Skandalautor Michel Houellebecq erinnert sich an seine Kindheit und rechnet mit seiner Mutter ab

Ein Vorabdruck
Skandalautor Michel Houellebecq erinnert sich an seine Kindheit und rechnet mit seiner Mutter ab

Bild: Keystone

In einem erstmals auf Deutsch erschienenen Text erklärt Michel Houellebecq die Beziehung zu seiner Mutter. Und erklärt, weshalb ihn noch heute ein Trauma aus der Kindheit behindert.

Michel Houellebecq
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An Bezügen zu seinem eigenen Leben fehlt es in seinen Romanen nicht. Wirkliche autobiografische Texte hat der Starautor Michel Houellebecq aber nur wenige geschrieben, etwa ein paar Tagebucheinträge im Jahr 2005. Nun erscheinen sie ­zusammen mit anderen Texten zum ersten Mal auf Deutsch im von Agathe Novak-Lechevalier herausgegebenen Band «Michel Houellebecq». Die «Schweiz am Wochen­ende» druckt den Eintrag vom 20. August 2005 ab. Es ist drei Uhr morgens, Houellebecq hat seinem Verleger gerade das Manuskript zu seinem Roman «Möglichkeit einer Insel» geschickt und ist überzeugt, ein «Meisterwerk» abgeliefert zu haben.

Ich wurde 1956 oder 1958 geboren, ­genau weiss ich das nicht. Wahrscheinlicher ist 1958. Meine Mutter hat mir immer erzählt, sie habe meine Geburtsurkunde gefälscht, damit ich schon mit vier Jahren und nicht erst mit sechs Jahren hätte eingeschult werden können. Ich vermute, damals gab es noch keine Vorschule. Sie hatte sich eingeredet, ich sei hochbegabt, denn anscheinend hatte ich mir im Alter von drei Jahren mit Kinderwürfeln das Lesen selbst beigebracht, und als sie eines Abends nach Hause kam, traf sie mich zu ihrer Überraschung dabei an, wie ich in aller Ruhe die Zeitung las.

Es besteht kein Zweifel daran, dass sie über die Möglichkeiten verfügte, es zu tun: Die Personenstandsurkunden waren handschriftlich und unpräzise, und damals auf La Réunion gehörte sie nun wahrlich zu den Honoratioren, verfügte über Beziehungen zu einflussreichen Personen (eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist die an einen Empfang auf einem riesigen Anwesen mit üppigen Pflanzen, weiss gekleideten Dienern, einem privaten Kinosaal, wo man uns Zeichentrickfilme vorgeführt hatte... eine Filmszene).

Zweifelhafter hingegen ist, dass ihre Absichten so edel waren, wie sie behauptete; meine Mutter beherrschte schon immer die Kunst, die Dinge zu ihrem Vorteil darzustellen. Ich erinnere mich, wie sie bei einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich es gewagt hatte, ihr – vorsichtig – vorzuwerfen, dass sie sich während meiner Kindheit möglicherweise nicht genügend um mich gekümmert habe, ihre Jahre als Ärztin auf La Réunion in wahrhaft heldenhaftes Licht rückte.

In ihrer Darstellung war sie eine Art Ärztin der Armen gewesen, eine Mutter Teresa der Medizin, die nie auch nur einen Augenblick gezögert hatte, mitten in der Nacht aufzustehen, um eine schwarze Frau in ihrer entlegenen Hütte in den Bergen zu entbinden (Beschreibungen der von Unwettern ­ausgewaschenen Strassen, der Fahrten mit dem Land Rover nahe am Abgrund mit eingeschlossen). Später sollte ich erfahren, dass sie in Wahrheit vor allem Vertretungen übernommen und pro Jahr sechs Monate Urlaub gemacht hatte. Danach liess sie ihre berufliche Karriere ganz ruhig als Amtsärztin ausklingen.

Es ist also durchaus vorstellbar, dass sie mich nicht deshalb zwei Jahre älter gemacht hat, um zu verhindern, dass bürokratische Hemmnisse die Entwicklung eines aufkeimenden Genies ersticken, sondern um mich ein wenig schneller loszuwerden.

Seiner Mutter Lucie Ceccaladi spricht Michel Houellebecq eine hohe Intelligenz, aber wenig Herz zu.

Seiner Mutter Lucie Ceccaladi spricht Michel Houellebecq eine hohe Intelligenz, aber wenig Herz zu.

Bild: Dukas

«Ich war mit Abstand der attraktivste Junge»

Dabei wäre ich durchaus geneigt, an ihre Aufrichtigkeit zu glauben. Meine Mutter war eine äusserst vielschichtige, talentierte, zum Neurotischen neigende Person voller Widersprüche; aber es gibt einen Punkt – womöglich ist es der einzige Punkt –, in dem alle Aussagen über sie übereinstimmen: Sie empfand grossen Respekt, einen riesigen und übertriebenen Respekt vor Intelligenz.

Sie selbst war ausserordentlich intelligent, und ihr Studium (das sie mit Bravour abgeschlossen hatte) ermöglichte es ihr, dem Schicksal des «Hausfrauendaseins», das sie verabscheute, zu entgehen und ein unabhängiges und freies Leben zu führen. Ihre Freude über einen Sohn, bei dem einiges darauf hindeutete, dass er ihre intellektuellen Fähigkeiten geerbt hatte, war zweifellos aufrichtig.

Ich muss zugeben, dass mir diese Geschichte vom hochbegabten Jungen ziemlich gut gefiel; ich erinnere mich noch, wie ich in der Abiturklasse Intelligenztests (gegen die damals noch kein Verdacht ideologischer Befangenheit bestand) für mich entdeckte. Ich erinnere mich an meine grosse Freude über meine mehr als 140 Punkte und meine Suche nach anderen Tests, um noch ein paar zusätzliche Punkte zusammenzukratzen und 150 Punkte zu erreichen.

