Rui Pinto ist am Donnerstag von Ungarn an Portugal ausgeliefert worden. Der 21-Jährige hatte gehackte Datensätze von Fussballfunktionären zusammengetragen und sie einem Medienkonsortium unter dem Lead des «Spiegels» zur publizistischen Auswertung überlassen.

Für die Medien ist er ein Whistleblower, der Zivilcourage beweist, um den Sumpf des Weltfussballs trockenzulegen. Für die portugiesische Justiz, die ihn per internationalen Haftbefehl ausgeschrieben hatte, ist Pinto ein Cyberkrimineller, der sich widerrechtlich Daten beschafft hat.

Der Fall Pinto zeigt exemplarisch einen blinden Fleck der Investigativrecherche neuerer Prägung: Die zentrale journalistische Frage des «cui bono» – wem nutzt eine Indiskretion? – ist weitgehend ausser Kraft gesetzt, wenn die zugespielten Informationen eine brisante Geschichte versprechen.

Pinto steht mit seinen «Football Leaks» in einer langen Reihe von Personen, die aus unterschiedlichen Motiven Skandalöses offenbaren. Daniel Ellsberg, ein hochrangiger Mitarbeiter des US- Verteidigungsministeriums leakte 1971 der «New York Times» die «Pentagon Papers», die Unliebsames zum Vietnam-Krieg ans Licht brachten.

FBI-Agent William Felt war 1973 als «Deep Throat» die wichtigste Quelle der «Washington Post» für deren «Watergate»-Recherche, die zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führte. Computer-Analyst der US-Streitkräfte Bradley (Chelsea) Manning spielte 2010 der Plattform Wikileaks etwa ein vom US-Militär zurückgehaltenes Video zu den Luftangriffen in Bagdad zu. Edward Snowden griff als externer Mitarbeiter Daten des US-Geheimdienstes NSA ab, die er dem britischen «Guardian» sowie der «Washington Post» zukommen liess.

Nicht zufällig ist die Galerie mit US-Beispielen bestückt und nicht zufällig sind einige dieser spektakulären Fälle erfolgreich verfilmt. Denn Whistleblower, die sich den Mächtigen in die Quere stellen, verkörpern Tugenden moderner Helden. Und auf den Redaktionen treffen sie auf Journalisten, die den Mythos der Unbestechlichen kultivieren.

Die Zutaten der Kampagnen

Beinahe im Monatstakt werden mittlerweile konzertierte Skandalgeschichten auf die Reise geschickt. Anfang März berichteten die Tamedia-Zeitungen über den «Troika Laundromat», über die Geldwäscherei russischer Geschäftsleute. 18 vorwiegend europäische Medien beteiligen sich an der Kampagne, die vom «Organized Crime and Corruption Reporting Project» (OCCRP) koordiniert ist. Grundlage seien 1,3 Millionen geleakte Banktransaktionen, heisst es auf der begleitenden Website.

Das jüngste Beispiel investigativer Grossrecherche enthält die Ingredienzen, die häufig solchen Kampagnen eigen sind: Die Umstände des Datenlecks sind unklar; Ausgangspunkt ist eine grosse, meist unstrukturierte Datenmenge; eine zwischengeschaltete Organisation übernimmt die technische Aufbereitung; die Berichterstattung erfolgt multinational, multimedial und zeitlich abgestimmt.

Julien Assange, Gründer von Wikileaks, schuf 2006 die technische Möglichkeit einer Whistleblower-Plattform. Er merkte rasch, dass Daten allein keine Wirkung erzeugen, und arbeitete bereits 2007 mit dem britischen «Guardian» zusammen, um Aufmerksamkeit für Dokumente über die korrupte Herrschaft des kenianischen Präsidenten David Arap Moi zu generieren. Der Schweizer Banker Rudolf Elmer lud 2008 Dokumente zu den Offshore-Geschäften der Bank Julius Bär auf Wikileaks hoch, weil die zuvor damit bediente Schweizer Presse nicht bereit gewesen war, diese nach seinen Vorstellungen zu skandalisieren. Auch Manning wandte sich an Assange, nachdem er bei Redaktionen kein Gehör gefunden hatte.

Mittlerweile gibt es technologisch ausgereifte Plattformen, die Whistleblowern zusichern, anonym Daten hochladen zu können. Unter Beteiligung des Schweizer Onlinemediums «Republik» ist etwa «The Signals Network» entstanden, das stiftungsfinanziert aus den USA agiert.

Die neuen Instrumente der forensischen Informatik und des Datenjournalismus ermöglichen es, grosse Datenmengen grafisch aufzubereiten wie bei den «Panama Papers» oder sie mit Algorithmen nach Auffälligkeiten zu durchsuchen, und treiben die Entwicklung voran. Für diese komplexe Arbeit haben sich Intermediäre gebildet wie das OCCRP, das die Kampagne «Troika Laundromat» betreut. Das Antikorruptionsprojekt gehört der US-Gesellschaft Journalism Development Network Inc., die gemäss vorliegenden Geschäftsberichten in den vergangenen Jahren wesentlich von der US-Regierung finanziert wurde.

