Glosse
Playlists: Was hat «Globi» auf meiner Spotify-Jahreshitliste zu suchen?

Meine Stimmung sei 2021 hoffnungslos bis ermutigend gewesen, meint der Streamingdienst zu wissen, da könnte er sich täuschen.

Katja Fischer De Santi
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Welchen Song haben Sie 2021 am meisten gehört? Spotify weiss es genau.

Welchen Song haben Sie 2021 am meisten gehört? Spotify weiss es genau.

Bild: Spotify

Immer im Dezember ist es wieder so weit. So sicher wie der Niklaus die Nüssli bringt, verschickt Spotify seinen 381 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten ihren persönlichen Jahresrückblick. Eigentlich ja nichts anders als die Offenlegung aller vom Streaming-Dienst eifrig gesammelten Nutzerinnen-Daten. Denn Spotify weiss aufs Komma genau wer, wann, was, wie lange, wie oft, in welchem Land, in welcher Stadt gehört hat. Und das ist ziemlich aufschlussreich. Denn der Mensch vergisst ja sehr schnell, darum sind diese Jahresrückblicke so beliebt.

Hunderttausendfach werden sie auf Social Media geteilt. Was einst die Plattensammlung in der guten Stube war, ist nun der Jahresrückblick des bevorzugten Streaming-Dienstes: Eine Möglichkeit, sein Umfeld ungefragt über die eigenen Musikvorlieben zu informieren. Zwar hätte man gerne, dass sich der eigene exquisite Musikgeschmack aus der persönlichen Top-Ten-Liste kristallisiert, doch bei den meisten dürfte sich dann doch auch der Kommerz seinen Weg aufs Podest bahnen. Zwar hat man viel über das anspruchsvolle Album dieser neuen Band aus New Hampshire diskutiert, gehört hat man dann aber doch vor allem Adele und Taylor Swift.

Der traurigste Song aller Zeiten auf Platz 1

Fröhlicher Weltuntergangssong von Aske und Finneas: Till Forever Falls Apart.

youtube

Auch etwas erschreckend, wenn wie bei mir selbst, ein ziemlich trauriger Song einsam ganz zuoberst gelistet wird. Es ist das Duett «Till Forever Falls Apart» von Billie Eilishs Bruder Finneas und der Sängerin Ashe. Es geht darin um das Ende, die grosse Flut und dass es sich nicht schlimm anfühlen wird, wenn man weiss, dass man seine Zeit mit den besten aller Menschen verbracht hat. Über 70-mal habe ich das Lied gehört, schreibt Spotify und meint, es sei wohl kein einfaches Jahr gewesen.

Stimmung: Hoffnungslos romantisch

Meine «Audio-Aura», erschaffen aus der Stimmung, dem Tempo und dem Musikstil meine Playliste, sei grün-pink und schwanke zwischen hoffnungslos romantisch und tröstlich. Ich finde, das passt sehr gut zu diesem Jahr. Ist nicht die Stimmung der ganzen Weltbevölkerung je nach Ansteckungszahlen und daran geknüpften Massnahmen zwischen hoffnungslos und tröstlich gependelt? Von «bald ist es vorbei, wir haben es fast geschafft» zu – «nein, leider doch nicht.»

Wobei ich Spotify auch sehr gekonnt hinters Datenanalyse-Licht führe. Denn ich teile meinen Account mit meiner Familie.

Das hat Nachteile, etwa wenn ich im Büro Philip Glass höre und es mich komplett aus der Konzentration wirft, wenn mein Mann zu Hause mit den Kindern im Garten eine Reggae-Party veranstaltet und dafür John Holt laufen lässt. Es ist aber auch aufschlussreich, wenn ich auf meinem Smartphone sehe, dass jemand Adele hört, der sonst von sich behauptet, überhaupt nichts mit dieser – Zitat: «Heulboje» anfangen zu können.

Dass «Globi und die verrückte Maschine» auf den vorderen Rängen auftaucht und meine Lieblingsstilrichtung «Progressive Metal» ist, zeigt nicht meine Schizophrenie, sondern die Diversität meiner Familie sehr gut auf.