Spiritualität
Gregorianik: Die Herausforderung liegt in der Einfachheit

Während seines Studiums hat Philipp Emanuel Gietl die Gregorianik für sich entdeckt. Der Kirchenmusiker aus Luzern leitet heute unter anderem die Choralschola St. Johannes Zug, die das uralte Kulturgut auf hohem Niveau praktiziert.

Andreas Faessler
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Gregorianische Choräle gehen mit viel Mystik einher und führen einem unweigerlich das Bild erhabener romanischer oder gotischer Klostergewölbe vor Augen, die vom charakteristischen, einstimmigen Mönchsgesang durchdrungen sind. Ein Revival der besonderen Art erfuhr der sakrale Gesang des Mittelalters mit seinem Einzug in die elektronische Musik der frühen 1990er-Jahre, allem voran bei Michel Cretu alias «Enigma». Vielseitige Verwendung fand und findet die Gregorianik zudem im Kontext mit Meditation und Entspannungstechniken.

Philipp Emanuel Gietl in der Pfarrkirche Adligenswil. Das Herz des Organisten schlägt für die Gregorianik.

Philipp Emanuel Gietl in der Pfarrkirche Adligenswil. Das Herz des Organisten schlägt für die Gregorianik.

Bild: Manuela Jans-Koch (18. Februar 2022)

Das gesungene Wort Gottes

Benannt nach Papst Gregor dem Grossen (540–604), wird der ­einstimmige, traditionell ohne instrumentale Begleitung prak­tizierte Gesang seit dem Früh­mittelalter als gesungenes Wort Gottes definiert. Und abseits von seiner gelegentlichen kommerziellen Verwendung in der ­Popkultur wird der uralte Chor­gesang bis heute in seiner ursprünglichen, unverfälschten Form gepflegt, beispielsweise von eigens darauf spezialisierten sogenannten Choral­scholae, die zumeist aus Männern bestehen. Eine diese Formationen ist die Choralschola St.Johannes in Zug. Sie existiert seit knapp 40 Jahren, setzt sich aus interessierten Sängern des St.-Johannes-Chores zusammen, praktiziert die traditionellen gregorianischen Gesänge regelmässig und gestaltet damit jährlich einige Gottesdienste.

Geleitet wird die Choralschola St.Johannes von Philipp Emanuel Gietl. Der gebürtige Süd­tiroler ist 30 Jahre alt, hat in ­Regensburg Kirchenmusik sowie Orgel studiert, 2018 in Luzern den Master of Arts in Kirchenmusik mit Hauptfach Orgel und 2020 den Master Solo Performance Orgel abgeschlossen. Wie kommt ein junger Mann dazu, sich auf mittelalterlichen Mönchsgesang zu spezialisieren?

«Tatsächlich sucht man sich als Student zunächst wohl etwas ‹Aufregenderes› als eine uralte Musikform wie diese»,

sagt Gietl. «Als ich mich im Rahmen meines Studiums in Regensburg – motiviert durch einen hervorragenden Dozenten – schliesslich ­intensiver mit der Gregorianik beschäftigt habe, übte sie eine zunehmende Faszination auf mich aus.» Diese lag für den damals angehenden Berufsmusiker zum einen in ihrer bestechenden Einfachheit und der dadurch erreichbaren Wirkung, wie er sagt. «Zum anderen erkannte ich, wie herausfordernd eine authentische Wiedergabe gregorianischer Choräle ist, denn deren Einstimmigkeit ist anspruchsvoller als die Interpretation mehrstimmiger Chorliteratur. Man hört selbst den kleinsten Fehler.»

Gietl stellte sich schliesslich ­dieser Herausforderung und intensivierte seine Auseinandersetzung mit der uralten Praxis. «Ebenfalls spannend an der ­Materie – und eminent wichtig – ist die sehr präzise musikalische Anweisung und der darin klar ­definierte Wort-Ton-Bezug.»

Raum für Kreativität

Von den aktuell knapp zehn Sängern in Zug sind einige seit Gründung der Schola mit dabei und bis heute unvermindert motiviert, den Gesang auf hohem Niveau zu praktizieren und zu pflegen – für Gietl ein fruchtbarer Nährboden, auch für das Experimentieren mit Neuem, denn dafür bietet selbst eine so klar definierte, Jahrhunderte alte Musikform Spielraum.

«Der Umgang mit der Gregorianik ist in den letzten Jahren kreativ geworden»,

weiss Gietl. Das betrifft unter anderem die Besetzung: Gregorianische Gesänge funktionieren nämlich durchaus auch mit einer Instrumental­begleitung wie beispielsweise einem Saxofon. «Dessen Ton ist der menschlichen Stimme ähnlich. Damit lässt sich sehr gut ­experimentieren», erklärt Gietl. Auch weitere Varianten stehen offen, mittels derer die Gregorianik aus ihrem traditionellen Korsett gelöst werden kann – «ohne dass es auf Kosten des Respekts gegenüber der Materie geht», betont der Musiker. Allen Arten der Wiedergabe gregorianischen ­Gesangs ist eines gemein: die zutiefst mystische, sphärische Stimmung, welche bei den Ausführenden intensive Empfindungen hervorrufen kann, wie man aus den Reihen der Choralschola ­vernimmt. Von «erhabenen Glücksgefühlen» ist die Rede, von Rührung, aber auch vom Reiz der Herausforderung, ein homogenes Klangbild zu erreichen.

Wer in die Praxis eintauchen möchte...

Im laufenden Jahr stehen wieder einige Gottesdienste an, welche durch die Choralschola St.Johannes musikalisch gestaltet werden. Wie es bei Vereinen und Chorformationen häufig der Fall ist, ist man auch hier auf der Suche nach Nachwuchs oder zumindest motivierter Verstärkung. Männer, die den Luzerner und seine eingespielte Schola für die kommenden Gottesdienste unterstützen möchten, sind eingeladen, an den bald ­beginnenden Proben in Zug teilzunehmen. «Es braucht keine fundierten Kenntnisse im Notenlesen», sagt Gietl dazu. «Die einstimmige Gesangspartitur ist einfach zu lesen. Es reicht eine kurze Einführung. Die Materie ist für alle zugänglich.»

Interessierte mögen sich bis 1. März melden per Mail unter philipp.gietl@kath-zug.ch oder telefonisch via 077 266 18 22.

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