Daniela Tardo hatte ein schlechtes Gefühl. «Obwohl die Tests immer gut ausgefallen waren, hatte ich von Beginn der Schwangerschaft an Angst, dass mit dem ungeborenen Kind etwas nicht stimmt», berichtet die heute 41-jährige Mutter dreier Kinder. «Da die Ängste immer grösser wurden, habe ich bereits drei Monate vor der Geburt meine Psychiaterin aufgesucht. Meine Frauenärztin entschied sich dann aufgrund der Situation, den Kaiserschnitt vier Tage vorzuziehen.» Von der Geburt selber hat Tardo nicht viel mitbekommen. «Ich bekam eine kleine Narkose und hatte Giorgia direkt nach der Geburt nur kurz auf der Brust.»

Als ihre kleine Tochter wenige Stunden später das erste Mal gewaschen wurde, fielen dem Vater die getrübten Augen der Neugeborenen auf. Während er schnell ahnte, dass da etwas nicht stimmte, ging Daniela Tardo davon aus, dass die Trübung noch von der Geburt stammt.

Wir sitzen im Wohnzimmer der Familie Tardo in Tägerig. Ausgelassen spielen die heute dreijährige Giorgia und ihre drei Jahre ältere Schwester Lia im Wohnzimmer. «Momentan machen wir mit DVDs ein Bett für Giorgia», sagt Lia vorlaut.

So harmonisch gehe es zwischen den beiden Mädchen allerdings nicht immer zu und her, erklärt Daniela Tardo. Seit je sei Lia ziemlich eifersüchtig auf ihre kleine Schwester. «Ich vermute, das kommt daher, dass sie die Geburt von Giorgia mit der häufigen Abwesenheit ihrer Eltern verbunden hat», erklärt die Mutter und versinkt in Erinnerungen. In den Frühling 2016.

Untersuchungsmarathon

Von einer seltenen Krankheit ist erstmals beim Austrittsgespräch, sechs Tage nach der Geburt, die Rede, ohne diese jedoch beim Namen benennen zu können. Eine konkrete Diagnose, die der Peters-Anomalie, erhalten Giorgias Eltern zirka nach einer Woche von den Augenspezialisten des Kantonsspitals Aarau. Diese Diagnose wird von Prof. Dr. Béatrice Früh vom Inselspital Bern bestätigt.

«Dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag», erinnert sich Daniela Tardo. «Ein paar Tage später, am 23. Mai, haben wir das Aufgebot des Inselspitals erhalten, dort haben wir mit den behandelnden Ärzten innert weniger Minuten das weitere Vorgehen besprochen.» Fazit der Besprechung: Am 20. Juni wird die Hornhaut des linken Auges transplantiert, zwei Monate später die rechte, um Giorgia vor der Blindheit zu bewahren.

«Dann folgte eine ganz schwierige Zeit», erinnert sich die leidgeprüfte Mutter. «Anfänglich mussten wir Giorgia jede Stunde Augentropfen geben.» Noch schlimmer sei allerdings gewesen, dass sie ihrer Tochter oft beide Arme hätten anbinden müssen, damit sie sich nicht in den Augen reibe. Ein herzzerreissendes Bild. Mit der Zeit entwickelt sich, für die Peters-Anomalie typisch, ein erhöhter Augendruck im linken Auge. Giorgia bekommt diverse Tropfen, aber keine helfen. So kommt es, dass eine zusätzliche Operation nötig wird, um den Druck zu senken und eine irreversible Beschädigung des Sehnervs zu vermeiden.

Das ist jetzt knapp drei Jahre her. Heute hat Giorgia – so ist zu hoffen – das Schlimmste überstanden. Derzeit muss das aufgeweckte Mädchen, das mit sechs Monaten ihre erste Brille erhielt, gerne mit Barbies spielt und nach Aussagen ihrer Eltern ziemlich dickköpfig sein kann, zweimal pro Tag Augentropfen gegen den hohen Augendruck nehmen. Darüber hinaus müsse sie vier Stunden pro Tag auf dem rechten Auge ein Augenpflaster tragen, sagt Papa Matteo Tardo. «Abgesehen davon haben wir aber nie den Eindruck, dass sie beeinträchtigt ist.» Allerdings könne man die Sehschärfe erst in ein paar Jahren definitiv beurteilen. «Wir hoffen einfach, dass Giorgia später einmal selbstständig und ohne grössere Einschränkungen leben kann.»