Normen

Ist das ein Mann oder eine Frau? Wie uns Geschlechterstereotype beeinflussen und was unsere Identität ausmacht

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Wie wir stehen und sitzen, wie wir uns schminken und anziehen, wie wir lieben und arbeiten – das alles hat viel mit unserem Geschlecht zu tun. Nur sind uns die Regeln hinter diesem Geschlechterspiel viel zu wenig bewusst.

Was haben Sie als Erstes gedacht, als Sie die Person oben im grossen Bild gesehen haben? Ein junger Mann posiert keck für die Kamera? Oder eine androgyne Frau trägt Männerkleidung? Die Lösung ist kompliziert: Rain Dove heisst das gut bezahlte Model, und es ist ihm nur recht, wenn man nicht weiss, was es zwischen den Beinen oder unter der Bluse hat: «Weil es mich nicht definiert». Damit ist Rain Dove eine Ausnahme.

Alles zur Geschlechterfrage im Stapferhaus Lenzburg

Die allermeisten Menschen schreiben sich einem Geschlecht zu. Ob wir Mann oder Frau sind bestimmt, wer wir sind, was wir tun, wie wir lieben, was wir anziehen und das meist unbemerkt. Unser biologisches Geschlecht bestimmt auch, ob und wie wir schön zu sein haben. Rain Dove wurde als Mädchen geboren.

Mann oder Frau? Wenn wir nicht einordnen können, irritiert uns das.

Mann oder Frau? Wenn wir nicht einordnen können, irritiert uns das.

In der Schule in Vermont wurde sie ausgelacht, wegen ihrer breiten Schultern, dem markigen Gesicht. Sie könne kein Mädchen sein und schon gar nicht schön, verhöhnten sie ihre Mitschüler. Heute läuft Rain sowohl bei Frauen- wie auch bei Männermodeschauen, denn sie hat schöne Brüste und ein kantiges Kinn.

Ich bin ein Mädchen, aber am liebsten einfach ein Kind

Die Geschlechtergrenzen beginnen sich aufzulösen. Was typisch männlich oder typisch weiblich ist, das ist zunehmend verhandelbar. Wer daran immer noch zweifelt, dem sei dringend ein Besuch im Stapferhaus in Lenzburg geraten. Am Sonntag eröffnet dort eine grossartige und gross angelegte Schau zum Thema «Geschlecht». Und auch wer meint, darüber schon alles zu wissen oder nichts mehr hören zu wollen, sollte hingehen. Und zuhören. Etwa einer Kinderstimme, die sagt:

Das rührt einen und man denkt, während man sich in einem anderen Raum die Nägel lackiert oder Kraftübungen macht, sofort daran, wie sehr Kinder ab Geburt auf ihre Geschlechterrolle festgelegt werden, inklusive Sprüche über «richtige Buben» und «liebe Mädchen».

Kinder schlüpfen in der aktuellen Ausstellung im Stapferhaus in verschiedene (Geschlechter-)Rollen.

Kinder schlüpfen in der aktuellen Ausstellung im Stapferhaus in verschiedene (Geschlechter-)Rollen.

Dass es früher einen noch grossen Unterschied machte, erzählt eine ältere Frau im unteren Stock in einem Video: «Meine Mutter hat bei meiner Geburt geweint, als sie erfuhr, dass ich ein Mädchen bin. Nicht vor Freude, sondern aus Verzweiflung, so sehr hat sie sich als Erstgeborenes einen Buben gewünscht.»

Etwas bedrückt wandelt man danach durch rosarote und himmelblaue Kinderzimmer und meint sich zu erinnern, dass Legos früher mal genderneutrale Bausteine waren. Kaum mehr vorstellbar, in einer Zeit, wo jeder Schülerthek plötzlich ein Geschlecht zu haben scheint. Dafür streiten wir über Gender-Sternchen in der Sprache, Unisex-Toiletten im Restaurant und «diverse» Geschlechter zum Ankreuzen.

Das Stapferhaus mischt sich in diese politischen Diskussionen nicht ein. «Wir wollen mit dieser Ausstellung nicht polarisieren, sondern den Boden auslegen für den Dialog», sagt Sibylle Lichtensteiger. Im Vorfeld habe man mit Besuchern über das Thema gesprochen, erzählt die langjährige Leiterin des Stapferhauses, um zu sehen, ob das Thema bewegt. «Mit wem auch immer wir ins Gespräch gekommen sind: Es war unglaublich spannend und tiefgründig, selbst mit jenen, die zuerst angaben, mit dem Thema nichts anfangen zu können.» Geschlecht könne einen nicht nicht interessieren, sagt sie.

