Sie braucht keine Kristallkugel, um zu wissen, welche Strategien in der Zukunft Erfolg haben: Die 53-jährige Professorin Marion Weissenberger-Eibl ist eine der renommiertesten Zukunftsforscherinnen Deutschlands. Vor einem Jahr wurde sie zu einer der 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft gewählt, dieses Jahr ist sie zu Gast an der Tagung des Hightech Zentrums Aargau.

Frau Weissenberger-Eibl, in den letzten Jahren gab es riesige Fortschritte in Forschung und Technik. Was ist die bisher wichtigste Erfindung dieses Jahrhunderts?

Als wichtigste Erfindung überhaupt wird immer noch der Buchdruck angeführt, in den letzten 20 Jahren hatte wohl aber das Smartphone den grössten Einfluss auf unser Leben. Es ist eine Erfindung, welche Menschen aus allen Teilen der Welt miteinander verbindet, eine unglaubliche Möglichkeit zur Auswertung von Daten bietet und heute überall auf dem Tisch liegt.

Das Smartphone ist ein Musterbeispiel für eine erfolgreiche Innovation. Sie wollen mit Ihrer Forschung weitere solche fördern. Wie wollen Sie das anstellen?

Schauen Sie, es ist so: Ideen für Erfindungen gibt es viele, aber damit sie Erfolg haben, muss ein Markt für sie da sein. Ich erforsche, welches Potenzial eine neue Erfindung hat und welche Ideen auf dem Weg zur Innovation gefördert werden sollten. Es geht auch darum, herauszufinden, mit welchen Rahmenbedingungen Staat und Wirtschaft neue Projekte am besten unterstützen können.

Welchen konkreten Nutzen hat denn Ihre Arbeit für die Gesellschaft?

Der Staat weiss dank unseren Erkenntnissen, wie er das Entstehen möglichst vieler Ideen fördern kann. Er weiss auch, welche besonders gut und förderungswürdig sein könnten. Wir zeigen, wie Wirtschaft, Politik und Forschung sicherstellen können, dass gute Ideen schnell realisiert werden.

Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie durch Ihre Forschung ein Produkt realisiert werden konnte?

Wir untersuchten in Deutschland, wieso kleine mittelständische Unternehmen eher Hindernisse sehen, wenn es darum geht, auf Universitäten zuzugehen und ins Gespräch zu kommen. Da konnten wir ein Projekt lancieren, bei dem Unternehmen direkt an die Universitäten gebracht werden. Sie sind dann über Austauschformate, Ringvorlesungen und Experimentierräume sehr nahe beieinander. So entstand ein ganz anderes Miteinander und es konnten neue, für die Praxis brauchbare Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden.

Welche zum Beispiel?

Im Flugzeugbau verwendete man Teile aus 3D-Druckern. Die Industrie zeigte Forschern, welche Eigenschaften solche gedruckten Teile haben müssen, damit sie im Flugzeugbau verwendet werden können. Die Wissenschafter konnten dadurch hochkomplexe Teile und Materialien entwickeln, die auch wirklich brauchbar sind. Die Forschung ist so viel zielgerichteter.

Was sind die wichtigsten Grundlagen, damit neue erfolgreiche Erfindungen realisiert werden können?

Offenheit, Neugier und Mut. Unternehmen müssen den Mut haben, Dinge anders zu machen. Sie müssen lernen, nicht die gewohnten Wege zu gehen, sondern neue Methoden ausprobieren. Dafür braucht es eben auch die Universitäten mit ihren Forschungsräumen, wo die Akteure aus Wirtschaft und Forschung zusammenkommen und gemeinsam tüfteln können. Genau das wird im Moment in Deutschland noch zu wenig gemacht.

Wie steht denn die Schweiz im Vergleich dazu da?

Sehr gut. Im Innovationsindikator war die Schweiz in den letzten Jahren immer auf Platz 1, nur im letzten Jahr ist sie auf Rang 2 abgerutscht. Das ist aber noch kein Grund zu allzugrosser Sorge, denn das ist noch immer top. Deutschland dagegen war zuletzt immer auf Rang 4.

Woran liegt das?

Das hat verschiedene Gründe. Der digitalen Bildung wird zum Beispiel noch nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Der Staat setzt sich auch noch zu wenig mit der Digitalisierung im öffentlichen Bereich auseinander. Ein anderer Punkt ist die steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung. In Deutschland durften Unternehmen eingekaufte Forschung und Entwicklung bisher nicht steuerlich abziehen. Nicht jedes KMU kann sich eine eigene Forschungsabteilung leisten.

