Kult
Goldgelber Schatz: die wertvollste Postauto-Sammlung der Schweiz

26 Busse aus vergangenen Epochen werden im bernischen Schwarzenburg in einer gut isolierten Halle für die Nachwelt erhalten. Der postgelbe Schatz gehört dem Museum für Kommunikation.

Christian Dorer, Schwarzenburg BE
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In dieser Halle lagern 26 historische Postautos. Gerhard Rentsch sitzt am Steuer dieses Saurers von 1945. Mit Anhänger fuhr er damals zwischen Baden und Endingen.
20 Bilder
Das elegante Steuerrad eines Mercedes-Postautos aus den 1970ern.
Nach 500000 Kilometer wurdendie Postautos ausgemustert.
Das Posthorn zierte die Postautos schon in früherer Zeit.
Kundenservice! Dieser Post-Anhänger enthielt einen Briefkasten.
Details vom ältesten Postauto der Sammlung – es hat Jahrgang 1921.
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Postauto-Museum in Schwarzenburg BE
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte
Zeitzeugen der Schweizer Postauto-Geschichte

In dieser Halle lagern 26 historische Postautos. Gerhard Rentsch sitzt am Steuer dieses Saurers von 1945. Mit Anhänger fuhr er damals zwischen Baden und Endingen.

«Ein Bubentraum!», entfährt es Gerhard Rentsch, 63, als er den «Nordwestschweiz»-Reportern die Tür zur unscheinbaren Lagerhalle öffnet, die etwas ausserhalb von Schwarzenburg BE liegt. Hier befindet sich die wertvollste und umfangreichste Postauto-Sammlung der Schweiz. Sie umfasst 26 alte Busse, 17 noch ältere Kutschen und Schlitten sowie diverse Spezialfahrzeuge. Rentsch kennt zu jedem eine Geschichte. Und bei speziellen Anlässen darf er die beiden einzigen noch betriebsfähigen Postautos fahren: einen Saurer von 1954 (gebaut in Arbon) und einen Berna von 1947 (gebaut in Olten).

Der postgelbe Schatz gehört dem Museum für Kommunikation, das 1997 aus dem PTT-Museum hervorgegangen ist und von Post und Swisscom getragen wird. Die Oldtimer wurden früher von der Automobilabteilung PTT gesammelt und in der Automobilwerkstätte Bern gehegt und gepflegt. Als aus den PTT die beiden Konzerne Post und Swisscom wurden, übernahm das Museum die Verantwortung über die Fahrzeuge. In dessen Ausstellung findet jedoch derzeit gerade mal ein einziges Postauto Platz.

Die Busse werden so erhalten, wie sie im Einsatz standen

Karl Kronig, der stellvertretende Museumsdirektor und Sammlungsleiter, erklärt seine Philosophie: «Wir wollen Fahrzeuge aus einer grossen Serie erhalten, die einst den Schweizer Postauto-Alltag prägten.» Auch in Zukunft soll alle 10 bis 15 Jahre ein Fahrzeug aufgenommen werden, das in der Geschichte der Postautos eine wichtige Rolle gespielt hat. Das neuste Fahrzeug wurde 1994 gebaut, Marke NAW. Es ist das letzte Postauto, das in der Schweiz produziert wurde.

Die Busse stehen so in der Halle, wie sie am Schluss im Einsatz standen, mit Beschriftungen, Billettverkaufsgerät, ja selbst mit Beule, wenn sie dokumentiert ist. «Wenn eine Fahne der alten Eidgenossen Blutspritzer aufweist, so kommt auch niemand auf die Idee, sie in die Reinigung zu bringen», sagt Kronig. Die Busse sind aufgebockt, Ölwannen liegen unter den Motoren, falls es irgendwo tropfen sollte. Schmier- und Betriebsmittel stecken nach wie vor in den Fahrzeugen, denn sie sollen eines Tages wieder fahrfähig gemacht werden können, falls künftige Generationen das wollen. Konservierungsmittel kommen deshalb nicht zum Einsatz, denn sie würden einen Motor für immer betriebsunfähig machen.

