Kartonkisten sind mehr als nur Verpackung: In stundenlanger Faltarbeit und mit viel Fantasie verwandeln Kinder sie in Autos, Musikinstrumente oder sogar Roboter-Anzüge. Das hat Tradition. Mittlerweile wurde jedoch in vielen Haushalten die Karton- von der Flimmerkiste verdrängt; Videospiele sind fester Bestandteil unseres Alltags geworden. An dieser Entwicklung ist Nintendo nicht unschuldig: Der Game-Hersteller hat mit Super Mario und den Pokémons, mit dem Gameboy und der Wii so manche Kindheit geprägt.

Das neuste Nintendo-Produkt kommt hingegen fast ohne Elektronik aus, setzt stattdessen wieder auf Kreativität und Karton: «Labo» erinnert an Bastelbögen aus der Schulzeit und erweckt selbst gefaltete Autos, Musikinstrumente und Roboter-Anzüge zum Leben. Der japanische Konzern bringt am kommenden Samstag ausnahmsweise kein neues Videospiel auf den Markt, sondern vorgestanzten Karton. Damit diese Bausätze aber ihr volles Potenzial entfalten, muss man sie mit der «Switch»-Konsole kombinieren.

Wieso kostet Karton so viel?

Die Nintendo Switch kam vor einem Jahr auf den Markt und wurde etwas überraschend zum Verkaufshit: Das Gerät besteht aus einem Touchscreen und zwei Controllern, den sogenannten Joy-Cons, welche vom Gerät abgekoppelt und drahtlos genutzt werden können. Auch den neuen Labo-Modellen – Nintendo nennt diese «Toy-Cons» – wird auf diese Weise Leben eingehaucht.

Baut man beispielsweise den mitgelieferten Motorrad-Lenker anhand der digitalen Anleitung zusammen, kann man seine Controller am Schluss bequem in zwei Aussparungen einschieben. Dort registrieren die Joy-Cons dann mithilfe verschiedener Sensoren alle Bewegungen des Lenkers und übertragen diese auf ein Rennspiel, welches auf dem Bildschirm der Switch läuft. So kann man mit dem analogen Karton-Lenker sein digitales Fahrzeug steuern.

Die Funktionalität der Joy-Cons wird bei den mitgelieferten Bausätzen optimal ausgenutzt: Wenn man die Controller beispielsweise in das Karton-Klavier einschiebt, registrieren Sie dort per Infrarotsensor, welche Taste gedrückt wird – die Switch spielt den dazugehörigen Ton. Das Karton-«Auto» hingegen lässt sich steuern, indem man die daran befestigten Joy-Cons ganz gezielt zum Vibrieren bringt.

Im «Variety-Pack», das für rund 70 Franken ab sofort in der Schweiz erhältlich ist, sind insgesamt fünf Bausätze und die dazugehörigen Spiele enthalten. Die einzelnen Konstruktionen sind clever, trotzdem ist der Verkaufspreis erstaunlich hoch, wenn man bedenkt, dass es sich dabei lediglich um Karton und relativ simple Games handelt.

Nintendo rechtfertigt diesen Preis mit dem Ingenieur-Aufwand, der für die Entwicklung von Hard- und Software nötig gewesen sei, zudem auch mit dem lang anhaltenden Spielspass, den die Bausätze garantieren sollen. Die Firma bringt für rund 80 Franken auch noch einen Roboter-Anzug auf den Markt – eine ausgetüftelte Karton-Konstruktion, welche die Schritte und Schläge des Spielers registriert und dann auf einen Roboter im Bildschirm überträgt. Aus Werbevideos geht ausserdem hervor, dass Nintendo bald auch noch weitere Bausätze veröffentlichen könnte; bestätigen wollte das die Firma noch nicht.

«Werkstatt» stösst an Grenzen

Die «Schweiz am Wochenende» konnte Nintendo Labo bereits vor dem Verkaufsstart ausgiebig testen. Die Toy-Cons machten dabei einen guten, vor allem auch einen sehr robusten Eindruck. Das Zusammenbauen ist dank detaillierten Illustrationen auf der Switch kinderleicht und die dazugehörigen Games machen Spass.

Besonders der Roboteranzug hinterlässt Eindruck. Am spannendsten ist jedoch die «Werkstatt» – eine Anwendung, welche ebenfalls mitgeliefert wird und das Kreieren von eigenen Spielen ermöglicht. Das geht ohne Programmierkenntnisse und ist leicht verständlich. Auf diese Weise kann man seine eigenen Games entwickeln und diese entweder mit den mitgelieferten oder mit selbst gemachten Karton-Modellen kombinieren.

Allerdings gelingt es Nintendo mit der «Werkstatt» nicht, die Optionen auszuschöpfen: Die Software ermöglicht zwar das Erstellen von simplen Programmen, bei komplexeren Ideen stösst man jedoch relativ schnell an seine Grenzen. Neben einigen zentralen Programmblöcken fehlen vor allem Funktionen, um eigene Projekte zu exportieren oder die Programme von Freunden zu importieren.

Mit Karton spielen Kinder seit eh und je. Trotzdem ist Nintendo Labo ein innovatives Produkt, das die Brücke schlägt zwischen dem Analogen und dem Digitalen, vielleicht sogar zwischen den Alten und den Jungen.

Nachdem das japanische Unternehmen gezeigt hat, wie sich die Funktionen der Switch-Controller kreativ nutzen lassen, könnten auch andere Firmen dieses Prinzip aufnehmen und darauf basierend neue Produkte auf den Markt bringen. Damit sich die «Labo»-Bausätze nämlich auch wirklich verbreiten, braucht es eine grössere Auswahl an Bastelbögen, tiefere Preise und vor allem spannende Projekte von Hobby-Bastlern. Es ist Fantasie gefragt.