Erziehung
Grüsse aus der Kindheit: Warum wir immer wieder in die selben Verhaltensmuster fallen

Manche Erlebnisse aus frühen Jahren prägen unser Verhalten bis ins Erwachsenenalter. Das wirkt sich auf die Erziehung der Kinder aus.

Kristina Reiss / «wir eltern»
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Wenn sich das innere Kind meldet, gilt es zu merken, dass sich da ein Gefühl von früher zeigt.

Wenn sich das innere Kind meldet, gilt es zu merken, dass sich da ein Gefühl von früher zeigt.

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Milch zu verschütten erlebte die kleine Felizitas als schlimmes Vergehen. Ihre Mutter wurde dann immer sehr laut und schimpfte. Auch erinnert sie sich noch genau, wie sie als Achtjährige den Christbaum schmücken durfte. Was war sie stolz auf ihr Werk! Doch als das Kind damals von der Schule kam, hatte die Mutter alle Kugeln umgehängt.

Die Erlebnisse mögen nicht gravierend erscheinen, dennoch realisierte Felizitas Ambauen Jahre später in ihrer Ausbildung zur Psycho­ und Paartherapeutin: «Ich denke ja immer noch oft daran!» Mittlerweile weiss die heute 40­-Jährige, dass diese Prägung auch noch im Grossmutteralter ein Teil von ihr sein wird.

So holen uns manche Erfahrungen immer wieder ein und bilden eine Art Subtext – was sich unbewusst auf unser Verhalten auswirkt, auf Partnerschaften und Freundschaften, aber auch darauf, wie wir unsere Kinder erziehen.

Frühe Erfahrungen prägen uns für immer

Dabei sind Schemata – also typische Muster des Empfindens, Denkens und Verhaltens – erst mal nichts Negatives. Manchmal jedoch werden sie zu hinderlichen Lebensbegleitern – wenn etwa kindliche Bedürfnisse nach Zuwendung, Stabilität aber auch nach Grenzen nicht erfüllt wurden. Wird eines dieser Schemata im Erwachsenenalter durch eine neue Situation wachgerufen, treten intensive Gefühle auf wie Angst, Traurigkeit, Verlassenheit oder Wut, und die früh erlernten Muster werden wieder aktiv.

Der Amerikaner Jeffrey Young entwickelte dafür eine bestimmte Form der Psychotherapie in den 1990er­-Jahren: Die Schematherapie geht von fest in uns verankerten Gefühls­ und Gedankenmustern aus, die unser Verhalten steuern und uns – schlimmstenfalls – immer wieder in die gleichen Sackgassen manövrieren.

Dabei wird unterschieden zwischen vier Verhaltensmustern: Der Elternmodus (wenn Schuldgefühle überwiegen), der Kindmodus (verletzte Gefühle, Hilflosigkeit und Verlassenheit dominieren), der Bewältigungsmodus (wenn wir versuchen, eine Situation zu erdulden, zu vermeiden oder zu kompensieren) oder der Erwachsenenmodus. Wir alle befinden uns mal in dem einen, mal in dem anderen Modus, idealerweise jedoch am häufigsten im Erwachsenenmodus. Dieser zeichnet sich durch gute Strategien der Selbstregulation aus. Diese Anteile kann man stärken.

Manchmal redet sie wie ihre Mutter früher

«Erst wenn ich das Problem verstehe, kann ich gegensteuern», sagt Psycho­ und Paartherapeutin Felizitas Ambauen, die in Nidwalden eine Praxis betreibt. Gerade Eltern sollten sich über ihre Muster klar sein, findet sie. Schliesslich geben wir diese an unsere Kinder weiter – und zwar ungefiltert. Die Psychotherapeutin weiss, wovon sie spricht:

«Manchmal, wenn ich mit meiner vierjährigen Tochter rede, höre ich meine eigene Mutter....

