Europa

Grossbritannien in der Klemme: Neue Corona-Welle und Brexit-Folgen

ARCHIV - Sir Patrick Vallance, Gesundheitsexperte und Regierungsberater, spricht während einer Pressekonferenz zur aktuellen Situation im Kampf gegen das Coronavirus. Foto: Andrew Parsons/10 Downing Stre/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits

ARCHIV - Sir Patrick Vallance, Gesundheitsexperte und Regierungsberater, spricht während einer Pressekonferenz zur aktuellen Situation im Kampf gegen das Coronavirus. Foto: Andrew Parsons/10 Downing Stre/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits

Düstere Prognosen für das Vereinigte Königreich: Renommierte Wissenschaftler warnen vor einer grossen zweiten Coronavirus-Welle mit bis zu 120 000 Todesfällen in Grossbritannien. Demnach könnte der Höhepunkt im Januar und Februar erreicht werden.

An der Studie waren 37 Wissenschaftler beteiligt, darunter der medizinische Regierungsberater Patrick Vallance. Bereits jetzt ist Grossbritannien das am schlimmsten von der Pandemie betroffene Land in Europa. Zudem könnte es künftig stark unter den Brexit-Folgen leiden.

Die Forscher der Akademie der medizinischen Wissenschaften stellten mehrere Modellrechnungen vor und sprachen bei der Annahme von 120 000 Todesfällen von einem "Worst-Case-Szenario" ("schlimmsten Fall"). "Das Risiko kann verringert werden, wenn wir sofort handeln", teilten die Experten in ihrer am Dienstag veröffentlichten Studie mit. Im Szenario mit 120 000 Toten gehen sie unter anderem davon aus, dass Grossbritannien nicht mit Ausgangsbeschränkungen reagiert.

Die Wissenschaftler warnten vor einem Zusammentreffen des nächsten Corona-Ausbruchs mit einer Grippewelle. Schon zuvor stand der chronisch unterfinanzierte staatliche Gesundheitsdienst NHS im Winter beim Ansturm der Grippekranken oft vor dem Kollaps. Zudem könnten sich im Winter mehr Menschen in geschlossenen Räumen mit dem Coronavirus anstecken als im Sommer, erklärten die Forscher. Ein zweiter Corona-Ausbruch zwischen September 2020 und Juni 2021 dürfte ihrer Ansicht nach schlimmer ausfallen als der erste.

Bislang sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums knapp 45 000 Infizierte landesweit während der ersten Welle gestorben. Es wird aber mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet. Kritiker warfen der Regierung vor, viel zu spät und falsch auf die Pandemie reagiert zu haben. Premierminister Boris Johnson hatte sich anfangs noch damit gerühmt, Corona-Infizierten die Hände geschüttelt zu haben - er erkrankte schliesslich selbst an Covid-19 und kämpfte auf einer Intensivstation eines Londoner Krankenhauses um sein Leben.

Zufall oder nicht? Pünktlich zum Erscheinen der neuen Studie wurde eine Maskenpflicht in England angekündigt. Vom 24. Juli an müssen zum Schutz vor dem Corona-Virus in Supermärkten und anderen Geschäften in England Gesichtsmasken getragen werden. Wer dagegen verstösst, muss mit einer Geldstrafe rechnen. Für Kinder unter elf Jahren gilt die Regelung nicht. Die Ärzteorganisation British Medical Association und Oppositionspolitiker nannten die Massnahme "längst überfällig".

In Schottland gilt bereits eine Maskenpflicht in Geschäften. In England war darüber gestritten worden; teils gab es auch widersprüchliche Angaben aus der Regierung dazu. So hatte Staatsminister Michael Gove noch am Sonntag in einem Interview gesagt, dass eine Maskenpflicht nicht notwendig sei. In öffentlichen Verkehrsmitteln in England müssen bereits Masken getragen werden.

Die staatliche, aber unabhängige Haushaltsbehörde OBR warnte, dass sich die britische Wirtschaft von der Corona-Krise bis 2024 nicht erholen könnte. Doch die Briten haben noch ein ganz anderes Problem: die möglichen Folgen des Brexits. Brüssel und London verhandeln über ein umfassendes Handels- und Partnerschaftsabkommen - die Gespräche verlaufen sehr zäh. Ein Abkommen müsste spätestens Anfang November fertig sein, damit es noch ratifiziert werden kann.

Grossbritannien hat die Europäische Union Ende Januar verlassen, gehört aber bis Jahresende noch zum EU-Binnenmarkt und zur Zollunion. Ohne Anschlussregelung droht ein harter wirtschaftlicher Bruch mit Zöllen und Handelshemmnissen. "Was vermeintlich das einfachste Handelsabkommen der Geschichte werden sollte, gleitet langsam, aber unerbittlich in eine Art von Kaltem Krieg zwischen der EU und Grossbritannien ab", schrieb kürzlich der "Independent".

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