Fussball-Europameisterschaft
Hurra, jetzt ist wieder EM! Und ich als Sportmuffel und Frau kann endlich die Sau rauslassen

Nie dürfen wir unsere Emotionen in der Gesellschaft so offen ausleben wie während einer Fussballmeisterschaft. Nach all den Monaten Krise und Innerlichkeit genau das Richtige.

Anna Miller
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Emotionen pur beim Public Viewing an der WM 2018.

Emotionen pur beim Public Viewing an der WM 2018.

Foto: Sandra Ardizzone

Am Freitag geht der Wahnsinn wieder los, Europameisterschaft, endlich, mit einem Jahr Verspätung, fünf Wochen Ausnahmezustand, die einen hassen es, ich liebe es heiss. Auch oder gerade, weil mich dieser Sport während der anderen 47 Wochen ziemlich kalt lässt. Es geht mir in dieser EM-Zeit ein bisschen um Fussball, aber viel mehr geht es mir um ein Gefühl von Kollektivität.

Ich schwimme für fünf Wochen in einem gefühlt endlosen Strom an Gefühlen, kann mich in meiner Stadt herumtreiben lassen und darauf vertrauen, dass ich an Tausend Ecken wieder stranden darf, weil in fast jeder Bar ein Flatscreen steht, weil in fast jeder Bar Leute rumstehen und ein Bier in der Hand halten, weil da immer irgendein neuer Moment auf mich wartet und doch ganz viele Momente, die ich schon kenne. Selige Routine. Seliges Ritual.

Die Europameisterschaft ist zu meiner Tradition geworden, alle zwei Sommer, ein bisschen wie ans Meer fahren, ein bisschen wie Gelato kaufen. Ein bisschen darf sogar Nationalstolz durchschimmern, auch wenn ich mich sonst eher davor hüte. Ich ziehe mir dann irgendwelche T-Shirts an, wir wissen, dass die Schweizer Nationalmannschaft es sowieso nicht ins Finale schafft, wie immer, und doch bangen und hoffen wir, bis zum bitteren Ausscheiden mit. Gemeinsam hoffen ist eben lässiger als gemeinsam zuhause bleiben.

Public Viewing läuft genau gleich ab wie alle anderen grossen Rituale

Ich mag an dieser Zeit das Emotionale. Dass wir als Gruppe, als Masse, als Volk zusammenstehen und alles ein bisschen weniger verkopft ist, alles ein bisschen weniger durchdacht, geregelt und lauwarm. Dass jeder Tag, nicht nur das Wochenende, ein kleines Fest werden kann. Dass ich an einem Dienstag abends durch die Stadt tigern kann und da irgendwo an einer Ecke immer jemand steht, den ich kenne. Ein bisschen Dorffest, wo sonst anonyme Scharen umherwandeln.

Ein Public Viewing, sagte der deutsche Sportsoziologe Robert Gugutzer der Süddeutschen Zeitung, laufe genau gleich ab wie andere, grosse Rituale, etwas Volksfeste: Es ist nichts Alltägliches, man trifft sich im öffentlichen Raum und dabei zum Teil an Orten, die eigentlich nichts mit Sport zu tun haben, die Leute benutzen Symbole wie Trikots und Fahnen und verhalten sich auf die immer gleiche Weise.

Natürlich, dieses Jahr wird wohl anders als die anderen, wegen Corona, es wird nicht ganz so nah und nicht ganz so intim, vielleicht auch nicht ganz so ausgelassen, obwohl. Die Meute will sich nach all den Monaten in den eigenen vier Wänden den Spass nicht nehmen lassen, und das ist, sofern gesundheitlich unbedenklich, auch sehr zu begrüssen. Da werden wir uns wohl auch mit ein paar Exemplaren Mensch zufriedengeben müssen, die keine Grenzen des Anstands mehr kennen, wittern sie jetzt doch endlich die frische Spiele-Luft.

