Essay
Tesla-Chef Elon Musk will den Übermenschen schaffen – Nietzsche wäre begeistert

Den Mars kolonialisieren und den Menschen mit der KI verschmelzen, so die Pläne von Elon Musk. Wer sich über den grössten Unternehmer unserer Zeit wundert, versteht ihn mit dem umstrittenen Philosophen Nietzsche besser.

Raffael Schuppisser
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Elon Musk: Er baut die Marsrakete.

Elon Musk: Er baut die Marsrakete.

Nurphoto / NurPhoto

Nichts einfacher, als Elon Musk mit Thomas Edison zu vergleichen, dem Erfinder der Glühbirne. Oder Nikola Tesla, dem Erneuerer der Elektrotechnik und Namensgeber von Musks Elektroautofirma. Auch Parallelen zu Steve Jobs, dem Schöpfer des iPhone, liegen auf der Hand. Doch diese Vergleiche greifen zu kurz. Wer Musk verstehen will, muss anders ansetzen: bei Friedrich Nietzsche.

Nicht weil der Philosoph aus dem 19. Jahrhundert eine grosse Inspirationsquelle für Musk wäre – ihm haben es Science-Fiction-Romane und Sachbücher jeglicher Art angetan, als Kind verbrachte er ganze Wochenenden lesend. Gemeinsam ist ihnen der Hang zum grossen Denken, das an der Grenze zum Grössenwahn kratzt.

Nietzsche wagte es, «den Horizont wegzuwischen»; er verkündete den «Tod Gottes» und zeigte gleichzeitig eine neue Perspektive jenseits jeg­licher Theologie und Metaphysik auf, deren Ursprung der Mensch ist. Damit sorgte er für einen Paradigmenwechsel in der Philosophie. Musk will die Welt von fossilen Energieträgern befreien, sie vor dem Klimakollaps bewahren und weist einen Weg, wie die Menschheit sich vor dem Untergang ihres Planeten retten und zur interplanetaren Spezies werden kann. Damit zieht er gleichermassen Bewunderung wie Spott auf sich.

Musk und Nietzsche sehen den Menschen bloss als Zwischenstation

Musk schmiedet konkrete Pläne, während Nietzsche die Welt «bloss» anders denkt. Doch beide geben sich mit dem Menschen nicht zufrieden, wollen ihn optimieren und zu einem «Übermenschen» machen. In Nietzsches «Also sprach Zarathustra» heisst es:

«Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrund.»

Auch Musk sieht den Menschen nur als Zwischenstation: Der Homo sapiens habe den Affen dank der Überlegenheit seiner Intelligenz in den Zoo verbannt, so Musk in einem Interview mit dem US-Portal «Axios»: «Nun droht dem Menschen dasselbe Schicksal.» Grund sei die Überlegenheit der Intelligenz der Maschinen. Den Ausweg sieht Musk darin, dass Menschen mit der künstlichen Intelligenz zu einem posthumanen Wesen verschmelzen.

Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss. Sowohl bei Nietzsche als auch bei Musk.
Sieht den Menschen nur als eine Zwischenstation zum Übermenschen: Friedrich Nietzsche.

Sieht den Menschen nur als eine Zwischenstation zum Übermenschen: Friedrich Nietzsche.

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Um das zu erreichen, hat Musk die Neurotechnologie-Firma «Neuralink» gegründet. Es ist eines von seinen weniger bekannten und jüngeren Unternehmen. Das Ziel: eine Schnittstelle zwischen Computer und Gehirn zu entwickeln, die eine direkte Kommunikation zwischen Neuronen und Transistoren ermöglicht. Schliesslich sind Gehirnwellen auch nur elektronische Signale, die abgefangen werden können.

So soll es dereinst nicht nur möglich sein, mit seinen Gedanken Maschinen zu steuern, sondern auch sich unmittelbar mit anderen Gehirnen auszutauschen, ohne den «Umweg» über die Sprache gehen zu müssen: Der Mensch wird quasi zur Telepathie fähig und vernetzt sich mit einer auf Platinen gespeicherten künstlichen Intelligenz zu einem den Menschen übersteigernden Wesen.

Es geht nicht um Geld

Um die Terminologie Nietzsches zu bemühen: Er wird zu einem Übermenschen. Als Musk sein Projekt 2017 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellte, wurde es von Neurologen als «unseriöser Hype» abgekanzelt. Doch ähnlich klang es auch, als Musk zum ersten Mal seine Pläne für ein Luxus-Elektromobil präsentierte. Heute ist Tesla an der Börse 680 Milliarden Dollar wert, mehr als VW, Daimler und BMW zusammen. Kurzzeitig war Musk der reichste Mensch der Welt, ehe Amazon-Gründer Jeff Bezos ihn wieder abgelöst hat.

Doch Musk geht es, wie sein Biograf Ashlee Vance erläutert, nicht ums Geld. Sonst hätte er nach dem Erfolg des Online-Bezahldienstes Paypal weitere Internetunternehmen gegründet. Doch er hatte Grösseres vor. Sein erklärtes Ziel: die Menschheit zu einer «multiplanetaren Spezies» zu machen, also den Mars zu kolonialisieren. Denn die Erde ist in Gefahr: nicht nur durch von Menschen verursachte Super-Katastrophen, sondern auch durch Meteoriten aus dem All. «So schnell könnte alles vorbei sein, und das wäre doch schade», sagt Musk in der erwähnten Biografie.

Sein Ziel: Die Menscheit zu einer multiplanetaren Spezies machen.

Sein Ziel: Die Menscheit zu einer multiplanetaren Spezies machen.

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Also gründete er das Raumfahrtunternehmen SpaceX. Anfänglich verbrannte er seine angehäuften Millionen in Raketenprototypen. Dann kamen die ersten Erfolge. Schliesslich schaffte er es letztes Jahr als erstes privates Unternehmen, Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS zu schicken – etwas, das die staatliche Nasa schon länger nicht mehr versucht. Musk hat für einen Paradigmenwechsel in der Raumfahrt gesorgt. Noch ist der Mars fern, aber doch ein Stück näher gerückt.

Nietzsche kannte noch keine Mondrakete, Musk baut eine Marsrakete

Womit wir wieder bei Nietzsche sind. In einem seiner kraftvollsten Texte, «Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne», schreibt er:

«In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte; aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mussten sterben.»

Der Philosoph erkannte im 19. Jahrhundert, dass der menschliche Intellekt nicht das Zentrum des Universums ist, sondern bloss eine Zufälligkeit der Natur, die nicht ewig werde bestehen können. Elon Musk will im 21. Jahrhundert nicht hinnehmen, dass der Mensch eines Tages auf seinem Planeten verglühen wird. Er will ihn zum Übermenschen machen und das Universum besiedeln lassen. Nietzsche hat noch keine Mondrakete gekannt; Musk baut an einer Marsrakete.

Ob das klappt und die Menschheit tatsächlich einmal zu einer multiplanetaren Spezies wird? Musk hat es sich jedenfalls zu seiner Lebensaufgabe gemacht, inspiriert von seinen Science-Fiction-Büchern, die er in seiner Kindheit gelesen hat. Ruhen wird er nicht, bis er es schafft oder tot ist. «Ich weiss keinen besseren Lebenszweck, als am Grossen und Unmöglichen zugrunde gehen», schreibt Nietzsche in den «Fröhlichen Wissenschaften». Der Musk-Biograf Vance meint: «Elon schafft aus dem Unmöglichen noch Unmöglicheres.»

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