Statt plakativ und politisch ist die Ausstellung bunt und poetisch und bricht immer wieder mit den Erwartungen. Etwa wenn beim Bild eines Kettenhandschuhs eine junge Frau von ihrem Beruf als Metzgerin erzählt und dass es keine passenden Schutzhandschuhe in ihrer Grösse gebe.

Vieles, was man in der Ausstellung sieht, hat man vielleicht schon mal gehört, irgendwo gelesen. In dieser Breite und Fülle hat man das Thema Geschlecht aber wohl noch nie präsentiert bekommen. Und wenn auch das Wort «Geschlecht» wenig sinnlich und sexy daherkommt, die Schau ist es durchaus.

Wenn sich die Vulva mit dem Penis unterhält

Ein Highlight ist das Gespräch zwischen Pi und Vu über Scham und Schamlosigkeit und warum die Menschen nur abwertende und verniedlichende Begriffe für sie beide hätten. Dazu muss man wissen, Pi ist ein Penis und Vu eine Vulva. Die Natur in aller ihrer Vielfarbigkeit und die Frage, was natürlich ist, was die Norm, zieht sich wie ein Faden durch die Ausstellung hindurch. Und schnell wird klar, die klaren Grenzen zwischen Männlein und Weiblein sind von Menschen konstruiert und nicht von der Biologie.

Menschen, die weder klar männlich noch weiblich sind, gab es schon immer. Aber sie heissen und hiessen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Regionen der Welt nicht immer gleich. Bis Ende des 19.Jahrhunderts finden sich etwa im Preussischen Allgemeinen Landrecht Regelungen, die ein drittes Geschlecht berücksichtigten. Und im alten Kirchenrecht gab es gar Passagen wie:

Was uns also neu vorkommt, ist uralt, und was gestern als männlich galt, ist es morgen nicht mehr.

Was bedeutet «Geschlecht »für Sie? Drei Menschen erzählen

Ernst, 84

«Ein richtiger Mann ist mindestens 1,75 m gross und sicher nicht unter 90 Kilo. Ein richtiger Kerl, das ist ein Brocken, der etwas darstellt und etwas kann. Wenn es etwas zu tun gibt, dann macht er das. Ein richtiger Mann zieht seine Ideen durch, ist der Sache gewachsen und bleibt dabei fröhlich.

Im Haushalt bin ich ein fauler Siech. Mit Kochen muss mir niemand kommen. Wenn meine Frau mal weg ist, gibt’s bei mir Büchsenkost. Meine Frau hingegen ist leidenschaftliche Köchin. Und sie putzt auch alles immer blitzblank. Ich bin eher der, der am Haus herumwerkelt.

Ich bin kein Typ für Veränderungen. Ich mag es, wenn die Dinge so sind, wie ich sie gewohnt bin. Vier Sachen will ich noch behalten bis ans Lebensende: Mein Haus, meine Frau, mein Auto und die Katze.»

Sandra, 31

«Bereits als Mädchen stellte ich mir vor, wie wir heiraten würden. Für mich war immer klar, dass ich in Weiss heiraten möchte. Ich habe keine Ahnung, weshalb. Vielleicht, weil es für mich der Inbegriff von Weiblichkeit ist, in einem weissen, schönen Kleid zu heiraten.

Ich hatte ein klassisches weisses Hochzeitskleid sowie ein Diadem, das war mir sehr wichtig.

Ich habe mir immer gewünscht, dass er um meine Hand anhält und das hat er dann auch gemacht: Er ging mit einem Ring vor mir auf die Knie. Geheiratet haben wir nicht in der Kirche, aber dennoch sehr traditionell. Mein Vater hat mich zu ihm geführt. Es war einer der schönsten Tage in meinem Leben. Es war genauso, wie ich es mir als Mädchen immer erträumt hatte.»

Kim, 28

«Es regt mich auf, wenn man sagt, Queerness sei eine neue Mode. Das impliziert, dass man nur queer ist, weil es jetzt gerade cool ist. Aber es ist keine Mode, die kommt und geht – ich bin wirklich überzeugt davon, dass das Bewusstsein dafür wachsen wird, dass ein Mensch nicht nur Mann oder nur Frau ist.

Queerness ist ein Bedürfnis von vielen Menschen, sich in ihrem Körper anders zu fühlen, anders auszudrücken und anders zu leben als bisher. Ich zum Beispiel finde es schön, Geschlecht als ein Spiel anzuschauen. Ich möchte mich nicht einer binären Norm unterordnen, in der es sehr klar vorgegeben ist, was ich als Mann darf – was ich anziehen und spannend finden soll, welche Filme und Bücher mir gefallen dürfen. Ich möchte so sein, wie ich bin, und nicht einem unsichtbaren Script folgen.»

Geschlechterklischees im Wandel: Könige auf High Heels und Frauen im All

Waren in der Urgeschichte Frauen an der Macht?

