Salzmann studiert
Ein offenes Ohr dank Pandemie?

In seiner Kolumne diskutiert Wissensredaktor Niklaus Salzmann Meldungen aus der Welt der Wissenschaft. Diesmal geht er der Frage nach, weshalb im Lockdown weniger Hörstürze gemeldet wurden.

Niklaus Salzmann
Niklaus Salzmann
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Ärzte schauen ihren Patienten mit dem Otoskop in die Ohren, um den äusseren Gehörgang und das Trommelfell zu kontrollieren.

Ärzte schauen ihren Patienten mit dem Otoskop in die Ohren, um den äusseren Gehörgang und das Trommelfell zu kontrollieren.

Bild: Keystone

Den Geschmacks- und Geruchssinns verlieren Infizierte, auf den Hörsinn scheint die Pandemie dagegen einen positiven Einfluss zu haben. In Israel wurden besonders im ersten Lockdown weniger Hörstürze gemeldet als in früheren Jahren. Das zeigte ein Forschungsteam in einer soeben erschienenen Studie.

Die Gründe sind unklar, auch weil die Ursachen von Hörstürzen nicht geklärt sind. Aber ein Faktor ist naheliegend: Infektionen. Und diese nahmen wegen der Massnahmen drastisch ab – Distanzhalten, Händewaschen, Masken und Lockdown wirken gegen alle Krankheiten, die sich auf ähnliche Weise verbreiten. Grippefälle zum Beispiel gab es in dieser Phase praktisch keine.

Ein anderer Faktor, der in der Studie nicht angesprochen wird, ist Stress. Vermutlich trägt er dazu bei, Hörstürze auszulösen. Und so könnte ein Lockdown mit weniger Pendeln und weniger vollem Terminkalender einen erfreulichen Einfluss haben. Dagegen spricht, dass diejenigen, die wegen Schulschliessungen ihre Zoom-Sitzungen mit quengelnden Kindern im Hintergrund abhalten mussten, nicht unbedingt entspannter waren.

Vielleicht verzichteten die Betroffen auch einfach darauf, ihre Hörstürze zu melden, weil sie das Risiko einer Covid-Ansteckung in Wartezimmern vermeiden wollten. Das wäre bitter – dann hätte die Pandemie dem Gehör nicht genützt, sondern wegen fehlender Behandlung geschadet. Das deckt sich allerdings mit der subjektiven Wahrnehmung: Sowohl bezüglich der Sorgen anderer Menschen als auch bezüglich sachlicher Argumente ist mangelndes Gehör zur Volkskrankheit geworden.