«Jung & Alt»-Kolumne
Warum soll es mir unangenehm sein, Glück zu haben?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 76, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt Hasler, wieso man sich für sein Glück nicht schämen muss.

Ludwig Hasler
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Muss ein schlechtes Gewissen haben, wer reich geboren wird?

Muss ein schlechtes Gewissen haben, wer reich geboren wird?

Keystone

Liebe Samantha

Lektion gelernt, charmante Lehrerin. Ich = autochthon + neurotypisch = einheimischer Durchschnittstyp. Bin beruhigt, danke! Jetzt zur Hausaufgabe: Privilegien checken. Du fragst, ob auch ich schon unangenehm feststellen musste, dass ich es unverdient leichter hatte
als andere. Sicher. Warum «unangenehm»?

Muss ich zerknirscht sein, weil ich günstig starten durfte? Ich fand das toll. Wir alle sind doch angeliefert, ohne viel dafür zu können. Mal Pech­vogel, mal Glückskind. Meist etwas dazwischen. Für mich zählt: Was mache ich daraus? Den Rest halte ich für Gefühlsduselei, moralisch getarnte Selbstgefälligkeit.

Was Dich beschäftigt, sehe ich schon. Alle gleich schlau machen kann Bildung nicht. Allen ihre Startchancen geben muss sie unbedingt. Damit hapert es, ich weiss. Jetzt sogar krass, Homeschooling. Auch mich stört, wie sich Akademikerkinder durchs Gymi quälen, talentierte Migrantenkinder draussen bleiben, zum Nachteil für Gymi, Kinder, Gesellschaft. Was für idiotische Privilegien, die keinen wirklich begünstigen!

In meiner Familie gab es nicht die Spur von Status, Geld, Bildung. Dafür Kinder. Wir waren sechs Geschwister, damals normal – und biografisch klar ein Vorteil. Ihr Jungen – Einzelkinder, Zweierkinder – müsst mühsam lernen, was unter «Sozialkompetenz» segelt. Bei uns lief es von selbst: streiten/versöhnen, Nähe/Distanz, kooperieren/Egotrip, das volle Programm. Die Eltern hatten anderes zu tun, als sich um uns zu kümmern. Jugend als soziales Trainingscamp. Echt ein Privileg, ja.

Oder die Arbeit im Garten. Mit zehn Jahren wurde ich so etwas wie Chef des familiären Kartoffelackers. Heute würden die Oberkorrekten deiner Generation die Kesb alarmieren oder zum Europäischen Gerichtshof rennen, wegen Kinderarbeit.

Mir brachte die Arbeit mehr als alles Studieren danach. Ich hatte mich um etwas zu kümmern, um etwas Notwendiges, um Lebensmittel, nicht für mich nur. Das formt den Charakter, schärft die Aufmerksamkeit, stiftet Verantwortung, lenkt das Handeln. Ideal fürs Heranwachsen. Das gelingt ja nicht mit Verwöhntwerden und Wissen in Hirnschalen stopfen. Man muss wagen, erproben, Erfahrungen machen mit sich und anderen – und dabei auch einmal auf die Nase fallen dürfen.

Auf diese Weise ist mir manches leichtergefallen. Verdient? Nicht wirklich. Warum in aller Welt sollte mir das «unangenehm» sein? Bloss weil andere miesere Umstände hatten? Und: was hätten sie davon? Wem hilft es, wenn ich schlechte Laune habe? Geht es Hungernden besser, wenn ich faste?

Seine Privilegien checken? Warum nicht: Privilegien nutzen? Hauptsache, die Chancen aller steigen. Dabei mitzuwirken, fällt mir mit guter Laune klar leichter als zerknirscht. Dir nicht?

Ludwig

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