Wo kaufen Unternehmen diese Forschung ein?

Bei den Universitäten, bei Ingenieurbüros und Beratungsfirmen. Diese Beziehungen müssten gefördert werden, denn wenn Unternehmen in Forschungsprojekten – beispielsweise in EU-geförderten Projekten – mitarbeiten, bringt das einen hohen administrativen Aufwand mit sich. Der Staat könnte mit Wirtschaftsförderung genau an dieser Stelle eingreifen und so die Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen und auch neuer Geschäftsmodelle in Europa fördern.

Innovation ist immer auch mit Veränderung verbunden, das macht vielen Leuten Angst. Was sagen Sie jenen, die sich davor fürchten?

Für mich sind diese Ängste sehr nachvollziehbar, denn das Neue ist immer mit Unsicherheiten verbunden. Gerade auch für Unternehmen, denn sie wissen nicht, ob ein neues Produkt einen Markt findet. Es ist deshalb sehr wichtig, sich mit der Zukunft – besser gesagt mit möglichen Zukünften – ganz konkret auseinanderzusetzen. Häufig werden hierdurch Zusammenhänge und Prozesse verständlicher. So verringert sich die Furcht vor dem Ungewissen.

Braucht es denn Innovationen immer und überall?

Innovation ist ein Muss: Ja. In Deutschland und der Schweiz gibt es keine grossen natürlichen Ressourcen. Unsere einzigen wesentlichen Rohstoffe, um Wohlstand zu sichern, sind Talente und Ideen. Ich bin deshalb ganz klar für Fortschritt und Innovation. Man muss allerdings die Chancen und Risiken ganz klar auf den Tisch legen, sich ihrer bewusst sein und diese abwägen.

Plädieren Sie auch in heiklen Feldern wie zum Beispiel der Gentechnik für den Fortschritt?

Wir könnten dem Fortschritt schon Grenzen setzen, wir müssen uns aber bewusst sein, dass er dann trotzdem kommt. Denn irgendwo auf der Welt wird das, was technisch möglich ist, gemacht werden. Ich empfehle daher eher, dass wir in der Forschung breit bleiben und gleichzeitig immer überlegen, wofür eine neue Technologie eingesetzt werden kann. Dann kann jedes Unternehmen nach den eigenen ethischen Grundsätzen entscheiden, wofür es eine neue Technologie einsetzt.

Gibt es aber nicht Unternehmen, die neue Technologien gegen den Willen einer Mehrheit einsetzen?

Das wird es immer geben. Insbesondere auch in anderen Ländern. Das ist etwas, dessen wir uns wirklich bewusst sein müssen. Ein Stoppen des Fortschritts macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Es ist aber wichtig, dass wir abgewogen diskutieren und den Menschen den Mehrwert von Fortschritt aufzeigen.

Im Moment kommen neue Erfindungen grösstenteils aus dem mathematischen, naturwissenschaftlichen Bereich, den MINT-Fächern. In diesen Studiengängen sind Männer heute noch in der Überzahl.

Ich würde beide Thesen zurückweisen. Nicht aller Fortschritt kommt aus den MINT-Fächern, auch wenn neue Technologien häufig einen grossen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Nehmen Sie die Digitalisierung, die alle gesellschaftlichen Bereiche beeinflusst – Lebens- und Arbeitswelten. Das Missverhältnis bei den Geschlechtern sehe ich insgesamt so auch nicht mehr. In meiner Arbeit als Professorin am Karlsruher Institut für Technologie bilde ich Wirtschaftsingenieure aus und kann bei meinen Studierenden kein ungleiches Geschlechterverhältnis feststellen. Ich sehe aber, dass die Diskussionen heute anders verlaufen als früher, weil die Studierenden ganz unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen mitbringen und diese in die Diskussionen beispielsweise in Arbeitsgruppen oder Fallstudienseminaren einbringen.

Der internationale Trend ist, dass die grossen Handelsverträge zurückgenommen werden und jeder Player für sich allein kämpft. Sollen wir Wissen und neue Erkenntnisse mit anderen Nationen teilen und gemeinsam forschen oder sollen wir uns abschirmen, um die eigene Wirtschaft zu schützen?