Das Projekt ist auch Teil eines verwirrenden Netzes von miteinander verbundenen Verbandsorganisationen, die sich dem investigativen Journalismus verschrieben haben. Weitgehend unabhängig von Konzernstrukturen, aber weitgehend einig in ihrer ideologischen Ausrichtung haben sie die Globalisierung des traditionell national strukturierten Journalismus befördert. Die derzeit einflussreichste ist das mittlerweile zwanzigjährige «International Consortium of Investigative Journalists» (ICIJ).

Stiftungen finanzieren

Bis vor zwei Jahren gehörte das ICIJ zum Center for Public Integrity, einer ebenfalls gemeinnützigen US-Organisation, die sich auf die Fahne geschrieben hat, «Machtmissbrauch, Korruption und Pflichtversäumnis einflussreicher öffentlicher und privater Institutionen offenzulegen». Finanziert werden beide Organisationen von namhaften Stiftungen wie der Ford Foundation, dem Omidyar Network von Ebay-Gründer Pierre Omidyar, der niederländischen Adessium Foundation oder der von George Soros gegründete Open Society Foundation.

Das ICIJ ist 2013 mit den «Offshore Leaks» bekannt geworden. Datenbasis waren 2,5 Millionen Dokumente über die Gründung und Verwaltung von Gesellschaften in bekannten Steueroasen. Die Informationen stammten aus einer anonymen Quelle, die zuvor ein noch grösseres Datenpaket den USSteuerbehörden übergeben hatte. An der Auswertung waren 86 Journalisten in 46 Ländern beteiligt, aus der Schweiz Medienschaffende der «SonntagsZeitung». 2015 stand das ICIJ hinter der Kampagne «Swiss Leaks». Diese beruht auf 60 000 Dokumenten, die der ehemalige Bankmitarbeiter Hervé Falciani bei der HSBC entwendet hatte.

Ein Quantitätssprung waren die «Panama Papers». 11,5 Millionen Dokumente, die der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca entwendet worden waren, wurden der «Süddeutschen Zeitung» zugespielt. Diese erkannte Sprengkraft wie Komplexität des Materials und lagerte die Aufarbeitung an das ICIJ aus. Die Besonderheit: Die Originaldateien wurden nicht öffentlich gemacht, dafür eine allgemein zugängliche Datenbank angelegt, die mit Namen und Adressen von über 300 000 Offshore-Firmen, Trusts, Vermittlern und Anteilseignern bestückt ist.

Nach einjährigem Vorlauf unter absoluter Geheimhaltung starteten im 2016 gleichzeitig 109 Medien in 76 Ländern mit den Publikationen. Auf die «Panama Papers» folgten 2017 nach gleichem Schema die «Paradise Papers», die auf 13 Millionen internen Dokumenten der Anwaltskanzlei Appleby beruhen und von 90 global verteilten Medienpartnern journalistisch verwertet wurden.

Einen Entwicklungsschritt versuchte das ICIJ im vergangenen Jahr mit den «Implant Files», die Machenschaften von Behörden und Industrie in der Medizinaltechnik aufdecken. Erstmals sei nicht ein Datenleck am Ursprung gestanden, sondern die Recherche der niederländischen TV-Journalistin Jet Schouten.

Sie habe eine vertiefte Prüfung angeregt, nachdem sie zuvor mit einem simplen Mandarinennetz die erste behördliche Hürde zur Zulassung eines «Vaginalnetzes» erhalten habe. Zwei Jahre lang hätten daraufhin 250 Journalisten aus 36 Ländern «Unterlagen analysiert und unzählige Patienten und Experten» gesprochen, erzählten die Macher über das «Making of» der Kampagne. Im November startete die Offensive, in der Schweiz erneut unter Beteiligung der Tamedia-Zeitungen.

Redaktionen ohne Publikationen

In der zunehmenden Arbeitsteilung im Aufstöbern und in der Aufbereitung investigativer Geschichten bildeten sich Redaktionen, die keiner Publikation angeschlossen sind. Als Vorbild gilt das 2007 in New York gegründete Institut «Pro Publica», das der Immobilien-Milliardär Herbert Sandler mit jährlich zehn Millionen Dollars alimentiert.

Die Redaktion startet eigenständig Recherchen, bietet diese in der Endphase zunächst einem etablierten Medium zur Exklusivverwertung an, bevor die Geschichten honorarfrei von lizenzierten Medien übernommen werden dürfen. Als deutsches Pendant entstand das Kollektiv «Correctiv» als «erstes gemeinnütziges Recherchezentrum». Die stiftungsfinanzierte Redaktion initiiert Recherchen, die mit Kooperationspartnern realisiert werden.

Grösstes Projekt waren bisher die «CumEx Files», das widerrechtliche Steuersparkonstruktionen aufdeckte. 19 Newsrooms in 12 Ländern seien an der Aktion beteiligt gewesen, lautet die Eigenwerbung. Aus der Schweiz war die «Republik» mit im Boot.