Die Euphorie des Sports schwappt auf die Öffentlichkeit über

Beim EM- und WM-Public Viewing können wir eben alle mal rauslassen, was wir schon ewig mit uns rumtragen, Gefühle wie Wut, Trauer, Erstaunen. Natürlich gehört das offene Ausleben von Emotionen grundsätzlich zu Sportveranstaltungen dazu. Doch während der grossen Sause im Sommer schwappt diese Euphorie und das Leben im Moment auf die Öffentlichkeit über. Es ist nicht mehr nur die kleine, eingeschworene Interessensgruppe im Stadion und der der Sportbar, die sich ihren Gefühlen hingibt, es ist ein ganzes Land.

Und so wird aus der Deutschschweiz, für ein paar Wochen ein Ort öffentlicher Gefühlsbekundung. Aus dem Fleck Erde, auf dem normalerweise kaum jemand seine Miene verzieht, wo alle gerne so tun, als seien sie bis in die letzte Faser ihres Seins neutral und kontrolliert, wo man im öffentlichen Raum nie jemanden weinen oder schreien sieht, ausser, er ist betrunken oder sonstwie benebelt. Auch deshalb lieben wir das Public Viewing: Weil wir uns Stimmung erhoffen. Echte Gefühle. Wir wollen, nachdem wir alle kollektiv Corona erlebt haben, nun auch Kollektiv ein paar Momente der Freude erleben.

Keine Dorfgemeinschaft mehr, keine Kirche, dafür gemeinsam Fan sein

Sportsoziologe Gugutzer hat beobachtet: Wo traditionelle Bindungen der Grossgruppen erodieren, suchen sich die Menschen neue, alternative Gemeinschaften. An die Stelle von Verwandten, Nachbarn, Dorfgemeinschaften oder Kirche treten neue Formen wie das Public Viewing, wo wir uns relativ niederschwellig mit anderen identifizieren können. Und so unsere Sehnsucht nach Gemeinschaft stillen, ohne uns langfristig binden zu müssen.

Die Leidenschaft, die wir dann empfinden können, speist sich zum Teil auch aus dem Frust über die immergleichen Anstrengungen des Alltags - wir wollen dann ausbrechen und uns eine Gegenwelt zum Alltag schaffen. In der Soziologie nennt man das dann "Festivalisierung der postmodernen Alltagskultur". Nach dem monatelangen Corona-Trott genau das Richtige.

Wie schön. Auch, weil die Geschlechterklischees ausgehebelt werden, zumindest teilweise, weil Männer dann man weinen können und ich als Frau rumschreien. Es sind die einzigen fünf Wochen, in denen ich wütend rumbrüllen kann und allen gefällt's. Machen Sie das mal im Alltag. Da sind wir im täglichen Leben leider noch nicht sehr weit gekommen.

Nach Monaten in den eigenen vier Wänden nun wieder: Körperlichkeit!

Das Public Viewing demokratisiert das Erlebnis Fussball. Macht es allen und jedem zugänglich. Das hat auch zur Folge, so Soziologe Gugutzer, dass die eingefleischten Fans lieber in kleinen Gruppen oder zuhause schauen - weil es ihnen wirklich um den Fussball geht. Allen anderen hingegen geht es beim Public Viewing eher um den Party- und Gemeinschaftsaspekt. Um das Ritual. Und um das Physische, das Körperliche daran.

Denn die Europameisterschaft lässt nun wieder Menschen nebeneinanderstehen, die sonst nicht die gleiche Lebensrealität teilen. Für ein paar Stunden am Tag versinken wir in einem Moment, der live ist, der real ist, der nicht mehr nur vor Bildschirmen stattfindet, sondern wo Bildschirme und Live-Übertragungen erst ermöglichen, dass Menschen sich wieder physisch begegnen. Insofern ist das Public Viewing meine Seelentherapie. Ein Ort, wo wir Einzelmenschen, gerade nach Corona, wieder zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen können.