Gesundheit
Onkologe Franco Cavalli: «Angelina Jolie sollte sich auch Eierstöcke entfernen»

Wegen Brustkrebsrisiko lässt sich Angelina Jolie beide Brüste amputieren. Krebsspezialist und ex-SP-Nationalrat Franco Cavalli erklärt, warum sie richtig entschieden hat und warum es westliche Frauen häufiger trifft als andere.

Sabina Galbiati
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Krebsspezialist Franco Cavalli: «In den USA ist es sehr verbreitet, bei einem positiven Gentest die Brüste entfernen zu lassen».

Krebsspezialist Franco Cavalli: «In den USA ist es sehr verbreitet, bei einem positiven Gentest die Brüste entfernen zu lassen».

giulemanidallacina.wordpress.com/ keystone

Herr Cavalli, Angelina Jolies Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, betrug laut Gentest 87 Prozent. Nun hat sie keine Brüste mehr. Wird sie also auch keinen Krebs bekommen?

Franco Cavalli: Leider kann man das so nicht sagen. Nach wie vor besteht ein Restrisiko von 5 bis 10 Prozent. Gerade die erbliche Form von Brustkrebs ist sehr aggressiv. Auch wenn die Brüste entfernt wurden, können sich später in den Eierstöcken noch Krebszellen bilden. Auch das Restgewebe in den Achselhölen und am Brustkorb kann noch metastasieren.

Zur Person: Franco Cavalli

Der 70-jährige Franco Cavalli gilt als einer der renommiertesten Krebsforscher in der Schweiz. Er ist Chefarzt für Onkologie im Spital Bellinzona und Professor an den Universitäten Bern und Varese/Italien. Zwischen 2001 und 2004 war er Präsident der Krebsliga Schweiz. Von 1995 bis 2007 war er für die SP im Nationalrat und amtierte von 1999 bis 2002 als Fraktionschef der Sozialdemokraten. (az)

Was kann Jolie denn noch tun?

Wenn sie radikal sein will, muss sie sich die Eierstöcke ebenfalls entfernen.

Ist das nicht übertrieben?

Nein, Angelina Jolie hat richtig entschieden. Diese Gentests sind extrem zuverlässig. In den USA ist diese Methode zudem sehr verbreitet. Dort entfernt man sogar schon Mädchen im Alter von 18, 19 Jahren die Brüste, wenn der Gentestpositiv ausgefallen ist.

Sollten jetzt alle Frauen einen Gentest machen?

Nein, das ist nicht nötig. Hier in der Schweiz machen wir einen Gentest, wenn die Familiengeschichte darauf hindeutet, dass Krebserkrankungen vererbt werden könnten. Das betrifft vor allem Brust- und Dickdarmkrebs.

Solche Gentests kann sich aber nicht jede Frau leisten.

Das ist gar nicht nötig. Wenn eine entsprechende Erkrankung in der Familie vorliegt, übernimmt die Krankenkasse diese Kosten.

Kommen bei einem positiven Test auch gleich die Brüste ab?

In Europa ist man eher zurückhaltend mit Amputationen. Fällt der Test positiv aus, setzt man hierzulande und in Europa auf eine engmaschige Kontrolle. Etwa alle 6 bis 12 Monate wird dann kontrolliert.

Lässt sich jede Art Brustkrebs diagnostizieren?

Etwa 95 Prozent sind hormonell bedingt, die restlichen 5 Prozent sind genetisch vererbt. Vorhersehbar sind nur die 5 Prozent, die die Gene verraten.

Was ist mit den übrigen 95 Prozent der Fälle?

Sie betreffen vor allem die westliche Zivilisation. Das Risiko an Brustkrebs zu erkranken, steigt, wenn die Frauen weniger Kinder haben oder später gebären. Auch starker Alkoholkonsum und fettreiche Ernährung führen zu einem höheren Risiko.

Weniger Kinder und späte Geburten: Sind Schweizerinnen besonders gefährdet?

Nicht mehr als Frauen aus anderen westlichen Ländern. Am meisten Brustkrebs-Fälle verzeichnet Holland. Es ist bekannt, dass Holländerinnen mehr Alkohol trinken und fettige Sachen essen. Gleichzeitig bringen sie wenig Kinder zur Welt.

Wie sieht die Situation in Entwicklungsländern aus?

Besser, aber auch dort steigt das Risiko.

Weshalb?

Weil die Menschen dort je länger desto mehr unsere Lebensgewohnheiten übernehmen. Auch Hormonpräparate gegen die Symptome der Menopause erhöhen das Krebsrisiko. In westlichen Nationen verzichten viele Frauen deshalb auf diese Medikamente. Wir konnten daher in den letzten Jahren eine leichte Abnahme von Brustkrebsfällen in westlichen Nationen feststellen.