Nicht herzerwärmend soll es sein, das virale Baby-Bär-Video, sondern eher ein Grund dafür, dass es einem kalt den Rücken hinunter läuft? Selten hat ein weltweit vergöttertes Video eine derart rasche Wende erlebt. Doch alles von vorne.

So richtig in Umlauf gebracht hat das Video die kanadische Discovery-Channel-Moderatorin Ziya Tong. Allein in ihrem Tweet vom 3. November ist es bis heute rund 22,1 Millionen Mal aufgerufen worden.

Die Menschen rund um den Erdball fieberten vor ihren Handy- und Computerbildschirmen mit dem Bärenjungen mit, das an einem verschneiten Steilhang immer wieder abrutscht und es nicht zu schaffen scheint, zu seiner Mutter zurück zu gelangen, die oben an dem Hang verzweifelt hin und her läuft.

Der Fall war schnell klar: Hier spielt sich ein herzzerreissendes Drama mit überglücklichem Happy End ab. Genau das, was ein Video braucht, um sich viral zu verbreiten. Und so geschah es denn auch. 

Auch wir haben die Diskussion aufgegriffen, die Faszination wiedergegeben unter dem Titel: «Dieser kleine Bär zeigt uns allen, warum wir niemals aufgeben sollten»

«Offensichtlich gestresst»

Jetzt, nur wenige Tage später, berichten die Medien weltweit noch einmal über das Video, diesmal jedoch in einem ganz anderen Ton. «Das virale Video vom kletternden Baby-Bär ist in Wirklichkeit irgendwie traurig», titelt etwa «The Dodo», «Dieser süsse Baby-Bär-Clip zeigt die dunkle Seite des Wildtierfilmens», «The Verge». 

Grund dafür ist unter anderem dieser Tweet der US-Biologin Jacquelyn Gill:

Gill kritisiert darin den Drohnenpiloten, der das Video gemacht hat: «Wilde Tiere für ein Selfie, Foto oder Video zu gefährden, ist niemals okay.» Man solle deshalb keine Aufnahmen verbreiten, auf denen Tiere «offensichtlich gestresst oder in Gefahr gebracht» werden, nur weil jemand ein spektakuläres Video machen wolle. «Verantwortungslos» habe sich der Drohnenfilmer verhalten.

«Ich konnte kaum hinsehen»

Die These der Biologin, die laut eigener Aussage für ihre Forschungen ebenfalls bereits mit Drohnen gearbeitet hat: Die Drohne habe die Tiere erschreckt und gestresst. Damit ist sie nicht allein. «The Atlantic» zitiert Umweltwissenschaftlerin Sophie Gilbert von der US-Universität Idaho: «Ich konnte kaum hinsehen. Dieses Video zeigt, dass der Drohnenpilot keinen blassen Schimmer davon hat, was er mit seiner Aktion bei den Bären auslöst.»

Ebenfalls im gleichen Artikel wird auch Grizzly-Experte Clayton Lamb von der Universität im kanadischen Alberta zitiert. Er sehe an der Reaktion der Bären, dass die Drohne zu nahe war. Auch Discovery-Channel-Moderatorin Ziya Tong hat mittlerweile auf Twitter nachgedoppelt und warnt nun vor dem falschen Gebrauch von Drohnen bei der Beobachtung von Wildtieren.

Von dem Video ist nur bekannt, dass es im vergangenen Juni in der ostrussischen Magadan-Region gemacht worden ist. Wer der Urheber ist, ist nicht klar. (smo)