...Als die Kleine neulich abends das Badesalz im Wohnzimmer ausleerte, wurde ich wütend. Doch dann erkannte ich: Vorsicht, altes Muster!» Im Gegensatz zu ihrer Mutter damals, entschuldigte sie sich bei ihrer Tochter und saugte die Sauerei mit ihr gemeinsam auf.

Ihren Kindern zuliebe sollten Eltern als erstes versuchen, sich selbst zu verstehen. Dafür muss zunächst klar sein, was unsere Bedürfnisse sind – Dinge, die oft überdeckt werden von auf uns einprasselnden Anforderungen des Alltags.

Das innere Kind zeigt die Bedürfnisse besser auf

Eine Möglichkeit, Schicht für Schicht seine Bedürfnisse und Gefühle heraus zu schälen ist das psychologische Konzept des inneren Kindes. «Vielen fällt es leichter, wenn sie sich vorstellen, diese Gefühle sind ein Kind», sagt Schematherapeutin Gitta Jacob. Über Fragen wie «Stelle dich als Kind vor», oder «Wie geht es deinem vierjährigen Ich, was braucht es jetzt?», finden wir häufig einfacher Zugang zu unseren innersten Wünschen.

Dies erlebte auch Sarah (38). Die Oberärztin litt an Depressionen und war gestresst von ihrem fordernden Beruf. Mit einer Therapeutin realisierte sie, dass sie einem Muster aus Kindertagen treu geblieben war: So hatte bei ihren Eltern Schwäche als Versagen gegolten und Leistung war Mass aller Dinge.

Heute nimmt Sarah nicht mehr jede zusätzliche 12­Stunden­Schicht an. Wie eine Löwenmutter wirft sie sich jeweils schützend vor ihr überarbeitetes inneres Kind und sagt «nein». Schliesslich kann man für sein Kind immer am besten einstehen – selbst, wenn es ein imaginäres ist.

Das Bauchgefühl wurde uns abtrainiert

Doch weshalb ist es so schwer, sich selbst Sorge zu tragen und auf das Bauchgefühl zu hören? «Es wurde uns abtrainiert», sagt Ambauen. Schliesslich wuchs die heutige Elterngeneration eher mit autoritären Regeln auf, oft im Bewusstsein, Empfindungen nicht zeigen zu dürfen. Wer als trauriges Kind immer gesagt bekommt «ist doch nicht so schlimm», verlernt sich zu spüren.

Heutige Eltern laufen daher eher Gefahr zu überkompensieren, beobachtet die Psychotherapeutin. Wer als Kind emotional vernachlässigt oder nicht gesehen wurde, will es besser machen, überschüttet seine Kinder tendenziell mit Fürsorge und achtet gleichzeitig nicht auf eigene Bedürfnisse. Der Nachwuchs wiederum entwickelt womöglich ein Muster von Verstrickung, weil er viel zu sehr an Mutter oder Vater gebunden ist, und Mühe hat, selbst Entscheide zu fällen. Kurz: Wir versuchen, am eigenen Kind etwas gut zu machen, was wir zuerst unserem inneren Kind zugestehen müssten.

Es ist normal, sich mal anzubrüllen

Muss ich nun jedes Wort auf die Goldwaage legen, damit Tochter und Sohn keine negative Schemaprägung davontragen? Schematherapeutinnen entwarnen: Natürlich habe die Kindheit Einfluss, doch nicht aus jeder negativen Erfahrung entstehe ein Trauma.

Anders gesagt: Es ist normal, sich anzubrüllen oder mal nicht miteinander zu reden. Kinder müssen lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen, Streit und Uneinigkeiten gehören zum Leben. Wichtig sei jedoch, dass Kinder wissen: Meine Eltern haben mich bedingungslos lieb – egal, was passiert. Manchmal rappelt es zwar kurz, aber dann ist es auch wieder gut. So lange diese Basis stimmt, ist alles andere zweitrangig.

Dies ist ein Beitrag aus «wir eltern».