Tyrannenmord
«Ich bins, Herr Landvogt» – Führt der Tellenschuss zur Freiheit?

Wenn es darum geht, den Tyrannenmord zu rechtfertigen, ist die Tell-Geschichte meist nicht weit. Aber Schiller hat die Geschichte akribisch so gebürstet, dass die Freiheit eben nicht aus dem Tellenschuss resultiert.

christoph bopp
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«Tells Geschoss!» Die Geschichte vom tapferen Rächer ist ein Exportschlager. Aber so sah es Schiller nicht.AKG-Images

«Tells Geschoss!» Die Geschichte vom tapferen Rächer ist ein Exportschlager. Aber so sah es Schiller nicht.AKG-Images

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Bevor man über die Legitimität des Tyrannenmordes nachdenken und diskutieren kann, muss zuerst einmal festgehalten werden, was ein Tyrann ist.

In der Ur-Szene des Tyrannenmordes, in Athen im Jahre 514 v. Chr., sind die Historiker später uneins, wie die Motivlage gewesen sein könnte. Aber die Leute, die dabei gewesen waren, kamen zu einem klaren Urteil: Eine Heldentat wars. Und deshalb wurde den Attentätern Harmodios und Aristogeiton zu Ehren eine berühmte Figurengruppe geschaffen. Ihr Opfer war der Tyrann Hipparchos, einer der Söhne des früheren Alleinherrschers Peisistratos. Sein Bruder Hippias überlebte und hielt sich noch vier Jahre lang an der Macht, bis die Athener endlich die Demokratie einführten. Wer ein Tyrann ist und deshalb unerwünscht, wird definiert durch das erwünschte Gegenteil, die Demokratie. Peisistratos, kann man bei Aristoteles nachlesen, war zwar auch Alleinherrscher, aber weil er Athen Wirtschaftswachstum brachte, nicht unerwünscht.

Lincoln, Caesar und Gessler

Szenenwechsel: Der Schauspieler John Wilkes Booth, der am 14. April 1865 auf den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln schoss, führte während seiner Flucht offenbar eine Art Tagebuch. Er beklagt sein Los, von allen gejagt zu werden: «Und warum? Für eine Tat, für die Brutus geehrt wurde, und die Tell zu einem Helden machte. Ich aber, der ich einen grösseren Tyrannen niedergestreckt habe, als sie je gekannt haben, werde als normaler Halsabschneider angesehen.»

Dass der Südstaaten-Fanatiker Booth Präsident Lincoln ermordete, war gar nicht gut für den Süden.

Dass der Südstaaten-Fanatiker Booth Präsident Lincoln ermordete, war gar nicht gut für den Süden.

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Booth beruft sich auf eine Tradition. «Sic semper tyrannis!» rief er, als er nach dem Schuss von der Präsidentenloge auf die Bühne sprang. «So soll es Tyrannen immer ergehen!» Den Tell-Stoff kannte er sicher und Shakespeares «Julius Caesar» gehörte zum gängigen Repertoire. Booth war ein Star, brillierte vor allem als Heldendarsteller. Und das in Stücken, in denen es um Umsturz und Gewalt ging.

Für Booth, der mit der Konföderation der Südstaaten sympathisierte, war Lincoln ein Tyrann. Der amerikanische Bürgerkrieg (1861–65) war noch keine Woche vorüber. Ursprünglich hatte Booth im Sinn gehabt, Lincoln nach Richmond zu entführen, um Gefangene frei zu pressen. Unausführbar wäre das nicht gewesen. Aber unwillkommen. Südstaaten-Präsident Jefferson Davis hatte ähnliche Projekte mehrfach abgelehnt. Attentate auf politische Amtsträger, schrieb Lincolns Aussenminister Seward, seien «nicht amerikanisch». Das schrieb er allerdings, bevor er am 14. April 1865 um ein Haar ebenfalls ermordet wurde.

Lincoln war ein Präsident der Nordstaaten. Die republikanische Partei gab es gar nicht im Süden, als er 1860 gewählt wurde. Bei der Wiederwahl 1864 holte er immerhin 55 Prozent der Wählerstimmen (1860 nur 39,8 Prozent). Es ging zwischen Nord und Süd natürlich um die Sklaverei. Aber Booth und viele Leute aus dem Süden hielten sich nicht für Sezessionisten. Der Norden hatte die Union verraten. Und der Süden hatte sich nur gewehrt. Heute bewundert man Abraham Lincoln. Damals sah die Hälfte der Amerikaner nicht, wie geschickt er die Union verteidigte. Er schreckte keineswegs vor harten Massnahmen zurück, um den Krieg zu gewinnen. Die Bürgerrechte wurden praktisch abgeschafft und auch die Unionsarmeen hinterliessen verbrannte Erde. Aber sein Regierungsstil war nicht despotisch, sondern vom Kongress abgesegnet. Er sicherte sich auch bei den unpopulärsten Massnahmen bei der Opposition ab. Und sein Kriegsminister Edwin Stanton war Demokrat.