Die Lagerung der Busse gestaltet sich anspruchsvoll, weil sie aus unterschiedlichsten Materialien bestehen – Metall, Leder, Kunststoff. Ist es zu trocken, wirds spröde. Ist es zu feucht, gibts Schimmel. Das Wichtigste: Dunkelheit und eine konstante Temperatur. In der Halle herrschen 21 Grad bei 55 Prozent Luftfeuchtigkeit. Gerne hätten wir für ein Foto eines der betriebsfähigen Postautos an die Sonne gefahren. Doch das geht in der Sommerhitze nicht: Würde das Hallentor geöffnet, käme das Klima durcheinander.

Gerhard Rentsch steht die Freude und Faszination ins Gesicht geschrieben, als er Journalist und Fotograf durch die Halle und sogar ins Innere der Oldtimer führt. Da steht das älteste Postauto der Schweiz, ein Berna von 1921. Er fährt mit Benzin, nicht mit Diesel, hat Vollgummireifen, glänzt hellgelb und wurde vor 24 Jahren zum letzten Mal aus eigener Kraft bewegt. Daneben stehen gleich mehrere sogenannte «Alpenwagen» verschiedener Jahrgänge. Die Post beschaffte sie für Passstrecken. Sie sind schmäler als normale Busse und rechts gesteuert – damit der Chauffeur besser einschätzen konnte, wie viele Zentimeter bis zum Abgrund bleiben. Viel zu entdecken gibt es auch im Innern der Busse – amüsante Warnschilder («Ausspucken verboten») und altmodische Blinker: Pfeile, die elektromechanisch aus- und eingeklappt werden konnten.

Eine Schnauze charakterisiert die alten Postautos, darunter verbirgt sich der Motor. Da steht zum Beispiel ein Schnauzen-Saurer von 1945 mit Anhänger. Diese ellenlange Kombination fuhr zwischen Endingen und Baden. Ebenfalls auf dieser Strecke unterwegs war der erste Postauto-Gelenkbus aus den 1970er-Jahren – auch er ist Teil der Sammlung. Die Busse haben zwischen 400 000 und 500 000 km auf dem Tacho, dann wurden sie ausgemustert. Heutige Fahrzeuge machen das Doppelte, denn die Strassen sind deutlich weniger verschleissend.

Rentsch hat mit ehemaligen Chauffeuren geübt

Zwischen dem vielen Postgelb sticht ein hellbeiges Postauto hervor. In diesen Farben verkehrten bis in die 1970er-Jahre jene Fahrzeuge, die nicht den PTT selber, sondern einem Postautohalter gehörten, also einem Unternehmer, der im Auftrag der PTT fuhr. Auch das klassische Postgelb gibt es nicht seit Beginn: Erst an der Landi 1939 wurden postgelbe Briefkästen eingeführt; zuvor waren sie dunkelgrün gewesen. Die Postautos haben danach den neuen Farbton übernommen.

Rentsch könnte stundenlang erzählen. In seinen Adern fliesst sozusagen postgelbes Blut: Vater und Mutter arbeiteten auf dem Postbüro, er selber wollte bereits als junger Mann Postauto-Chauffeur werden. Weil er Brillenträger war, wurde er abgewiesen. So arbeitete er 43 Jahre lang bei den SBB, zuletzt als Fahrdienstleiter. Dann liess er sich frühpensionieren, um seine Leidenschaft besser ausleben zu können: Busfahren. Er fährt in Grindelwald Linienkurse in topmodernen Bussen mit Automatikgetrieben – und die historischen Postautos. Er hat mit betagten, längst pensionierten Chauffeuren gesprochen. Und mit ihnen geübt, wie man die unsynchronisierten Getriebe bedient. «Mit der Zeit kann man nach Gehör fahren», erzählt Rentsch. Für ihn ist das – ein Bubentraum.

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