Religion
Bethlehem feiert dreimal Weihnachten

Die Mehrheit der Bewohner Bethlehems feiert das Geburtsfest Jesu am 7. Januar, denn orthodoxe Christen orientieren sich am julianischen Kalender. Doch neben der Festfreude plagen sie auch einige Sorgen.

Benno Bühlmann
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Faten Mukarker (65) ist christliche Palästinenserin und lebt seit mehr als 40 Jahren mit ihrer Familie in Bethlehem. Sie kann nicht ganz verhehlen, dass sie auch ein bisschen stolz ist, an diesem Ort wohnhaft zu sein: «Natürlich ist es für mich etwas Besonderes, heute in dieser Stadt leben zu dürfen und auch in Bethlehem geboren zu sein.»

Selbstredend ist das Geburtsfest Jesu hier ein sehr wichtiges Ereignis, das sogar dreimal nacheinander gefeiert wird, weil sich die verschiedenen Konfessionen nie auf einen gemeinsamen Kalender einigen konnten. Nach westlicher – katholischer – Tradition wird das Weihnachtsfest am 25. Dezember begangen, die griechisch-orthodoxen Christen hingegen feiern das Fest der Geburt Jesu am 7. Januar und die Armenier am 18. Januar.

Die christliche Palästinenserin Faten Mukarker lebt sie vielen Jahren in Bethlehem.

Die christliche Palästinenserin Faten Mukarker lebt sie vielen Jahren in Bethlehem.

Bild: Benno Bühlmann

Trauriger Exodus der Christen

Die Feierlaune wird allerdings getrübt: Die Zukunftsperspektiven sehen für viele Familien düster aus, weshalb die christliche Bevölkerung in Bethlehem in den letzten Jahren drastisch geschrumpft ist. Waren vor 50 Jahren noch rund 80 Prozent der Menschen in Bethlehem christlichen Glaubens, so sind es heute nur noch rund 22 Prozent der rund 33'000 Einwohner, während die überwiegende Mehrheit inzwischen muslimischen Glaubens ist.

«Da sagt mir mein Sohn, der heute in Amerika lebt, dass ich nach Amerika auswandern soll, weil es für die Menschen in Palästina keine Zukunft geben könne», erzählt Faten Mukarker. «Darauf entgegne ich ihm: Nein, es muss einen Sinn haben, dass ich hier geboren, danach in Deutschland aufgewachsen und wieder nach Bethlehem zurückgekehrt bin. Es scheint mir wichtig, dass die wenigen noch in Bethlehem lebenden Christen weiterhin an diesem Ort bleiben und mit ihrer Präsenz die heiligen Stätten beleben.» Andernfalls werde das Heilige Land bald zu einem reinen «Disneyland» für Touristen. Soweit dürfe es aber nicht kommen.

Das Problem sei keineswegs der muslimische Teil der Bevölkerung, denn das Zusammenleben von Muslimen und Christen sei geprägt von gegenseitiger Achtung, betont Faten Mukarker: «An grossen Festtagen besuchen wir uns gegenseitig in der Nachbarschaft und überbringen unsere Glückwünsche – das gilt für Weihnachten oder Ostern ebenso wie für das Opferfest oder Ramadan.» Während der Weihnachtszeit ist Bethlehem normalerweise Anziehungspunkt für unzählige Touristen, die eigens für das Geburtsfest hierher kommen, doch noch immer ist alles anders. Zwar steht auf dem Platz vor der Geburtskirche wie üblich die mächtige Tanne, die mit Lichterketten und zahlreichen roten Kugeln geschmückt ist, doch es fehlen leider die auswärtigen Besucherinnen und Besucher, die sie bestaunen können.

Denn seit Ausbruch der Coronapandemie ist Bethlehem gänzlich abgeriegelt, weshalb die Händler und Souvenirverkäufer vergeblich auf Kundschaft warten und je länger je mehr mit ernsten Existenzsorgen belastet sind. «In Bethlehem bleiben derzeit zahlreiche Familien, die seit vielen Jahren auf das Schnitzen von Weihnachtskrippen aus Olivenholz spezialisiert sind, auf ihren Kunsthandwerkerzeugnissen sitzen», erzählt Faten Mukarker. Sie selber engagiert sich seit vielen Jahren als Reiseführerin und Friedensaktivistin und leidet ebenfalls darunter, dass ihre Dienstleistungen aufgrund der coronabedingten Touristenflaute kaum nachgefragt werden. «2019 freuten wir uns noch über ein Rekordjahr, denn damals waren die Hotels in Bethlehem auf ein Jahr hinaus fast ausgebucht. Doch was dann folgte, war dann leider ein Rekordverlust.»

Psychologische Hilfe für traumatisierte Menschen

Die schwierige Situation der Menschen in Bethlehem bekommt im Alltag auch die Tochter Ursula Mukarker zu spüren, die nach einer psychologischen Ausbildung in Deutschland nach Bethlehem zurückkehrte und heute als Therapeutin in einem vor zehn Jahren eröffneten Trauma-Hilfezentrum («Wings of Hope») inmitten der Altstadt von Bethlehem arbeitet. Hier betreut sie Menschen, die nach Gewalterfahrungen – oftmals als Folge der langjährigen israelischen Besatzung – traumatisiert und mit vielfältigen Beschwerden wie Albträumen, Depressionen oder Flashbacks konfrontiert sind. Die zusätzlichen Abriegelungen während der Coronapandemie hätten die Ängste vieler Menschen in Palästina nochmals verstärkt, weshalb das Hilfezentrum aktuell noch mehr Therapien zu bewältigen habe als sonst.

Prekäre medizinische Situation

Hinzu kam, dass in Bethlehem lange Zeit kein Impfstoff verfügbar war. Den Schwiegervater von Ursula Mukarker hatte eine Ansteckung mit dem Coronavirus sehr schlimm getroffen. Da das Krankenhaus in Bethlehem für schwierige Fälle nicht ausgestattet war, blieb für die Familie als einzige Hoffnung ein Krankenhaus im acht Kilometer entfernten Jerusalem. Vorerst war aber noch eine Sondergenehmigung der israelischen Militärverwaltung notwendig – und der Schwiegervater musste bei den Familienangehörigen als Vorabzahlung noch einen Geldbetrag von umgerechnet 7000 Euro (entspricht in Bethlehem in etwa einem Jahreslohn) organisieren, um im Spital überhaupt behandelt zu werden.