Kolumne
Ein falsches Wort und du bist ein Toter

Droht der Abtreibungsdebatte dasselbe Schicksal wie #MeToo?

Gregory Remez
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Gregory Remez

Gregory Remez

Aus Protest gegen «die letzten alten Männer, die versuchen, ihr Patriarchat und ihre Macht aufrechtzuerhalten» legte die US-Schauspielerin Busy Philipps kürzlich ein emotionales Geständnis ab. In ihrer Fernsehsendung «Busy Tonight» erzählte sie, wie sie sich im Alter von 15 Jahren gegen ein Kind und für einen Schwangerschaftsabbruch entschied. Die inzwischen 39-Jährige reagierte damit auf die jüngsten Verschärfungen der Abtreibungsgesetze in den USA. Es müsse endlich Schluss sein mit der Bevormundung von Frauen, meinte Philipps. Die Statistik zeige, dass eine von vier Frauen vor ihrem 45. Lebensjahr abtreiben lasse. «Viele erschrecke diese Zahl. Sie sitzen da und denken, dass sie persönlich keine solche Frauen kennen. Nun ja, Sie kennen mich.»

Die letzte Äusserung Philipps’ ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden. Unter dem Hashtag #YouKnowMe haben in den sozialen Netzwerken zuletzt über 70 000 Frauen ihre Abtreibungsgeschichten geteilt. Die Dimension sowie die Dynamik der Debatte erinnern stark an die #MeToo-Bewegung, die im Oktober 2017 ebenfalls mit dem Geständnis einer US-Schauspielerin, namentlich Alyssa Milano, ins Rollen kam. Lässt sich nur hoffen, dass die Abtreibungsdebatte nicht dasselbe Schicksal ereilt wie jene um sexuellen Missbrauch. Bei Letzterer ist die Tonlage inzwischen derart schrill, dass viele nur noch genervt die Augen verdrehen – und sich abwenden. Das ist zum Teil gewiss den Eigenheiten der sogenannten sozialen Medien geschuldet, noch eher aber der Radikalität gewisser Exponenten der Bewegung.

Damit hat #MeToo genau das Gegenteil von dem bewirkt, was couragierte Frauen wie Milano eigentlich erreichen wollten. Zwar wurde Klarheit geschaffen, wo viele – grösstenteils Männer – bis dahin weggeschaut hatten. Die mitunter toxische Gesprächskultur, die zur Entrüstung und Vorverurteilung animiert, hat aber einen unsichtbaren Graben zwischen den Geschlechtern geschaffen, der den Dialog erschwert.

Wenn jedes Mal die ganze Klasse aufsteht und mit dem Finger auf einen/eine zeigt, der/die eine unbedarfte Äusserung macht, dann wird aus der Atmosphäre gemeinsamen Lernens eine des gegenseitigen Misstrauens. Der Schauspieler Mads Mikkelsen fasste dies kürzlich so zusammen: «Ein falsches Wort und du bist ein Toter.» Er wolle sich daher nicht mehr zu #MeToo äussern. Das kann gerade bei gesellschaftlich wichtigen Themen niemand wollen. Denn immer, wenn jemand schweigt, aus Angst, missverstanden zu werden, stirbt die Diskussion ein bisschen.