Klingnauer Stausee
Eisvögel mögen die Kälte nicht – unser Reporter hat sie dennoch im Aargau entdeckt

Wenn die Gewässer gefrieren, muss der Eisvogel weiterziehen. Unser Reporter hat in einem Naturschutzgebiet im Aargau dennoch viele der blauen Pfeile gesichtet.

René Fuchs
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Ein Eisvogel am Klingnauer Stausee bei Böttstein.
7 Bilder
Kaum da, schon wieder weg, wie ein blauer Pfeil.
Der Ruf tönt "zii" oder "Zii-ti".
Ein Eisvogel hat einen Fisch erbeutet.
Solche Nebenarme der Aare bilden den Lebensraum für den Eisvoge.
Eine künstlich angelegte Brutwand für den Eisvogel.
Eine künstlich abgestochene Brutwand aus Erde für den Eisvogel am Ufer des gefrorenen Sees. Bei Eis können die Vögeln nicht mehr fischen.

Ein Eisvogel am Klingnauer Stausee bei Böttstein.

Severin Bigler

Ein hohes, durchdringendes «Zii» ertönt, und schon ist das eisblaue Rückengefieder des pfeilschnellen Jägers zu sehen: der Eisvogel, der wegen seiner Farbenpracht als «fliegender Edelstein» bezeichnet wird. Doch, wo ist er jetzt? Trotz seiner Farbensymphonie aus Blau- und Türkistönen im Rücken- und Kopfgefieder, die das rostrote Bauchgefieder kontrast- ieren, ist er im Uferbereich gut getarnt. Im Wechselspiel aus Licht und Schatten lösen sich seine Konturen regelrecht auf. Es braucht Geduld, ein waches Ohr und den Blick auf geeignete Ruheplätze, wie etwa Äste nahe der Wasseroberfläche. Von dort startet er seine schnellen Sturz- und Tauchflüge, um Kleinfische oder Insekten zu erhaschen.

Der Klingnauer Stausee im Aargau ist mit seinen Auenwäldern, Biotopen und Entwässerungskanälen ein ideales Winter- und Brutquartier für Eisvögel. Dramatisch wird es aber, wenn Wasserflächen tagelang eisbedeckt sind und keine Jagd ermöglichen. Denn seine Nahrung fängt der Eisvogel fast ausschliesslich unter der Wasseroberfläche. Er frisst mit 14 bis 25 Kleinfischen pro Tag über die Hälfte seines Körpergewichts von rund 40 Gramm.

Das freut auch einen Pressefotografen: Auf Reportage am Klingnauer Stausee gelangen gute Vogel-Schnappschüsse.

Das freut auch einen Pressefotografen: Auf Reportage am Klingnauer Stausee gelangen gute Vogel-Schnappschüsse.

Severin Bigler (Böttstein, 13. Januar 2021

Bis zu 80 Prozent verhungern in harten Wintern

Friert das Gewässer zu, muss er sein Revier bereits nach zwei Tagen verlassen und nach Ersatz suchen. In einem strengen Winter verhungern dann viele Vögel. Im Extremfall kann die Population gar um 80 Prozent abnehmen. Es braucht darauf mehrere milde Jahre, bis sich der Bestand erholt hat. Eisvögel lieben kein Eis. Wahrscheinlich stammt ihr Name vom altdeutschen «eisan» ab, was «schillern» oder «glänzen» bedeutet, oder vom Begriff «Eisenvogel». Das rostfarbene Bauchgefieder könnte dazu eine Inspiration gewesen sein.

Rund um den Vogelbeobachtungsturm am Klingnauer Stausee, nahe beim BirdLife-Naturzentrum, sind an diesem sonnigen Wintertag viele «Birder» unterwegs, also Vogelbeobachter und -beobachterinnen. Der Stausee ist als Wasser- und Zugvogelreservat international bekannt. Über 310 verschiedene Vogelarten konnten schon nachgewiesen werden. Auch an diesem Nachmittag ist es möglich, einen der seltenen Seidenreiher, Grosse Brachvögel oder gar eine Rohrdommel im Schilf zu fotografieren.

