Erziehung
Eltern, sprecht mit euren Kindern - und sie werden intelligent!

Eine US-Studie sagt, wenn Eltern viel mit ihren Kindern sprechen, hätten diese mit vier Jahren 30 Millionen Wörter mehr gehört als Kinder aus wortkargen Familien. Kinder vollschwatzen ist jedoch kein Zaubermittel: Qualität muss sein.

Claudia Weiss
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Reden bringts: Kinder von Eltern, die viel mit ihnen redent, haben Vorteile.

Reden bringts: Kinder von Eltern, die viel mit ihnen redent, haben Vorteile.

iSTock

Grosse Freude in Amerika: Die Lösung für sozial benachteiligte Kinder scheint gefunden. Das simple Rezept heisst «reden, reden und noch einmal reden», dann sollen die benachteiligten Kleinen automatisch intelligenter werden. Ein alter Zopf, längst allen bekannt? Offensichtlich nicht.

In den USA jedenfalls hat die Stadt Providence auf Rhodes Island soeben fünf Millionen Dollar aus dem Bloomberg Philanthropies Mayors Challenge gewonnen, um ein Programm «zur Förderung der Familienkonversation» aufzubauen: Die Anzahl der in einer Familie mit Vorschulkindern gesprochenen Worte soll laufend zunehmen.

Bürgermeister Angel Taveras schlug mit seinem Projekt 300 Mitbewerber um «die beste innovative Idee», und die Amerikaner reagierten begeistert, ein Beitrag zum Thema in der New York Times wurde blitzschnell zum meistverschickten Link.

Die 30-Million-Worte-Lücke

Die Grundlage für diese an sich grossartige Erkenntnis ist tatsächlich nicht neu, bereits im Jahr 1995 veröffentlichten Betty Hart und Todd R. Risley von der Universität Kansas ihre Forschungsergebnisse unter dem Titel «Bedeutungsvolle Unterschiede im Alltagserleben von amerikanischen Kleinkindern».

Allerdings überraschen die deutlichen Zahlen: Bis im Alter von vier Jahren haben sozial schwache Kinder 30 Millionen weniger Worte gehört als solche aus Akademikerfamilien. Mittlerweile hat sich in Fachkreisen dafür der Begriff «30-Millionen-Wort-Lücke» etabliert.

In der Schweiz sieht das ähnlich aus, vermutet Sandro Giuliani, Geschäftsführer der Jacobs Foundation in Zürich: «Wenn Eltern Gesundheitsprobleme, Ehesorgen oder Stress wegen Arbeitslosigkeit haben, steht nicht im Vordergrund, wie sie ihr Kind optimal fördern können.»

Die Jacobs Foundation hat zum Ziel, «die Entwicklung und Bildung heutiger und künftiger Generationen junger Menschen zu verbessern», und Giuliani findet die viel zitierte Studie von Hart und Risley immer noch relevant: «Sie zeigt, wie enorm wichtig der elterliche Einfluss auf die Kinderentwicklung ist.»

Er möchte jedoch diesen Einfluss nicht auf die Sprache beschränken, «sonst hätten Kinder aus wenig gebildeten Familien von Anfang an verloren». Dem sei aber nicht so, es gebe diverse andere Wege, ein Kind gut zu fördern, sowohl in der Familie als auch ausser Haus in gut geführten Kindertagesstätten.

Krippenprojekt in Deutschland vorbildlich

Stefanie Stadler Elmer, Entwicklungs- und Musikpsychologin an der Universität Zürich, betreut ein solches Krippenprojekt in Herborn (Hessen) mit fast drei Vierteln Migrantenkindern, bei dem auf die musikalische Förderung grossen Wert gelegt wird. «Dort werden die Kinder emotional, spielerisch und integrativ betreut», sagt die Wissenschafterin.

Viel Zuwendung und das förderliche Klima der Kita zeigen Erfolg: «Schon nach einem Jahr hat sich die Sprachfähigkeit der Kinder durchwegs eklatant verbessert.» Stefanie Stadler betont: «Vor allem die Qualität der Interaktion ist wichtig.» Damit, dass man einfach die Anzahl Worte erhöhe, könne man diese Qualität nicht verbessern.

