ESC
Block-Voting und Sympathiepunkte – wer hilft wem?

Die Griechen helfen den Zyprioten, die Türken den Bosniern und die Skandinavier halten eh zusammen. Aber stimmt dieses Vorurteil überhaupt? Und wie steht es dieses Jahr mit dem ukrainischen Favoriten?

watson.ch
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Wer am Eurovision Song Contest 12 Punkte bekommt, ist nicht immer abhängig von der musikalischen Leistung.

Wer am Eurovision Song Contest 12 Punkte bekommt, ist nicht immer abhängig von der musikalischen Leistung.

TZ/Keystone

Die Punktevergabe am Finale des Eurovision Song Contest ist oft unterhaltsamer als die musikalischen Darbietungen davor. Selten werden intereuropäische Sympathien und Abneigungen eindeutiger zur Schau gestellt. Dabei hätte genau dies vermieden werden sollen.

Ursprünglich war es das Ziel des «Concours Eurovision de la chanson» anno 1956, die Nationen des vom Zweiten Weltkrieg lädierten Europa mittels Musik einander wieder näherzubringen. Eine wunderschöne Idee: Alle Länder schicken ihren schönsten Song ins Rennen und danach haben Musikfans in ganz Europa die schwierige Aufgabe, aus so viel Grossartigkeit das künstlerisch wertvollste Lied zu küren.

In den ersten drei Jahrzehnten des Song Contests waren dennoch gewisse Länder eindeutig bevorzugt: Lange Zeit schrieben Eurovisions-Regeln vor, Songs müssten in der jeweiligen Landessprache vorgetragen werden, was unweigerlich zu einer Dominanz der Weltsprachen Englisch und Französisch führte. Grossbritannien und Irland einerseits, Frankreich, die Schweiz, Belgien und Co. anderseits hatten einen eindeutigen Startvorteil.

Irland hält bis heute den Rekord für am meisten Eurovisions-Gewinner – sieben an der Zahl.

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Zwischenzeitlich wurde diese Regelung aufgehoben (was u.a. zum Sieg von ABBAs «Waterloo» im Jahr 1974 führte), nachher aber wieder eingeführt. 1999 war damit endgültig Schluss. Und seither hat keines der englisch- oder französischsprachigen Länder Europas gewonnen.

Ein «krankes Abstimmungssystem»

Dafür wurde ein anderes Phänomen evident: Eurovision Bloc Voting. Mit der Einführung des Televotings Ende der Neunzigerjahre wurden historische Allianzen, kulturelle Nähe, Verteilung von Diasporen und ähnliche Faktoren für die Punktevergabe beim ESC oftmals entscheidender als musikalische Qualität. So waren häufig eindeutige Länderblocks auszumachen, die sich gegenseitig Punkte zuschanzten. Zum Beispiel:

  • Der «Balkan-Block», bestehend aus ehemaligen jugoslawischen Gliedstaaten sowie Albanien, aber auch Ungarn und Bulgarien
  • Der «nordische Block», bestehend aus den skandinavischen Ländern, sowie Finnland und Island
  • Der «Ex-Sowjet-Block» der ehemaligen UdSSR-Länder Russland, Ukraine, Weissrussland, der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, Georgien, Aserbaidschan und Armenien.

Die Nullerjahre waren geprägt von einer Siegesserie ehemaliger Ostblockstaaten: Estland (2001), Lettland (2002), die Ukraine (2004 – im Video), Serbien (2007), Russland (2008), Aserbaidschan (2011).

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Daneben gibt es Länderpaare, die sich gegenseitig grosszügig Punkte geben. Unter anderem:

  • Griechenland und Zypern
  • Griechenland und Armenien
  • Bulgarien und Griechenland
  • die Türkei und Bosnien-Herzegowina
  • die Niederlande und Belgien
  • Irland und das Vereinigte Königreich

Die Diaspora kann auch eine wichtige Rolle spielen. Unter anderem sind folgenden Regelmässigkeiten zu beobachten:

  • Griechenland, die Türkei, Polen, Litauen, Russland und die Länder des ehemaligen Jugoslawiens erhalten in der Regel hohe Punktzahlen aus dem Vereinigten Königreich oder Deutschland
  • Armenien erhält Stimmen aus Frankreich und Belgien
  • Polen erhält Stimmen aus Irland
  • Albanien erhält Stimmen aus der Schweiz und Italien

Ab und an geht’s auch umgekehrt: 2021 gab’s aus Albanien Stimmen für die Schweiz für Gjon’s Tears.

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Viele westeuropäische Länder monierten alsbald «ein krankes Abstimmungssystem» und überlegten, aus dem Contest auszusteigen. Grossbritannien, Frankreich, Spanien und Co. sind einerseits die grössten Geldgeber bei der European Broadcasting Union EBU, haben aber keine strategischen Partner beim Voting.

Wer gibt wem Punkte: Ungefähr so sieht das bildlich aus.

Wer gibt wem Punkte: Ungefähr so sieht das bildlich aus.

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Professionelle Jurys sollten es richten

Seither wurden die Regelungen bei der Punktevergabe immer wieder adaptiert – ab 2010 wurden professionelle Länderjurys wieder eingeführt, die 50 Prozent der Punktegewichtung ausmachen. Dies sollte einerseits die Sympathiestimmen mindern, andererseits für erhöhte Spannung bei der Live-Punktevergabe am ESC-Final sorgen.

Letzteres klappte anno 2016 bestens: Im klassischen Format trugen alle Länder nacheinander die Punkte der Jury vor. Australien hatte einen komfortablen Vorsprung. Doch die Televoting-Stimmen änderten alles und es kam zu einem Abstimmungs-Krimi, in dem die Ukraine in letzter Minute obsiegte.

So sah die Punktevergabe 2016 aus.

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Sympathien spielen immer noch eine Rolle - aber grenzüberschreitend

Gehört Bloc Voting nun der Vergangenheit an? Immerhin waren in jüngerer Zeit Länder wie Österreich, Italien, Israel oder die Niederlande unter den Siegern. Oder Portugal – zum allerersten Mal. Das Ende des Bloc Votings also? Fertig mit Sympathie-Voten?

Nein. Sympathiepunkte spielen sehr wohl weiterhin eine Rolle. Bloss anders. Weshalb haben 2021 die rabaukigen Teenies von Måneskin gewonnen? Wohl weil Lockdown-bedingt europaweit etliche Bevölkerungsschichten den ESC schauten, die normalerweise im Wochenendausgang unterwegs wären: junge Menschen. Menschen, die eher Rockmusik mögen. Kurzum, Menschen, die sonst sich nicht für den Contest interessieren würden. Sie gaben demjenigen Act den Zuschlag, der ihnen am sympathischen war. Das sind Sympathie-Stimmen.

2022: Sympathiepunkte sind auch OK.

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Und heuer? Uneinholbarer Favorit ist das ukrainische Kalush Orchestra. Und – Hand aufs Herz – wohl kaum ausschliesslich wegen ihres Lieds «Stefania», das ein hyperaktives Durcheinander von Rap, Holzflöte und Klagegesang ist. Objektiv gesehen wäre zum Beispiel «Space Man», der britische Beitrag, eindeutig der bessere Track – ein perfekt geschriebener Popsong. Doch im Jahr 2022 passiert in Europa gerade Wichtigeres, als dass man sich wohligen Popsongs zuwenden möchte. Die flächendeckende Unterstützung für das Kalush Orchestra ist Punktvergabe nach Sympathiebekunden im klassischen Sinn.

Und das ist auch gut so.

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