Depression

Auch Superhelden legen sich jetzt auf die Couch

Auch Helden können einmal fallen. Immer mehr Männer legen sich auf die Couch und lassen sich helfen.

Auch Helden können einmal fallen. Immer mehr Männer legen sich auf die Couch und lassen sich helfen.

Männer leiden nicht seltener an psychischen Erkrankungen als Frauen. Aber sie lassen sich weniger helfen. Ein veraltetes Rollenbild hindert sie, über ihre Probleme zu reden. Das ändert sich langsam.

Um fünf Uhr morgens klingelt der Wecker. In Trainer und Turnschuhen rennt Nicolas* los. Er trainiert für den Marathon in New York. Nach New York folgen Paris, London, Berlin sowie verschiedene Bergmarathons. In Paris nimmt Nicolas nicht teil. Er hat ein Burnout, eine Depression.

Männer sind anders depressiv als Frauen. Oft treiben sie plötzlich übertrieben Sport, arbeiten unentwegt oder trinken viel Alkohol. Aber sie gehen nicht zum Arzt, lassen sich nicht therapieren. Möglicherweise erkennen Männer ihre Symptome nicht als Depression. Oder aber sie wollen keine Schwäche zeigen.

Zumindest war das bisher so. Es scheint aber, dass sich eine neue Generation der Männer helfen lässt. Endlich. Sie haben die Wirksamkeit der Psychologie für sich entdeckt. In Deutschland hat die Zahl der Männer, die zwischen 2009 und 2014 einen Psychotherapeuten aufsuchten, um 20 Prozent zugenommen. Bei den Frauen waren es 12 Prozent. Diese Zahlen veröffentlichte das Magazin «Zeit» in einem Artikel über das Thema. Die aktuellsten Zahlen aus der Schweiz vom Bundesamt für Statistik sind aus dem Jahr 2012. Das Amt führt nur alle fünf Jahre eine Schweizerische Gesundheitsbefragung durch. Laut Statistik haben sich 2012 5,4 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren aufgrund eines psychischen Problems behandeln lassen. Frauen häufiger als Männer. Aber die therapierten Männer haben zwischen 2002 und 2012 auffallend zugenommen. Und zwar um 45 Prozent. Bei den Frauen ging die Rate um 10 Prozent hoch.

Früher stand die Rolle im Weg

«Männer trauen sich heute zu sagen, dass sie ein Problem haben», sagt Marco Caimi, der in Basel eine Männerpraxis leitet. Auch Undine Lang, Klinikdirektorin der Erwachsenenpsychiatrie an der Universität Basel konnte in den vergangenen Jahren feststellen, dass sich Männer vermehrt helfen lassen. Dazu muss man Schwäche erst eingestehen und das hat früher nicht ins Rollenbild von einem Mann gepasst. Männer mussten es selber schaffen, die Frau durfte Schwäche zeigen. Ein Tabu bröckelt langsam.

Auch für Gabriela Rüttimann, Fachpsychologin für Psychotherapie und Präsidentin der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) ist es neu, dass Männer nicht erst eine Therapie machen, wenn sie in einer totalen Krise sind. «Die Hemmschwelle eine Therapie zu machen, hat abgenommen. Auch bei Männern», sagt Rüttimann. Die Männer merken, dass etwas nicht mehr so ist, wie es sein sollte: Seien es Ängste, leichte Depressionen, Überforderungsgefühle im Job – oder sie merken, dass sie nicht mehr so gerne aus dem Haus gehen. Jüngere Männer erkennen erste Symptome und sie holen sich Hilfe. Eine frühe Therapie kann verhindern, dass sie noch mehr leiden. Oder, dass psychische Krankheiten körperlich werden.

Das Alter und der Job als Fallen

Zwar gibt es laut Statistiken etwa 20 Prozent mehr Frauen als Männer, die an einer psychischen Erkrankung leiden. Doch die Selbstmordrate bei Männern ist erschreckend hoch. Sie ist doppelt so hoch wie bei Frauen. Es ist auch anzunehmen, dass all die Männer, die wegen ihrem Leiden etwa nicht zum Arzt gehen, die Statistik der psychischen Erkrankungen verfälschen.

Und da Männer nicht gerne in die Gesprächstherapie gehen, lädt sie Caimi für ein persönliches Coaching ein. Die Männer verbinden die Gesprächstherapie wohl noch immer mit dem Birkenstocktragenden Therapeuten und dem Patienten auf der Couch. «Wenn die Bezeichnung und auch das Einrichtungssetting für den Mann stimmt, redet er wie ein Wasserfall», sagt Caimi. Er redet dann über seine Erektionsstörungen, über Männerkrankheiten, über seine Rolle als Mann, Ehemann und Vater.

«Es gibt viele Männer, die schlittern Ende 40 in eine Sinnkrise», sagt Caimi. Sie hätten Mühe damit, älter zu werden. Aber auch im Job leiden die Männer: Überforderung, Rivalitäten, Probleme mit dem Vorgesetzten oder weil der Job auf dem Spiel steht. Besonders für ältere Männer ist es schwierig, sich beruflich neu zu orientieren. Also begleitet Caimi seine Männer auch mal in ihre Selbstständigkeit. Der Mann muss sich mit sich selber auseinandersetzen. Er erhält von Caimi Hausaufgaben: Er überlegt sich, was ihm Spass macht, wo seine Stärken liegen. Er schreibt ein Selbstporträt um herauszufinden, wer er eigentlich ist.

Um sieben Uhr morgens klingelt der Wecker. In Anzug und Lederschuhen läuft Nicolas los. Er geht zu seinem Therapeuten, lässt sich helfen. Er steht morgens wieder gerne auf. Spürt wieder Boden unter seinen Füssen.

*Name der Redaktion bekannt

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