Die Idee von Booth war, dass seine Tat einen Aufstand auslösen würde. Der blieb nicht nur aus, sondern schlimmer: Mit Lincoln hätten die USA den Bürgerkrieg besser und schneller verarbeitet. Ohne den Süden unter Militärzwangsverwaltung stellen und wirtschaftlich auf Jahre zurückzuwerfen.

«Si würde d’Freiheit gwünne . . .»

Tell ist der Retter der Freiheit. Die Sache liegt natürlich komplizierter. Wie in Mani Matters Version der Tell-Geschichte: «Si würde d’Freiheit gwünne, wenn sie dewäg z’gwünne wär». Im Lied geht es zwar um eine Wirtshausschlägerei. Aber es benennt klar, worum es Schiller ging: Wie lässt sich die Freiheit gewinnen? Mit grossem Aufwand trennte er die Tell-Handlung säuberlich vom eigentlichen politischen Prozess, dem Rütlischwur. Und in der Tell-Handlung selbst muss noch feinfühliger vorgegangen werden. Tell darf gar nicht daran denken, dass man den Landvogt umbringen könnte um eines politischen Zwecks willen.

Wer nur die Tell-Story kennt, wird von Schiller oft gelangweilt. Aber diese Pingeligkeit muss sein. Bis die Eidgenossen endlich schwören auf dem Rütli! Und was soll die Episode, in der Tell erzählt, wie er dem Gessler im Gebirge oben begegnet sei? Der Vogt hat offensichtlich die Hosen voll und fürchtet Schlimmes, aber Tell sagt nur : «Grüezi, Herr Landvogt», und lässt ihn vorbei. Auch sie dient dazu, den politischen Mord überhaupt erst in die Nähe der politischen Sphäre zu rücken. Nichts Persönliches darf es sein, das den Abzug drücken lässt. Keine Affektion, kein Rachedurst, kein Pausenplatzgehabe.

Schiller hat noch im Kopf, wie Ludwig XVI. 1793 in Paris hingerichtet wurde. Jene Tat hat, man weiss es, dem französischen Volk eben die Freiheit nicht gebracht. Und der Vortrag, den Tell am Schluss dem Kaisermörder Parricida hält, hat es auch in sich. Ehrgeiz, Habgier und dergleichen, das seien doch keine Motive. Er, Tell, habe hingegen aus familiärer Notwehr gehandelt und Frau und Kinder beschützt.

Tells Tat wird denn auch nur beiläufig mit Aufstand und Burgenbruch verbunden. Mit den anderen Vögten käme man schon zurecht, meinen die Eidgenossen einmal, der Gessler hingegen sei ein harter Kerl. Tell erledigt das, nicht ohne Gessler doch noch eine Chance zu geben. Aber Armgard bittet vergebens und der Pfeil fliegt.

In die Vergangenheit morden?

Caesar liess sich 44 v. Chr. zum Diktator auf Lebenszeit ernennen. Darauf hätten sich die Anhänger der alten Römischen Republik verschworen und seien an den Iden des März zur Tat geschritten. So weit die History. Nur: Marcus Iunius Brutus, der bekannteste Caesarmörder, hatte – wie der Rest seiner Gruppe auch – keinen Plan. Er wollte nach dem Attentat im Senat eine Rede halten und offenbar die alten Zeiten beschwören, aber die Senatoren hatten sich davongemacht. Die Bahn war frei für Antonius, bis ihn Octavian, der spätere Augustus, ausbremste. Dann regierten die Kaiser.

Auch 23 Messerstiche in Caesars Leiche brachten die Römische Republik nicht zurück – im Gegenteil.

Auch 23 Messerstiche in Caesars Leiche brachten die Römische Republik nicht zurück – im Gegenteil.

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Dass es nach dem Tod des Tyrannen meistens anders kommt als gedacht, ist trivial. Der Umsturz wird nicht durch die Absicht legitimiert, sondern durch den Erfolg. Allenfalls. Einen Tyrannen zu ermorden, mag Helden machen, aber ein seriöses politisches Projekt ist es meist nicht. Oder waren es nur die Falschen, die Mörderhand zum Opfer fielen? Und die anderen, «bei denen es sich gelohnt hätte» – Hitler, Stalin, Mao, Franco, Pol Pot und die Kollegen aus Afrika – hatten einfach Glück?