Frau Humbel, welchen Wert messen Sie der Gesundheit bei?

Ruth Humbel: In jungen Jahren funktioniert der Körper einfach. Doch je älter ich werde, umso mehr wird mir bewusst: Die Gesundheit ist nichts Selbstverständliches. Die Gelenke schmerzen immer mal wieder. Man hört vielleicht nicht mehr so gut und das Sehvermögen nimmt auch oftmals ab.

Mit welchen Gebresten kämpfen Sie?

Ich habe leichte Bandscheibenprobleme mit Ausstrahlungen ins Bein. Zudem spüre ich an einem Knien die Arthrose. Auch merke ich: Das Tempo von früher kann ich heute nicht mehr so halten. Ich brauche mehr Schlaf und Erholung. Frühmorgens vor der Arbeit noch eine Runde joggen gehen prästiere ich nicht mehr so leicht.

Wie gehen Sie damit um?

Als passionierte Ausdauersportlerin – im Sommer mache ich OL und gehe laufen, im Winter Ski fahren und Langlauf – ist mir Bewegung extrem wichtig. Damit ich meinen Hobbys noch lange nachgehen kann, investiere ich regelmässig Zeit in meinen Körper: Die Physiotherapeutin hat mir Übungen für eine gute Körperstabilität gezeigt, die ich regelmässig nachturne. Doch auch das Runterfahren ist wichtig. Dafür lege ich mich ab und zu in die Hängematte oder gehe in der Natur joggen.

Das hört sich sehr diszipliniert an.

Mein Credo heisst: Gesundheit lässt sich nicht delegieren. Wir dürfen nicht den Anspruch haben, andere seien für unsere Gesundheit verantwortlich. Wir sind es selbst und müssen etwas dafür tun. Natürlich, auch ich habe Tage, wo meine Gesundheit zu kurz kommt. Gerade wenn wir Session haben, sind die Tage lang, ich sitze viel und verpflege mich zwischendurch mit einem Sandwich.

Sie sind Mitglied des Parlamentarischen Komitees von Schweizer Gesundheitstage. Wofür setzen sich diese ein?

Während der Sommersession findet jeweils ein Parlamentariergesundheitstag statt. Parlamentarier könne sich dann kostenlos Tests unterziehen, beispielsweise ihr Herz-Kreislauf-Risiko bestimmen, Hautauffälligkeiten durch einen Dermatologen abklären lassen oder einen Lungenfunktionstest durchführen. Wir Parlamentarier möchten dabei als «Botschafter» für die breite Öffentlichkeit dienen und die Bevölkerung auf die Wichtigkeit der Gesundheitsprävention aufmerksam machen. Dazu gehört auch, über die eigenen körperlichen Daten informiert zu sein. Fast jeder weiss, wie viel PS das eigene Auto hat, doch die wenigsten kennen den Wert des eigenen Blutdrucks.

Wird der Gesundheitsprävention in der Schweizer Bevölkerung demnach noch zu wenig Achtung geschenkt?

Der allgemeine Gesundheitszustand der Schweizerinnen und Schweizer ist gut. Gegenwärtig ist die Lebenserwartung bei Geburt in der Schweiz eine der höchsten der Welt. Dies allerdings zu einem sehr hohen Preis. Pro Jahr steigen die Kosten für die kurative Medizin um rund 4 Prozent an. Ich bin überzeugt: Wenn wir uns mehr für die Gesundheitsprävention engagieren, könnten wir das Wachstum der Behandlungskosten und damit der Prämien reduzieren. Mit einer Stärkung der Gesundheitskompetenz können Beschwerden früh erkannt und mit der Anpassung unseres Lebensstils – gesundes Essen, mässig trinken, nicht rauchen und viel Bewegung – angegangen werden. Hierfür braucht es jedoch eine grössere Portion Eigenverantwortung. Noch zu oft herrscht die Haltung vor: Bei gesundheitlichen Beschwerden sofort ein Medikament.

Sie kritisieren die Haltung, die Medizin sei für unsere Gesundheit zuständig?

Mich stört das Konsumverhalten. Teilweise nehmen wir medizinische Dienstleistungen in Anspruch, die gar nicht nötig wären, gehen gleich immer zum Arzt oder ins Spital und lassen uns Medikamente verschreiben. Davon zeugen die satten 500 Millionen Franken an Medikamenten, die jährlich ungebraucht an Apotheken zurückgebracht und von den Krankenkassen bezahlt werden. Unser Körper ist ein geniales System, das sich mit Hausmitteln und Erholung selbst regenerieren kann. Natürlich spreche ich da nicht von schweren Erkrankungen.

Welche Entwicklung beobachten Sie zudem mit Bedenken?

Das Bedürfnis nach 100 Prozent Sicherheit finde ich übertrieben. Gerade herrscht Zeckenalarm. Verunsichert gehen viele Menschen erst gar nicht mehr in den Wald spazieren. Ein anderes Beispiel sind die Vitaparcours: Plötzlich müssen die Geräte rutschsicher sein. Zum einen wird es die 100-prozentige Sicherheit nie geben, zum anderen können wir viele Unfälle oder Krankheiten verhindern, wenn wir eigenverantwortlich handeln und den gesunden Menschenverstand walten lassen. Nach einer Wanderung können wir einen Zecken-Check durchführen, und wenn es im Wald nass ist, braucht es beim Benutzen der Vitaparcours-Geräte eben etwas Vorsicht.

Wie kommen wir dahin?

Das beginnt bereits bei der Erziehung der Kinder zu selbstständigen Menschen, die ein Bewusstsein für Risiken und für die eigene Gesundheit haben. Die Eltern sollten den Kindern etwas zutrauen, wie den Weg zum Kindergarten oder zur Schule alleine zu schaffen. Und in der Schule wäre es wichtig, ihnen die Freude an der Bewegung zu vermitteln oder wie man sich gesund ernährt. Bedenklich finde ich hier, dass das Fach Hauswirtschaft abgebaut wurde und kaum mehr Ernährungslehre und richtiges Kochen gelehrt wird.