Arbeitswelt

Jobverlust wegen Digitalisierung: Akademiker sind fünfmal so stark gefährdet wie Handwerker

Wenn der Roboter übernimmt: Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz gefährdet die Jobs der Akademiker.

Wenn der Roboter übernimmt: Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz gefährdet die Jobs der Akademiker.

Einer neuen Studie zufolge sind von der Automatisierung nicht die einfachen Berufe am stärksten bedroht, sondern die hoch qualifizierten. Ist für die Zukunft am besten gerüstet, wer eine Handwerkerlehre macht?

Eine gute Bildung ist wichtig, um auf dem Arbeitsmarkt gefragt zu sein. Wer lange studiert und sich weiterbildet, der wird auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht so rasch obsolet. Das zumindest ist die vorherrschende Meinung. Nun aber kommt eine Studie der US-Denkfabrik Brookings Institution zum Schluss, dass die Jobs von studierten Arbeitnehmern gefährdeter sind als jene von Arbeitskräften ohne höhere Ausbildung.

© CH Media

Der Grund dafür liegt in der künstlichen Intelligenz (KI). Diese technologische Entwicklung macht es möglich, dass Maschinen Tätigkeiten ausführen können, für die bisher bloss Menschen mit viel Wissen und überdurchschnittlicher kognitiver Begabung in Frage kamen.

Der Coiffeur-Roboter lässt noch lange auf sich warten

Für ihre Analyse verglichen die Autoren der Studie Patenteinträge von KI-Technologien mit Tätigkeitsbeschreibungen in Jobinseraten. Enthielt ein Stelleninserat viele Aufgaben, für deren Bewältigung bereits Patente eingereicht worden sind, so stuften die Forscher die Möglichkeit als besonders hoch ein, dass diese in Zukunft automatisiert werden können. Zu den betroffenen Berufen gehören etwa Finanzberater, Ingenieure aber auch Verkaufsmanager. Generell sind Arbeitneh- mer, die über einen Bachelor-Abschluss verfügen, fünfmal so stark gefährdet wie solche ohne akademische Bildung. Allerdings nicht alle gleichermassen. So haben Spezialisten im Bereich Human Resources noch immer eine relativ sichere Stelle, Lehrerinnen auch. Bedroht sind vor allem Jobs, die auf Datenauswertung und monotone Muster reduziert werden können.

In den letzten Jahrzehnten wurden in Europa und den USA vorwiegend sogenannte Blue-Collar-Worker ersetzt: Menschen, die sich für ihre Arbeit gewöhnlich in einen Blaumann werfen. Nun übernehmen Maschinen mit künstlicher Intelligenz vermehrt Jobs von White-Collar-Worker, von Menschen also, die als Arbeitstenue oftmals ein weisses Hemd tragen. «Die Globalisierung hat die Blue-Collar-Worker in Westeuropa enorm unter Druck gesetzt», sagt Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Dasselbe Schicksal ereile nun den White-Collar-Worker. Mit dem Unterschied, dass sie nicht mit Arbeitern in Billiglohnländern konkurrieren, sondern mit intelligenten Maschinen. Straubhaar ist überzeugt:

Ähnlich sieht das Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz: «Dank künstlicher Intelligenz ist es zunehmend möglich, auch nicht routinemässige, geistige Tätigkeiten durch Algorithmen zu ersetzen.» Eher manuelle Tätigkeiten wie Haareschneiden, Reparaturarbeiten oder Bedienen in einem Restaurant liessen sich hingegen nur mit grossem Aufwand oder gar nicht durch KI-gesteuerte Roboter ersetzen. Der Roboter-Coiffeur ist vermutlich noch ebenso fern wie die autonome Kochmaschine.

Heisst das, dass wir unseren Kindern eher zu handwerklichen Berufen raten sollen? «Teilweise ja», meint Binswanger.

Bereits heute könne man hier einen Mangel beobachten. Allerdings werde sich auch in Zukunft nichts daran ändern, dass weniger spezifische manuelle Tätigkeiten relativ schlecht bezahlt seien, da hier weiterhin ein Überangebot an wenig ausgebildeten Arbeitskräften vorherrsche.

Neue Jobprofile für Akademiker werden entstehen

Ausserdem ist nicht klar, wie schlimm es für die akademischen Berufe wirklich kommt. Denn nicht alle technologischen Fortschritte, die heute patentiert werden, lassen sich in naher Zukunft umsetzen. Wie gefährdet einzelne Berufe sind, lässt sich nur schwer abschätzen und nicht genau quantifizieren.

In ihrer Aussage erinnert die Studie deshalb an eine Untersuchung aus Oxford aus dem Jahr 2013, die hohe Wellen warf, weil sie zum Schluss kam, dass in den USA 47 Prozent aller Jobs sehr wahrscheinlich innerhalb der nächsten zwei Dekaden der Automatisierung zum Opfer fallen würden. Vor allem aber wird gern ausser Acht gelassen, dass auch wieder neue Jobprofile entstehen werden. «Für diese werden Fachkräfte gebraucht und neue Studiengänge angeboten», sagt Binswanger. Denn oftmals ersetzt die KI den Menschen nicht ganz, sondern dient diesem viel mehr als neues Werkzeug.

Bestes Beispiel ist die Studie der Brooking Institution selbst. Um zu ermitteln, welche Berufe, wie stark durch die Entwicklung der künstlichen Intelligenz gefährdet sind, griffen die Forscher selber auf Verfahren des maschinellen Lernens zurück. Dieses reichte allerdings nicht so weit, als dass die KI die Studie hätte selbstständig erfassen können. Als Autoren unterzeichneten auf jeden Fall keine Algorithmen, sondern Mark Muro, Jacob Whiton und Robert Maxim. Offensichtlich Menschen.

Meistgesehen

Artboard 1