Gar so banal ist die Idee von den vielen Worten dennoch nicht, wie eine Umfrage von Meredith Rowe, Assistenzprofessorin an der Universität Maryland zeigte:

Die meisten der befragten, sozial eher schlecht gestellten Frauen hatten nicht die geringste Ahnung, wie wichtig es ist, dass sie bereits mit ihren ganz kleinen Kindern sprechen – das hatte ihnen niemand gesagt.

Genau das gehört allerdings zu den unverzichtbaren Elementen in der Kinderförderung. Und zwar nicht, wie in der amerikanischen Studie, nur für Mütter: Da bei uns immer mehr Väter wöchentliche «Papatage» einschalten, sind auch diese gefordert.

Giuliani erklärt an einem Beispiel, wie das aussehen kann: «Ein Vater geht mit seinem kleinen Kind im Wald spazieren, ein Passant mit Hund begegnet den beiden, das Kind ruft ‹Wauwau›: Papa Typ A merkt das gar nicht – er ist am Smartphone beschäftigt und ignoriert Hund und Kind. Papa Typ B antwortet zerstreut ‹jaja, wauwau›, und tippt weiter auf sein Smartphone ein.

Papa Typ C geht weiter und sagt: ‹Ja, das ist ein Husky, der kommt aus Grönland und frisst viel Fleisch›.

Papa Typ D hingegen beugt sich zu seinem Kind: ‹Ja, das ist ein Husky, gell, der ist gross! – Gefällt er dir? – Welche Hunde magst du denn gerne? – Und weisst du schon, wie man sie am besten streicheln soll?›»

Möglichst oft Vater Typ-D sein

Erst der letzte Vater, sagt Giuliani, sei wirklich auf sein Kind eingegangen, und genau diese Art zu sprechen, ermögliche die Gestaltung einer wichtigen Beziehungs- und Lernmöglichkeit.

Kurz gesagt: «Es geht darum, so oft wie möglich Papa – oder natürlich Mama – Typ D zu sein.» Vätertage findet Giuliani deshalb nur sinnvoll, wenn sie dem Kind echte Zeit mit dem Vater bieten.

Väter, die gedanklich ständig bei der Arbeit sind und bloss auf den Mittagsschlaf warten, damit sie endlich ihre Mails abarbeiten können, sagt er, «sollten das besser ganz bleiben lassen, das bringt nichts».

Echt auf die Kinder eingehen, sich an die Situation anpassen: Das findet auch Entwicklungspsychologin Stefanie Stadler wichtig, weit wichtiger als die Anzahl Worte, die auf ein Kind niederprasseln.

«Das ist sehr amerikanisch – einfach Worte zählen, dann wird alles gut.» Es helfe nichts, wenn diese Worte nur in Befehlsform oder in schlechter Sprache geäussert würden, und auch Geplauder aus dem Fernsehgerät zähle nicht.

Ausserdem findet sie, dass man alles übertreiben könne: «Wenn Eltern ihre Kleinkinder bei jeder Gelegenheit mit Wortschwallen überschütten, kann das ebenso zu viel werden wie dauerndes Lachen, Blödeln oder Rumtoben.»

Vielmehr müssten die Eltern sich an die Situation anpassen können. «Wenn sich ein Kind in den Finger geschnitten hat, bringen beruhigende Zuwendung, Streicheln und ein Trostlied mehr als viele Worte.»

Auch in der Schweiz gibt es verschiedene Projekte

Auch in der Schweiz laufen verschiedene Projekte zur Förderung von sozial benachteiligten Kindern, eines davon erhielt 2010 den Klaus J. Jacobs Award der Jacobs Foundation: Das Spiel- und Förderprogramm des Vereins a:primo, bei dem die Familien zu Hause begleitet und angeregt werden.

«Die Eltern reagieren oft sehr begeistert», sagt Geschäftsführer Sandro Giuliani. «Sie sind froh, dass sie mit kleinen, einfachen Tipps die Beziehungskultur stark verbessern können, ohne gleich ihr ganzes Leben umstellen zu müssen.»

Manchmal ist eine gute Lösung tatsächlich einfach – wenn auch nicht ganz so simpel formuliert wie auf Amerikanisch.

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