Arbeitsmarkt
Gesunde und motivierte Rentner: das brachliegende Potenzial der Alten

Senioren verfügen über Talent und Lebenserfahrung. Sie wollen auch arbeiten. Doch wir lassen sie zu wenig. Das ist fatal. Denn unsere Gesellschaft könnte von ihnen profitieren.

Claudia Marinka
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Nach der Pensionierung auf der faulen Haut liegen? Das war einmal. Heute sind 25 Prozent der regulär Pensionierten noch immer erwerbstätig. KEYSTONE

Nach der Pensionierung auf der faulen Haut liegen? Das war einmal. Heute sind 25 Prozent der regulär Pensionierten noch immer erwerbstätig. KEYSTONE

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Noch nie war alt sein so schön wie heute. Und noch nie hatten die Menschen so viel Zeit zum Altwerden. Wir leben länger und gesünder. Es sind geschenkte Jahre. Zwischen eineinhalb und dreieinhalb Jahre verlängert sich laut Forschern unsere Lebenserwartung in jeder Dekade.

Unter dem Titel «Talent Scout 60+» beschäftigt sich eine eben veröffentlichte Studie mit der Situation der Menschen im Rentenalter. Die Forscher kommen zum Schluss: Viele der älteren Menschen, die auf dem Weg in die Pensionierung sind, verfügen über enormes Potenzial und möchten herausgefordert werden. «Will die Schweiz innovativ und zukunftsfähig bleiben, so kann sie nicht auf solche Ressourcen verzichten», sagt Margrit Stamm, Studienleiterin, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education.

Dennoch herrsche in unserer Gesellschaft noch immer ein negatives Bild über das Alter(n) vor. «Dieser pessimistische Diskurs ist jedoch mit der tatsächlichen Situation in unserer Gesellschaft nicht mehr kompatibel, schon gar nicht mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen», sagt Stamm. Insgesamt 424 Personen mit den Jahrgängen 1948 (heute 67 Jahre alt) bis 1953 (heute 62 Jahre alt) nahmen an der Längsschnittstudie teil. Die Ergebnisse untermauern den neuen Typus Pensionär, der, statt im Schaukelstuhl zu sitzen, lieber auf Trekkingtour geht.

Senioren bilden sich weiter

Interessant ist, dass die Hälfte aller regulär Pensionierten im Sommer 2014 noch erwerbstätig war. Auch bei den vorzeitig Pensionierten betrug der Anteil der Erwerbstätigen noch 39 Prozent. Insgesamt ist die Bereitschaft, nach der Pensionierung weiterhin erwerbstätig zu sein, in der Stichprobe relativ ausgeprägt. 57 Prozent der Befragten haben sogar noch im Jahr 2013, also nach dem 60. Lebensjahr, berufliche Weiterbildungen absolviert.

Der neue Lebensstil heutiger Rentner zeigt sich besonders in der Vereinigung aktiver Senioren- und Selbsthilfe-Organisationen der Schweiz (VASOS). «Die Ergebnisse der Studie können wir bestätigen, in unserem Umfeld kennen wir keine einzige Person, die ihre Pensionierung als Schritt in den letzten Rest ihres Lebens empfunden hätte», sagt Co-Präsidentin Vreni Hubmann. Im Gegenteil. Es herrsche ein Aufbruch. Die Hektik und die Routine des Arbeitslebens seien verschwunden, Neues werde möglich. Man habe Zeit, kreativ zu sein, Neues zu lernen und zu entdecken.

Senioren hätten grosses Potenzial für unsere Gesellschaft, doch dieses liegt zurzeit vor allem brach. Die Studie «Talent Scout60+» zeigt, dass sich die Schweiz noch schwertut, mit dem unausgeschöpften Talente-Pool und den Expertisereserven älterer Menschen etwas anzufangen. Eine Neubewertung des «Ruhestandes» ist laut Stamm deshalb überfällig. Sie fordert, dass die Kantone, Gemeinden, Unternehmen, Organisationen ältere Leute stärker in ihr Unternehmen einbinden. «Es müssen betriebliche Alterskulturen etabliert werden», sagt die Professorin.