Im Rückblick empfinde ich das als jämmerlich und auch ein wenig ergreifend, da mir bewusst wird, dass ich mir seit meinem fünfzehnten Lebensjahr eine Persönlichkeit zusammengebastelt habe: diejenige eines überlegenen Wesens, das zwar mit Leichtigkeit in den hohen Sphären des Geistes schwebt, dessen Verhältnis zu anderen Menschen und insbesondere zu Mädchen jedoch aufgrund seiner entsetzlichen physischen Komplexe schwer gestört ist. Wieso diese eigenartige Entscheidung? War es überhaupt eine Entscheidung?

Als ich kürzlich ein Foto aus ­dieser Zeit wiederfand, auf dem ich inmitten einer Gruppe von Jungen und Mädchen zu sehen bin, war ich regelrecht erschrocken darüber, festzustellen, dass ich mit Abstand der attraktivste Junge der ganzen Truppe war. Ich war nicht nur hübsch, sondern darüber hinaus war ich auch noch süss, sah aus wie ein kleiner Hippie, ein kleiner Dandy, was damals ziemlich in war; mit meinen blauen Augen und meiner Jacke aus afghanischem Ziegenhaar finde ich mich selbst wirklich bezaubernd.

Das Komischste (oder – je nachdem, wie man es betrachtet – das Tragischste) ist, dass es mir letztlich gelungen ist, genau die Persönlichkeit zu werden, die ich mir dreissig Jahre zuvor zusammengebastelt hatte. Auf ­aktuellen Fotos sehe ich meistens tatsächlich fürchterlich aus; und meine intellektuellen Fähigkeiten habe ich dergestalt entwickelt, dass ich – falsche Bescheidenheit vorzutäuschen halte ich hier für unnötig – zu einem der begabtesten Schriftsteller meiner Generation geworden bin.

Mit der Chinesin Qianyum Lysis Li ist Michel Houellebecq verheiratet. Sie ist bereits seine dritte Ehefrau.

Mit der Chinesin Qianyum Lysis Li ist Michel Houellebecq verheiratet. Sie ist bereits seine dritte Ehefrau.

Bild: Getty

«Bis zu meinem Tod bleibe ich ein vernachlässigtes Kleinkind»

Es gibt einen Punkt, einen einzigen Punkt, bei dem ich damals überhaupt nicht übertrieben habe und der auch noch nach mehr als dreissig Jahren schrecklich offensichtlich ist: meine ­unglaubliche, meine anormale Empfindsamkeit; meine unkontrollierbare Emotionalität; meine erschütternde Verwundbarkeit vor allem auf der Gefühlsebene, die natürlich erklärt, warum ich den Weg eingeschlagen habe, mir diese Rolle zusammenzubauen, die einzige, die meine Schüchternheit mir zu spielen erlaubte.

An dieser Stelle muss ich ein letztes Mal meine Mutter erwähnen – und ich hoffe, dass es nun wirklich das letzte Mal ist und sich keine Gelegenheit mehr für mich ergibt, nochmals von ihr zu reden; auf dass wir beide, jeder für sich, in Frieden ruhen können. Was jetzt folgt, mag hart erscheinen, doch bevor man ein Urteil über sie spricht, muss man an ihren übermässigen Respekt vor der Intelligenz erinnern, dem eine gewisse Verachtung für Gefühlsseligkeit entsprach; man muss sich in Erinnerung rufen, dass sie der Intelligenz die Rettung ihres eigenen Lebens verdankte. Sie hat mir einfach das gegeben, von dem sie glaubte, es wäre das Beste für mich; sie hat sich geirrt, das ist alles.

Agathe Novak-Lechevalier (Hrsg.): «Michel Houellebecq». Dumont-Verlag, 592 Seiten.

Agathe Novak-Lechevalier (Hrsg.): «Michel Houellebecq».
Dumont-Verlag, 592 Seiten.

Bild: zvg

Als Baby hat mich meine Mutter nicht genügend gewiegt, gehätschelt, liebkost; sie war schlichtweg nicht zärtlich genug; das ist alles und erklärt den Rest sowie einigermassen meine gesamte Persönlichkeit, jedenfalls ihre schmerzhaftesten Seiten... Noch heute leide ich ganz schrecklich, unerträglich darunter, wenn eine Frau mich nicht berühren, nicht liebkosen möchte; es schmerzt mich zutiefst, erschüttert mich und ist so entsetzlich für mich, dass ich, bevor ich dieses Risiko eingehe, immer lieber alle Verführungsversuche unterlassen habe.

Der Schmerz ist in diesen Momenten so heftig, dass ich ihn noch nicht einmal genau beschreiben kann; seine Heftigkeit übersteigt alle seelischen und nahezu alle physischen Schmerzen, die ich jemals erfahren habe; in diesen Momenten habe ich das Gefühl zu sterben, buchstäblich vernichtet zu werden. Das Phänomen ist einfach, nichts erscheint mir einfacher erklärbar und deutbar; ich glaube auch, dass es sich um einen unheilbaren Schmerz handelt. Ich habe es versucht.

Die Psychoanalyse hat seit je ihre Machtlosigkeit im Kampf gegen derartig tief verwurzelte Krankheiten erklärt; doch eine Zeit lang habe ich gewisse Hoffnungen an Rebirthing und Urschrei geknüpft ... Ohne jeden Erfolg. Jetzt habe ich die Gewissheit: Bis zu meinem Tod bleibe ich ein vernachlässigtes Kleinkind, das, hungrig nach Zärtlichkeit, vor Angst und Kälte schreit.

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