CH Media

Doch wir suchen den kleinen schillernden Vogel. Petra Zajec, Leiterin des Naturzentrums, kennt die bevorzugten Revierplätze der Eisvögel: «Ideal ist die Umgebung von Biberbauten oder Einbuchtungen in kleineren Gewässern.» Wir werden bald fündig. In der Mitte eines renaturierten Entwässerungskanals pfeilt ein Eisvogel mehrmals von einem umgestürzten Nadelbaum zu einem Felsbrocken und zurück. Plötzlich wippt er auf einem kleineren Ast, hebt ab und stürzt sich kopfvoran ins Wasser. Bevor er seine Beute erreicht, bremst der Vogel den Tauchgang mit seinen Flügeln und Füssen ab und schnappt mit seinem kräftigen, langen Schnabel zu.

An die Oberfläche kommt er wieder dank des Auftriebs und allenfalls mit ein bis zwei Flügelschlägen. Er betäubt den Kleinfisch mit mehreren Schlägen an einen Ast und verschlingt ihn kopfvoran. Und schon ist der «fliegende Edelstein» wieder unterwegs. Die Schuppenreste seiner Beutetiere wird er später mit einem Gewölle ausscheiden.

Bald beginnen die Revierkämpfe

«Die interessanteste Beobachtungszeit steht aber erst bevor», erklärt Petra Zajec. Im Februar und März finden Revierkämpfe und die Balz mit Verfolgungsflügen statt. Als Hochzeitsgeschenk überreicht das Männchen seiner Auserwählten mehrere Fische. Das Ritual fördert die Bindung und schont die Kräfte des Weibchens, das Anfang April innerhalb einer Woche bis zu sieben Eier legt. Laut der Vogelwarte Sempach leben 400 bis 500 Brutpaare in der Schweiz.

Nur entlang von Gewässern mit natürlichen Steilufern finden die spezialisierten Baumeister gute Bedingungen für ihre Bruthöhlen vor. Dass an vielen Orten von Natur- und Vogelschutzvereinen, wie hier am Erlebnispfad, künstliche Brutwände aufgebaut worden sind, freut Petra Zajec: «Verbaute Gewässer bringen weder dem Hochwasserschutz noch der Natur etwas.» In den letzten Jahren gab es dank der Anstrengungen eine positive Entwicklung bei der Anzahl Bruten.

So gelingt eine Sichtung

Auf den Ruf «zii» oder zweisilbig «zll-ti» hören.

Den Blick auf die Wasseroberfläche richten (Eisvögel fliegen oft niedrig über dem Wasser).

Die Sitzplätze am Wasser ausfindig machen.

Sich in Geduld üben, denn häufig kommt der Eisvogel an den gleichen Ort zurück. F

eldstecher/ Fernrohr bereithalten.

Wege nicht verlassen, Ver-stecke nutzen und sich ruhig verhalten.

Gefüttert wird immer der vorderste Vogel in der Röhre

In steilen Lehm- oder Sandwänden, gut ein bis vier Meter über dem mittleren Wasserstand, graben die Vögel mit ihren Schnäbeln und Beinen röhrenartige 50 bis 90 Zentimeter tiefe Nisthöhlen. Nach einer Brutzeit von 21 Tagen schlüpfen die Jungen. Gefüttert wird immer der Jungvogel, der am Ausgang der Brutkammer sitzt. Darauf dreht er sich um, kotet aus und rutscht wie auf einem Karussell nach hinten.

Doch die Fütterung zu beobachten, ist nicht einfach. Altvögel zielen nicht direkt die Bruthöhle an, sondern begeben sich erst gut getarnt und mit Zwischenflügen dorthin.

Derweil auf der Kanalstrasse Spaziergänger und Velofahrer sich kreuzen, Hobby-Ornithologen begeistert von ihren Vogelbeobachtungen berichten, ist einer der blauen Pfeile schon wieder unterwegs. Ständig muss er mit seinem geringen Fettvorrat auf Nahrungssuche, um den Winter zu überleben. Wenn die Tage im Lenz länger werden, geht’s vielleicht sogar wieder zurück nach Russland, in die Ukra­ine oder ins Baltikum: Einige der Eisvögel sind Wintergäste in der Schweiz.