Pandemie
Hoffnung im Kampf gegen Covid-19: Deutschland beginnt mit Antikörpertherapien

Deutschland sichert sich 200'000 Medikamentendosen. Die Schweiz steckt noch in den Verhandlungen und wartet auf ein anderes Medikament.

Niklaus Salzmann
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Die gespritzten Antikörper (hier bräunlich dargestellt) blockieren das Coronavirus (bläulich) dort, wo dieses an die menschliche Zelle andocken könnte.

Die gespritzten Antikörper (hier bräunlich dargestellt) blockieren das Coronavirus (bläulich) dort, wo dieses an die menschliche Zelle andocken könnte.

Getty Images

Für 400 Millionen Euro kauft Deutschland Medikamente, die noch nicht mal zugelassen sind. Offenbar ist die Hoffnung gross, dass Antikörpertherapien schwere Covid-Verläufe verhindern und vielleicht auch Erkrankungen vorbeugen können.

Das eine heisst REGN-CoV-2, stammt von der US-Firma Regeneron und erlangte im Oktober Berühmtheit, als damit Donald Trump behandelt wurde. Das andere heisst Bamlanivimab und kommt von der Firma Eli Lilly, die ebenfalls in den USA ihren Hauptsitz haben. Beide haben bereits im November in den USA eine Notfallzulassung erhalten. Sie dürfen dort eingesetzt werden, wenn bei einer kranken Person schwere Symptome befürchtet werden.

Bei einer Antikörpertherapie werden einer Person Antikörper intravenös gespritzt, die im Labor in Mäusen oder Zellkulturen gezüchtet wurden. Beim Medikament von Eli Lilly sind die Antikörper alle genetisch identisch, Regeneron hat dagegen zwei verschiedene Antikörper gemischt. Sie binden sich dort an das Virus, wo dieses an die menschliche Zelle andocken würde. Damit verhindern sie, dass es in die Zellen gelangt und stoppen damit auch die Vermehrung. Um ihre Wirkung zu entfalten, müssen die Antikörper aber in einer relativ frühen Phase der Erkrankung verabreicht werden.

Jede Dosis kostet 2000 Euro

Antikörpertherapien könnten insbesondere diejenigen Menschen schützen, deren Immunsystem nicht selber genügend Antikörper bilden kann. Das sind etwa Menschen, die nach einer Transplantation oder wegen einer Autoimmunerkrankung ihr Immunsystem mit Medikamenten unterdrücken müssen. Bekannt und erprobt sind Antikörpertherapien unter anderem aus der Krebsbehandlung. Das Kultivieren der Antikörper in Zellen ist aber aufwendig, die Kosten hoch: Für die neuen Coronamedikamente zahlt Deutschland 2000 Euro pro Dosis.

In Deutschland sollen bereits kommende Woche erste Patientinnen und Patienten an Universitätsklinik mit den Antikörpern behandelt werden. Es ist damit das erste Land der EU, in dem solche Therapien eingesetzt werden. Die Hoffnung ist einerseits, dass dadurch schwere Verläufe verhindert werden, weil die Vermehrung der Viren gebremst. Andererseits könnte das Medikament auch vorbeugend an nicht geimpfte Menschen verabreicht werden.

Schweizer Medikament wird derzeit an Menschen getestet

Die Schweiz hat laut Bundesamt für Gesundheit bislang keine Antikörpermedikamente gegen Covid-19 bestellt. Verhandlungen seien am Laufen; Genaueres wollte das Bundesamt am Montag nicht bekanntgeben.

Bereits im vergangenen August hat der Bund aber 200'000 Dosen eines anderen Medikaments reserviert, das ähnlich wirkt. Es heisst Ensovibep und wurde von der Firma Molecular Partners, einem Spinoff der Universität Zürich mit Sitz in Schlieren, mit Unterstützung des Labors Spiez entwickelt. Zur Zeit wird es in einer Phase-1-Studie an freiwilligen Gesunden im Vereinigten Königreich getestet.

Bei Ensovibep werden statt Antikörpern kleinere Proteine gespritzt, sogenannte Darpins, die auf ähnliche Weise an die Viren andocken und so deren Eindringen in die Zellen verhindern. Das Medikament blockiert die Viren an drei verschiedenen Stellen, während bei Antikörpermedikamenten maximal zwei Stellen blockiert werden. Zudem ist die Herstellung von Ensovibep weniger aufwendig, was einen tieferen Preis ermöglichen könnte. Es muss nicht gekühlt werden und kann in grösseren Mengen produziert werden als Antikörpermedikamente.

Auf Mutationen vorbereitet

Allerdings dauert es noch eine Weile, bis das Medikament zum Einsatz kommt. «Läuft alles nach Plan, werden wir im Sommer gemeinsam mit unserem Partner Novartis eine Notfallzulassung beantragen können», sagt Mediensprecher Thomas Schneckenburger. «Das Medikament wäre somit bereit für die leider zu erwartende dritte Welle im Herbst.»

Spannend wird es aber bereits im Februar. Da wird in Test geklärt, wie gut das Medikament gegen die neuen Mutationen des Virus wirkt. Für alle Fälle hat die Firma aber noch ein zweites Covid-Medikament in der Hinterhand, das die Viren an einer anderen Stelle blockiert.