Forschung
Therapie gegen die Ursache von Multipler Sklerose

An MS leiden allein in der Schweiz rund 15’000 Leute. In einer neuen Studie soll der wahrscheinliche Verursacher bekämpft werden. Auch die Forschung zu Long-Covid könnte davon profitieren.

Wanja Staubli
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Patientin sitzt im Rollstuhl wegen Multipler Sklerose.

Patientin sitzt im Rollstuhl wegen Multipler Sklerose.

Bild: Getty Images

Eine neue Studie der amerikanischen Firma Atara Biotherapeutics weckt Hoffnungen auf eine komplett neue Behandlung für Multiple Sklerose (MS). Bei dieser Autoimmunkrankheit greift das Immunsystem die Ummantelung der Nerven an, worauf die Betroffenen motorische Probleme bekommen, weil die Nervensignale nicht mehr richtig weitergeleitet werden können. Später sterben auch Nervenzellen. Die neue Behandlung soll nun die mutmassliche Ursache bekämpfen. Dazu werden bestimmte Zellen des Immunsystems transplantiert, um das Epstein-Barr-Virus zu bekämpfen.

Schon länger ist ein Zusammenhang dieses Virus mit Multipler Sklerose bekannt. Und eine grosse Studie, die im Ja­nuar im Journal «Science» erschien, erhärtete den Verdacht, dass das Virus, welches Pfeiffer-Drüsenfieber verursacht, auch MS auslösen kann. Nach der Infektion bleiben die Epstein-Barr-Viren lebenslang im Körper in B-Zellen des Immunsystems. Es wird vermutet, dass solche B-Zellen in seltenen Fällen ins Hirn gelangen und dort körpereigene Zellen angreifen.

Diese verbleibenden Viren zu vernichten, könnte nicht nur für MS, sondern auch für andere Autoimmunkrankheiten wie Rheuma und Lupus eine Therapieoption sein. Und falls für Long Covid ebenfalls ein Zurückbleiben des Coronavirus im Körper verantwortlich ist, könnte die MS-Forschung hilfreiche Parallelen bieten.

Sogar eine Heilung von Schäden beobachtet

Die neue Therapie wurde an 24 Testpersonen mit progressiver Multipler Sklerose getestet. Das ist jene Form der Krankheit, die nicht in Schüben mit einer Erholungsphase verläuft, sondern sich ständig verschlimmert.

Den Teilnehmenden wurden Immunzellen von Spendern und Spenderinnen gespritzt, die eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus durchgemacht hatten. Diese sollen jene Zellen angreifen, welche das Epstein-Barr-Virus enthalten. Es wurden vielversprechende Resultate erzielt: Bei 20 der Testpersonen haben sich die Symptome stabilisiert oder sogar verbessert. Dank einer Technik, die auf Magnetresonanz­tomographie (MRI) ­basiert, konnte auch ein Nachwachsen der beschädigten Isolation um die Nervenbahnen festgestellt werden.

Die Resultate müssen aber mit Vorsicht genossen werden. Clare Walton von der Multiple Sclerosis Society UK bezeichnet die Resultate gegenüber dem Fachmagazin «New Scientist» zwar als ermutigend, aber es habe schon andere Therapien gegeben, die in frühen klinischen Phasen vielversprechend ausgesehen hätten. In grösseren Studien hätte sich dann keine Wirksamkeit gezeigt. Die Studie von Atara Biotherapeutics war noch ohne Kontrollgruppe. In einer nächsten Phase sollen 80 weitere Patientinnen und Patienten teilnehmen.

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