Mediale Netzwerke

Der Kreis der Redaktionen, die wiederkehrend die Aufklärungs- und Verwertungsmaschinerie betreiben, ist überschaubar. In Deutschland spielt häufig die Achse zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR und NDR und der «Süddeutschen Zeitung». Alternativ kommt der «Spiegel» zum Zug. Über den bestehenden Artikelaustausch kann die Tamedia direkt die Recherchen der «Süddeutschen Zeitung» beziehen.

Mit seinem mehrköpfigen Recherchedesk bietet sich der Zürcher Medienkonzern aber auch unabhängig davon an, Teil der Kampagnen zu sein. Schliesslich erscheinen die Beiträge mehr oder weniger integral nicht nur im «Tages-Anzeiger» oder im «Magazin», sondern auch in den Berner Zeitungen, in der «Basler Zeitung», in den Zürcher Landzeitungen sowie auf französisch in der «Tribune de Genève».

Als schweizerische Alternative mit kleinerer Verbreitung hat sich die «Republik» etabliert. Aufgenommen ist das Onlinemagazin auch in einem multinationalen Rechercheverbund, der sich unter Führung des ARD-Journalisten Hajo Seppelt mit dem Dossier Sportdoping beschäftigt.

Skeptische Stimmen zu den problematischen Seiten konzertierter Recherchen finden sich kaum. Zum einen gehören die Meister der Investigativrecherche häufig einer der beteiligten Redaktionen an und stehen für das modisch gewordene Erfolgsmodell. Zum anderen wurde an einer Tagung des deutschen Vereins «Netzwerk Recherche» der «Neid-Reflex» als Grund für eine ausbleibende Selbstreflexion benannt: Journalisten, die aus welchen Gründen auch immer nicht dazugehören, würden eine oppositionelle Haltung vermeiden, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, ihre Position sei vom Neid der Ausgeschlossenen diktiert.

Journalistische Kampagnen sind unbestritten bestes Marketing. Die komplexen, hochprofessionell aufgemachten und mehrheitlich relevanten Geschichten helfen den Redaktionen, das Label «Qualitätsjournalismus» zu pflegen – und den Konzernen, Kosten zu sparen. Schliesslich sind die Vorleistungen häufig durch Drittmittel mitfinanziert.

Die beteiligten Medienschaffenden sind zudem Anwärter für Journalismuspreise, was ihren Status innerhalb der beruflichen Zunft erhöht. Gehört es zum gewöhnlichen Alltag eines Journalisten, täglich einen Beitrag zu verfassen, können sich Investigativjournalisten – so zumindest die geschürte Erwartung – wochenlang in eine Geschichte verkrallen.

Verbundjournalismus kaschiere aber auch den fortschreitenden Abbau auf den Redaktionen, stellt der ehemals in der Schweiz lehrende Journalismusforscher Stephan Russ-Mohl kritisch fest. Er sagt: «Es ist schon augenfällig, wie auf der einen Seite Rechercheabteilungen für grosse Geschichten wie Pilze aus dem Boden schiessen und es andererseits zunehmend an journalistischen Kapazitäten fehlt, die Geschichten vor Ort zu recherchieren.»

Offen für Manipulationen

Verbundrecherchen moderner Prägung haben neuralgische Schwachstellen. Den Journalisten ist die Quelle der Indiskretionen entgegen ihrer üblichen Arbeitsweise in vielen Fällen unbekannt. Damit kennen sie auch dessen Motivlage nicht. Augenscheinlich problematisch wurde dies mit den E-Mails aus dem Clinton-Umfeld, die im Vor- feld der US-Wahlen Wikileaks zugespielt worden sind. Die berichtenden Medien waren faktisch manipulierte Träger eines «information warfare», einer Kriegsführung mit gelenkten Informationen.

Einen «Spin» droht den Kampagnen auch durch die Intermediäre, die von interessengeleiteten Geldgebern abhängig sind. Weshalb, so eine der naheliegenden Fragen, finanziert die US-Regierung ein journalistisches Antikorruptionsprojekt, in dessen Fokus russische Geschäftspraktiken stehen?

Wirkung ist das Ziel

Selbst wenn es sich bei den Financiers um wohltätige Stiftungen mit ethisch untadeligem Ruf handelt, haben diese eine Intention. Die Rede ist von «Impact Journalism», was den Anspruch bedeutet, dass die Recherchen Wir- kung zeitigen. Die Blaupausen, wie solche Kampagnen funktionieren, haben NGOs wie Greenpeace oder die Antitabaklobby geliefert. Diese schufen Recherchezentren, die mit investigativen Mitteln belastendes Material gegen ihre Widersacher zusammentrugen, lange bevor es solche in den Medienredaktionen gab.

Verbundjournalismus verändert nicht zuletzt den Journalismus in einer Kernfunktion, wie sich Medien nämlich gegenseitig kontrollieren und zitieren. Durch den Informationsvorsprung und den exklusiven Zugang zu Daten eines geschlossenen Medienkreises wird eine «Gegenrecherche» durch ein anderes Mediums praktisch verhindert. Ausser es kommt zu einer spektakulären Enttarnung wie im Falle des Rui Pinto und einem juristischen Nachspiel. Nun können andere Medien immerhin über den Portugiesen berichten, dem in der Heimat nun ein Strafprozess droht.