«Jung & Alt»-Kolumne
Das Glück beim Stauen des Baches

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 76, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt Hasler, weshalb sich die Älteren besser auf nur eine Sache konzentrieren können.

Ludwig Hasler
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Gilt zu unrecht nicht als Aufgabe für den hochbegabten Nachwuchs: Bäche stauen.

Gilt zu unrecht nicht als Aufgabe für den hochbegabten Nachwuchs: Bäche stauen.

Keystone

Liebe Samantha

Wie wir überlebten, ohne unterwegs E-Mails zu lesen? Wir warteten auf den Briefträger. Auch mal gestresst, vor allem in amourösen Angespanntheiten. Lohnte sich aber. Schon das konzen­trierte Schreiben des Briefes! Heute werfen wir hirnlose Emojis um uns. Damals mussten Gefühle Sprache werden. Mühsam. Dann dauerte es, bis die Begehrte das las, und erneut, bis ihre Antwort eintraf. Quälend – und sensationell erhellend.

Ein Thema für den Mai?

Du lebst in der neuen Welt. Tempo, stets erreichbar, alles gleichzeitig. Fokussieren? Können wir Alten besser, glaubst du, einfach mal nur eine Sache machen. Während du die digitalen Schreihälse (E-Mail, Twitter, Insta etc.) nicht ignorieren oder stummschalten kannst. Sagst du. Warum eigentlich nicht?

Theoretisch ist der Fall sowieso klar, ich erzähl dir da nichts Neues: Verzettelung macht uns unglücklich, aggressiv, zerfahren – und dumm. Glücklich macht uns Konzentration, am besten der sogenannte Flow, die rückhaltlose Hinwendung zu einer Sache. Muss nichts Höheres sein, Briefeschreiben ist prima, Veloreparieren funktioniert auch, Tagträumen dito, Hauptsache, ich verliere mich an eine Tätigkeit. Danach tauche ich aus den Tiefen des Ichs auf – rundum zufrieden.

Warum schaffen wir das – trotz bestem Wissen – in der Praxis immer seltener? Warum fällt es uns Alten leichter? Weil wir noch analog sozialisiert wurden. Weil wir «fokussieren» übten, wohl oder übel. Ich traue dem Wissen wenig zu. Erst Üben macht kräftig.

Als ich ein Knirps war, staute ich mit Hingabe den Bach in der Nachbarschaft. Mit Ästen, Steinen, in immer raffinierteren Varianten. Keine auffällig intelligente Tätigkeit, steht heute auf keiner Hitliste kindlicher Förderprogramme. Kinderkram war es nicht. Ich musste mir allerhand einfallen lassen gegen den sturen Andrang des Wassers, musste meine ganze kindliche Kraft aufbieten.

Ich lernte siegen, mit Niederlagen fertig werden. Das Wasser lehrte mich Respekt vor dem Elementaren, es verlangte meinen Ernst und schenkte mir – im Falle des Gelingens – die heiterste Unbeschwertheit. Seither weiss ich, was es heisst, «fokussiert» zu sein – mit Kopf, Herz und Hand. Eine falsche Bewegung – und die Anstrengung von Stunden schwamm bachab. Heute könnte ich sagen: Im Flow des Bachstauens gewann ich spielend Vertrauen in mich, in die Welt um mich.

Das Glück der frühen Geburt? Soeben war ich im Wald. Am Rand lagerten zwei Familien, vier kleine Kinder spielten, sie bauten sich ihre Welt, mit Ästen, Tannennadeln, Blumen, komplett versunken, fast schlafwandlerisch – sie schienen sooo glücklich.

Kennst du auch, ja? Wer holte dich (samt deiner Generation) aus dieser Konzentration? Schule? Handy? Turbo-Gesellschaft? Widerstand zwecklos? Wirklich?

Ludwig

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