Ich bin ganz klar für Kooperation. Schützen im Sinn von Abschotten hat noch keinem je Vorteile gebracht. Ein Abschotten des Wissens ist heute eigentlich gar nicht mehr möglich. Gerade auch wegen der Digitalisierung und der zunehmenden Vernetzung. Ein Abschotten einer Volkswirtschaft würde auch nicht funktionieren. Es zeigt sich immer mehr, dass die Länder, welche stark kooperieren, am erfolgreichsten sind.

Was sagen Sie zu China? Es heisst ja häufig, die stehlen uns alles.

Das ist aus meiner Sicht sehr vereinfacht ausgedrückt. Ich arbeite mit China in unterschiedlichen Belangen zusammen, bin auch im Deutsch-Chinesischen Dialogforum. China ist ein sehr komplexes Beispiel mit einer anderen Kultur, die man verstehen muss, um gewisse Abläufe zu begreifen. Ich habe auch schon viele Situationen erlebt, bei denen ausländische Wissenschafter ohne grosse bürokratische Hindernisse in China arbeiten konnten – auch für längere Zeit. Ich sehe aber, dass es gerade jetzt eher mehr Hürden gibt als früher. Gewisse Felder sind in China tatsächlich stark abgeschirmt. Wir müssen versuchen, die Hürden abzubauen und das gegenseitige Verständnis füreinander zu stärken.

Aber China ist für uns vor allem Konkurrenz. Experten warnen, die Chinesen seien uns besonders bei Schlüsseltechnologien wie der künstlichen Intelligenz voraus.

Das würde ich so nicht sagen. China investiert im Moment einfach mehr Geld in künstliche Intelligenz. Wenn man sich das Ganze aber im Detail anschaut, dann sieht man, dass der Output aus den Investitionen nicht so gross ist, dass China in der absoluten Spitzenposition wäre. Die Investitionen allein bringen nicht so viele Erfindungen hervor. Vollständig kooperierende Länder sind in dieser Hinsicht erfolgreicher.

Aber wir haben ja auch das Problem der Abhängigkeit mit China. Viele Waren werden nur noch dort produziert. Wie sollen wir uns also verhalten?

Ich gebe Ihnen erneut die Antwort: kooperieren. Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir gewisse Kompetenzen in der Produktion nicht verlieren. Um erfolgreich zu sein, müssen wir die technologische Situation in anderen Ländern verstehen können. Dafür müssen wir wenigstens eine Beurteilungskompetenz jedes Fachbereichs haben. Wir müssen also auch selber Warenproduktion betreiben, denn diese Erfahrung fliesst wiederum in die Weiterentwicklung und die gesamte Wertschöpfungskette ein.

«Wissen ohne machen» geht nicht?

Das könnte man vereinfacht so sagen.

Eine ganz andere Frage: Sie haben mal gesagt: «Was wir in der Bildung brauchen, sind digitale Fähigkeiten und universelle Kompetenzen.» Was meinen Sie mit «universellen Kompetenzen»?

Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir unter «digitaler Bildung» nicht einfach das Verteilen von Tablets in Schulen verstehen. Digitale Bildung ist eher das Verständnis davon, welche Konsequenzen ein Algorithmus hat und was dahintersteckt. Es muss nicht jeder programmieren können, man muss die Technologie auch nicht bis ins Detail verstehen. Aber man muss sich bewusst sein, welche Konsequenzen das Programmieren hat. Das heisst auch, dass man versteht, dass die Lösung aller Probleme nicht von der Technologie allein kommen kann, sondern dass der Mensch mit seiner Empathie und Intelligenz im Zentrum steht.

Das ist aber nicht das, was im Moment im Bildungswesen gefördert wird. Politiker fordern, das Humanistische zu streichen und mit Programmieren, Mengenlehre et cetera zu ersetzen.

Es braucht ein breites, generalistisches Verständnis, das nicht nur tief in eine Sparte hineingeht. Die generellen menschlichen Fähigkeiten können nicht durch reines Technologieverständnis ersetzt werden. Grosse gesellschaftliche Herausforderungen wie den Klimawandel oder die Mobilität werden wir erfolgreich angehen können, wenn wir die unterschiedlichen Perspektiven von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft von Beginn an gemeinsam mitdenken und Technologie und gesellschaftliche Bedarfe zusammenbringen.