerin und Autorin Tova Leigh trinkt einen Schluck Rosé und zeigt den Stinkefinger. Der Stinkefinger geht an die Weltgesundheitsorganisation WHO. Diese hat in ihrem Entwurf für einen globalen Alkohol-Aktionsplan Frauen im gebärfähigen Alter dazu geraten, keinen Alkohol zu trinken.

Sexistisch, paternalistisch, diskriminierend – der Shitstorm kam postwendend. Die WHO würde Frauen zwischen 14 und 50 Jahren auf Gebärmaschinen reduzieren, so die Kritik. Um diese zu untermauern wird die Dystopie von «The Handmaid’s Tale» zum Vergleich herangezogen. In diesem Roman von Margaret Atwood versklavt das herrschende Regime die wenigen fruchtbaren Frauen, damit sie Kinder auf die Welt bringen.

Die Wogen gingen in England hoch und schwappten kurz darauf in den deutschsprachigen Raum über. Am Anfang der Empörungsspirale standen Schlagzeilen, wie jene der britischen Boulevardzeitung «The Daily Mail». Diese bezeichnete die Empfehlung zugespitzt als Alkoholverbot. Das ist zwar falsch, glättet die Empörungswelle aber kaum.

Männer im zeugungsfähigen Alter sind aus der Verantwortung entlassen

Die WHO wollte aufzeigen, wie die Mitgliedstaaten den Alkoholkonsum in der Bevölkerung senken können. Es sei inakzeptabel, wie stark Alkohol das Gesundheitswesen und die Gesellschaft belaste, schreibt die WHO. Die Organisation schätzt, dass weltweit jährlich drei Millionen Menschen sterben, weil sie zu viel Alkohol trinken.

In ihrem Aktionsplan nennt die WHO verschiedene Gruppen, die besonders sensibilisiert werden sollen. Darunter Kinder und Jugendliche – und Frauen im gebärfähigen Alter. So heisst es:

«Besondere Aufmerksamkeit sollte der Verhinderung (…) des Alkoholkonsums bei schwangeren Frauen und Frauen im gebärfähigen Alter gewidmet werden.»

Die Prävention zielt auf den Schutz von ungeborenen Kindern. Herausgekommen ist aber eine Herabsetzung von Frauen im allgemeinen. Denn der Ansatz suggeriert, dass sie nicht imstande sind, ihren Alkoholkonsum mit ihrer Familienplanung abzustimmen. Der Aktionsplan ignoriert, dass nicht alle Frauen einen Kinderwunsch haben oder keine weitere Kinder mehr wollen. Und er fokussiert einseitig auf ein Geschlecht. Männer sind aus der Verantwortung entlassen.

Das ist nicht nur bevormundend, sondern wohl auch falsch. Das legt eine chinesische Metaanalyse von 2019 nahe. Dabei haben Wissenschafter 55 Studien ausgewertet mit Daten von rund 340'000 Säuglingen. Ihr Fazit:

«Je höher der Alkoholkonsum der Eltern vor der Zeugung, desto grösser das Risiko für Herzerkrankungen beim Kind.»

Bei exzessivem Alkoholkonsums des Vaters erhöhe sich das Risiko um 52 Prozent, bei den Frauen um 16 Prozent. Dabei handelt es sich zwar um eine Beobachtungsstudie, die keinen kausalen Zusammenhang nachweist. Aufgrund der Datenlage raten die Wissenschafter Paaren mit Kinderwunsch aber dazu, auf Alkohol zu verzichten. Männern wie Frauen.

Debatte um Alkohol und ungeborenes Leben fehlt auch in der Schweiz

Die WHO muss folglich über die Bücher. Ihr Alkohol-Aktionsplan ist erst ein Entwurf. Die grottenschlechte Formulierung muss gekippt werden. Erst dann lässt sich die von der WHO beabsichtigte Debatte lancieren. Jene um Alkohol und ungeborenes Leben. Diese stünde auch in der Schweiz an.

Das Bundesamt für Gesundheit schätzt, dass pro Jahr 1700 Kinder mit einer fetalen Alkoholspektrumstörung zur Welt kommen. Die Kinder leiden unter anderem an Herzfehler, Bewegungsstörungen oder geistigen Behinderungen. Im globalen Vergleich gehört die Schweiz zu jenen Ländern mit einer besonders hohen Zahl von betroffenen Kindern.

Anders als bei der Prävention von Unfallopfern verursacht durch Alkohol findet diesbezüglich aber kaum Aufklärung statt. Die Absicht der WHO ist also nicht falsch. Sie darf aber nicht reaktionär auf Frauen fokussieren. Getrunken wird in der Regel in Gesellschaft. Diese gilt es, zu sensibilisieren. Dann gibt es auch keinen Stinkefinger mehr.