gesundheit
Kleine Moleküle mit grosser Wirkung

Krebs-Therapie: Dank neuer Behandlungs-Ansätze mehr Lebensqualität für Betroffene

Drucken
Teilen
PA_GA_Gesundheit Aargau_Rita weber

PA_GA_Gesundheit Aargau_Rita weber

Ursula Känel Kocher

An den 11. November 2008 erinnert sich Rita Weber aus Brugg noch genau: «Um 19.30 Uhr wurde ich im Kantonsspital Baden für ein MRI in die Röhre geschoben.» Weshalb? Die damals 58-Jährige litt seit mehreren Wochen an heftigen Rückenschmerzen und hatte gegen 20 Kilogramm Körpergewicht verloren. Die niederschmetternde Diagnose: Nierenkrebs, mit Ablegern im Gehirn. Verbleibende Lebenserwartung: Vielleicht mehrere Monate.

«Bis vor ein paar Jahren war metastasierter Nierenkrebs nur schlecht behandelbar», bestätigt Stefanie Pederiva, Fachärztin für Onkologie und Innere Medizin am onkologischen Ambulatorium des Kantonsspital Badens in Brugg. Sie betont: «Heilbar ist Krebs in diesem Stadium auch heute nicht. Da darf man keine falschen Hoffnungen wecken.» Neue Medikamente machen es aber möglich, «dass man den Krebs in den Zustand einer chronischen Krankheit versetzt, damit die Patienten länger und vor allem mit besserer Lebensqualität leben können.»

Den Tumor am Wachsen hindern

Dies machen unter anderem die «Kleinen Moleküle» möglich, eine moderne Form der Krebs-Therapie. Wie funktioniert diese? Stefanie Pederiva erklärt: «Die «Kleinen Moleküle» sind Medikamente, die in die Tumorzellen eindringen, dort fehlerhafte Informationsübertragungen blockieren und somit zum Beispiel unkontrolliertes Zellwachstum verhindern und Tumore gar zum Schrumpfen veranlassen können.»

Insbesondere bei der Behandlung von Nierenkrebs würden die «Kleinen Moleküle» Grosses bewirken. Rita Weber ist dafür bestes Beispiel: Heute, knapp vier Jahre nach der Diagnose, geht es ihr «den Umständen entsprechend gar nicht so schlecht», sagt sie selber. Sie habe sehr gut auf die neuen Medikamente angesprochen, wieder an Gewicht zugelegt und dank der Medikamente auch deutlich weniger Strahlentherapie benötigt als angenommen. «Ursprünglich hiess es, ich müsse etwa zwölfmal zur Bestrahlung; am Schluss waren dann aber nur vier Sitzungen nötig.»

«Zielschuss statt Schrotschuss»

Genau das ist gemäss Stefanie Pederiva das Ziel der modernen Krebs-Therapie. «Wir möchten Alternativen zur Chemotherapie, die gegen alles «schiesst»; also neben Tumorzellen auch gesunde Zellen zerstört und für die bekannten Nebenwirkungen wie zum Beispiel Übelkeit oder Haarausfall sorgt.» Gefragt seien Medikamente, die spezifisch nur gegen die Tumorzellen vorgehen. «Zielschuss statt Schrotschuss» lautete deswegen auch der Titel eines onkologischen Vortrages, den Stefanie Pederiva anlässlich einer Hausärzte-Fortbildung gehalten hat.

Neben den «Kleinen Molekülen» ist in diesem Zusammenhang auch die Antikörper-Therapie zu erwähnen. Antikörper haben ebenfalls die Gabe, Oberflächenmerkmale von Tumorzellen zu erkennen, an diese anzudocken und deren weiteres Wachstum zu verhindern. Beispiel? «Bei Patientinnen mit erfolgreich behandeltem Brustkrebs kann die Rückfallgefahr dank Antikörper-Therapie um die Hälfte reduziert werden», sagt Stefanie Pederiva.

Damit jeder Krebspatient die für ihn passende Behandlung erhält, sei von entscheidender Bedeutung, das im Spital alle beteiligten Disziplinen unter einem Dach vereint sind. Heisst konkret: Vom Onkologen über den Pathologen bis zum Strahlentherapeut sind alle Ärzte in Diagnose und Behandlung involviert und tauschen sich in so genannten Tumorboards aus (vergleiche Artikel unten).

Erholung am Lungerersee

Und Rita Weber? Sie verbringt mit ihrem Mann soviel Zeit als möglich in ihrem Chalet am Lungerersee, das sie an Ostern letztes Jahr gekauft haben. «Dort fühle ich mich wohl und geniesse jeden Tag, so gut es geht. Ich bin dankbar für die Unterstützung meiner Familie.» Sie beschönigt allerdings nichts: «Ich weiss, dass Krebs nicht heilbar ist – und habe bei jedem Arztbesuch Angst, dass die Ärzte wieder etwas Neues finden.»

Autor: Ursula Känel Kocher

Aktuelle Nachrichten