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Jedenfalls sind aus der Altsteinzeit viel mehr Figuren von Frauen als von Männern bekannt. Ob das auf eine Vorrangstellung der Frauen in allen oder zumindest in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen hinweist? Vielleicht stellt sich die Frage damals auch gar nicht.

Neben eindeutig weiblichen und eindeutig männlichen gibt es auch geschlechtlich uneindeutige und doppelt lesbare Figuren. Geschlecht wird weniger als Gegensatz denn als fliessend dargestellt. Anders gesagt: Wie wir unser Geschlecht heute unterscheiden und leben, hat seinen Ursprung nicht in der Steinzeit.

Fünf Geschlechter auf einer Insel

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Nur zwei Geschlechter zu anerkennen kämen dem Volk der Bugi auf der indonesischen Insel Sulawesi wohl ziemlich reduziert vor. Die Bugis unterscheiden seit jeher deren fünf. Neben normalen Frauen und Männern gibt es die Calalai, anatomische Frauen mit typisch männlichen Vorlieben und die Calabai, anatomisch Männer mit typisch weiblichen Vorlieben.

Das fünfte Geschlecht nennt man Bissu – es sind Menschen, die weder eindeutig Mann noch Frau, sondern eine Kombination von beidem sind. Sie haben ihre eigene Kleidung und gelten als Mittler zwischen den Menschen und den Geistern.

Könige auf High Heels

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Es gibt kaum ein Accessoire, das so sehr mit dem gesellschaftlich geprägten Bild einer Frau assoziiert wird, wie Schuhe mit hohen Absätzen. Doch bevor sie das wurden, waren sie weitgehend den Männern vorbehalten – den reichen und mächtigen Männern.

Per Erlass beschränkte etwa der französischen König Ludwig XIV das Tragen von rotgesäumten Stöckelschuhe exklusiv für Aristokraten. Erst mit der Französischen Revolution änderte sich die Symbolkraft der Absatzschuhe. Sie wurden als irrational, unpraktischen und oberflächlich abgetan. Und landeten prompt in der Welt des «Weiblichen».

James Bond im Wandel

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James Bond ist Kult und James Bond war ein Sexist, ein Macho. Einer der Frauen auch mal ins Gesicht schlägt, ihnen den Bikini vom Körper reisst, seine Bond-Girls reihenweise aufs Bett wirft, während sie sich wehren, und oder mit Sprüchen wie «lass die Männer reden, Mädchen» abgefertigt werden.

Er sei ein «sexistischer, frauenfeindlicher Dinosaurier», warf ihm seine Chefin M in «Goldeneye» schon 1995 vor. Man kann an den Bondfiguren eine 60-jährige Entwicklung des Männlichkeitsbildes ablesen. Daniel Craig belästigt als neuer Bond keine Frauen mehr, er leidet vielmehr mit ihnen.

Männliche Medizin

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Im Zentrum der medizinischen Lehre und Forschung steht seit je der Mann. Medikamente werden mehrheitlich an männlichen Probanden getestet, mehr Symptome und Beschwerden von Männern werden in Lehrbüchern beschrieben. Manche Medikamente wirken bei Frauen gar nicht oder anders.

Das hat fatale Folgen: Frauen sterben nachweislich häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weil man sie nicht erkennt oder falsch behandelt. Die Gendermedizin will mit diesen Missstand beheben. In den nächsten Jahren soll an der Uni Zürich ein Institut für Gendermedizin aufgebaut werden.

Bub oder Mädchen?

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Gender Reveal Partys heissen die Feste, bei denen werdende Eltern unter Gejohle und viel Getue verraten, ob ihr Kind ein Mädchen oder ein Junge wird. Da werden pinke Raketen gezündet, ganze Pools blau eingefärbt, Farbkanonen beschmutzen halbe Häuserzeilen und Bäcker müssen rosa oder blaue Torten backen. Alles nur, um das Geschlecht des Ungeborenen gross anzukündigen und zu feiern. Der Gegentrend dazu sind jene Eltern, die das Geschlecht ihres Kindes während der ersten Jahren niemandem verraten, noch nicht mal dem Kind selbst. Um es genderneutral erziehen zu können.

Frauen und Machos an der Macht

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Die Geschichte des Geschlechts ist keine, die zu immer mehr Freiheit und Gleichheit führt. Während etwa in Finnland, wo Frauen seit 1906 wählen, 2019 mit Sanna eine 34-Jährige zur Regierungschefin gewählt wurde und ein Kabinett aus zwölf Frauen und sieben Männern zusammenstellte, kamen in anderen Staaten wie Italien, Polen, den USA und Brasilien Männer an die Macht, die für ihre Verachtung von Frauen und Homosexuellen bekannt sind.

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Autor

Katja Fischer De Santi

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