Von wegen Sesselkleber

Auch der VASOS spricht von unausgeschöpften Ressourcen. «Wir wissen, dass ältere Menschen über ein grosses Potenzial an Wissen und Können verfügen, dass dieses aber oft wenig gefragt ist und zuweilen auch kaum geschätzt wird», sagt Co-Präsidentin Hubmann. Entscheidend sei, dass die Diskussion und die Ausarbeitung von Angeboten und Projekten von Anfang an in Zusammenarbeit mit älteren Menschen erfolgen.

Motiviert, flexiber - und erfahren

Jeden Tag auf den Tennisplatz oder in die Badi? Diesen Luxus könnte sich Stefano Degonda (65) problemlos leisten, seit er sich vor zwei Jahren frühpensionieren liess. «Aber das hält meinen Kopf nicht fit», sagt der ehemalige Bankfachmann. Deshalb ist er nun auf Stellensuche. Doch bisher blitzte er überall ab: zu alt. Nun sucht er eine Teilzeitanstellung über die Vermittlungsagentur Visberg in Zürich, die auf Arbeitskräfte ab 65 Jahren spezialisiert ist. «Wir werden es uns bald nicht mehr leisten können, Leute ab dem Pensionsalter nicht mehr ins Erwerbsleben zu integrieren», ist Unternehmer Michael Büchel überzeugt. Schon heute macht sich ein Fachkräftemangel bemerkbar, der allein mit jungen Leuten oder ausländischem Fachpersonal nicht mehr aufgefangen werden kann. 
Büchel hat deshalb mit vier Partnern die Firma Visberg gegründet. Die Nachfrage ist gross, denn zwei Drittel der Pensionierten würde gerne weiterarbeiten, weiss Büchel. Manche, weil sie aktiv bleiben wollen, andere, weil sie das Geld brauchen. Es spricht vieles für diese Altersgruppe: Diese Mitarbeiter sind gut qualifiziert, sie kennen die betrieblichen Prozesse, und für die Branche bleibt so wertvolles Know-how erhalten. Zudem sind sie sehr flexibel und hoch motiviert. «Gerade im Dienstleistungssektor wünschen sich ältere Kunden auch ältere Ansprechpartner, die ihnen auf Augenhöhe begegnen und ihre Bedürfnisse nachvollziehen können», sagt Michael Büchel. Aber auch in der Gesundheits- und Baubranche sei der Personalbedarf hoch.
Aufgrund des Fachkräftemangels und der anstehenden Pensionierungswelle der Babyboomer wird die Weiterbeschäftigung der Senioren noch wichtiger, ist auch Jérôme Cosandey von Avenir Suisse überzeugt. Mehr als eine Million Frauen und Männer werden bis 2025 das Pensionsalter erreicht haben. Dadurch dürften sich die Schweiz und der Arbeitsmarkt nachhaltig verändern. Bei den Arbeitgebern braucht es ein Umdenken, fordert Büchel. «Wir müssen vom Altersbild des Rentners am Rollator wegkommen.» (sc)

Wir sind heute so jung wie noch nie. Die Generation-60+ ist fitter denn je. Heute entspricht ein 55-jähriger Mensch biologisch einem 45-Jährigen der Generation zuvor. Gemäss der Studie «Talent Scout 60+» hat heute ein 75-jähriger Mann noch 9,45 Jahre zu leben – zwei Drittel davon in guter Gesundheit. Mitte der 1980er-Jahre betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines 75-jährigen Mannes acht Jahre, wobei er bloss die Hälfte davon in guter Gesundheit verbringen konnte.

Wer will noch einen Schaukelstuhl?

Bei der Pro Senectute, der gemeinnützigen Organisation im Dienste der älteren Menschen, ist man überzeugt, dass die über 60-Jährigen eine wichtige Ressource für die Gesellschaft der Zukunft sind. «Entsprechend ist es wichtig, dass die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz stimmen. Die Betriebe müssen dafür sorgen, dass diese Altersgruppe bis 65 und auch darüber hinaus möglichst gesund und motiviert im Arbeitsprozess integriert bleibt», sagt Peter Burri Follath von Pro Senectute Schweiz.

Doch nicht jeder könne oder wolle über die Pensionierung hinaus berufstätig sein. Es sei daher wichtig, diese Leute auf der freiwilligen Ebene abzuholen, mit attraktiven Beschäftigungen nach der Pensionierung – sei dies im Beruf oder in der Freizeit. Die Zeit des Schaukelstuhls scheint definitiv vorbei zu sein.