Anders als auf den zahlreichen Bildern sieht die Brille in echt eigentlich ganz chic aus. Der Blondine vor mir steht das weisse Kunststoffgestell ohne Gläser auf jeden Fall sehr gut. Mit der Kameralinse, die in den Brillenbügel eingelassen ist, und dem kleinen spiegelartigen Display vor dem rechten Auge sieht sie aus wie eine Schönheit aus einem Science-Fiction-Film. Eine Botschafterin aus der Zukunft.

Sie überreicht mir ein Exemplar der Datenbrille – allerdings eines mit einem roten Bügel. Später bestätigt ein Blick in den Spiegel meine Vermutung: Mit diesem roten Gestell sieht ein Mann ziemlich doof aus. Aber es geht ja auch nicht primär darum, wie man damit aussieht, sondern was man damit sieht.

Der erste Eindruck: Der kleine Bildschirm rechts oben ist falsch platziert, wie ein Autorückspiegel, der zu hoch eingestellt ist. Um die darauf angezeigten Informationen sehen zu können, muss ich immer unnatürlich in die Luft blicken. Daran gewöhnt man sich aber. Mit dem Sprachbefehl «ok glass» aktiviere ich die Brille. Das klappt prima. Auch die anderen Funktionen lassen sich gut per Sprachkommando bedienen. Ich sage: «Okay glass, take a picture» (Deutsch versteht die Brille noch keines) und die Brille knipst ein Foto von der blonden «Cyborg-Dame» vor mir. Dann befehle ich: «Record a video» und die Brille nimmt auf, was ich gerade sehe.

Wer will, kann das Gadget auch mit sanften Wischbewegungen über den rechten Kunststoffbügel bedienen. Dabei merken die Personen vor einem nicht, was man gerade mit seiner Datenbrille tut – ob man ein Video schaut (auch das geht) oder ein Video von ihnen aufnimmt. Sie realisieren höchstens, dass man etwas tut, wenn man am Bügel herumfingert oder nach rechts oben schaut. Das ist der Grund, warum die Brille vielen suspekt ist.

Darauf hat Google mittlerweile reagiert und Benimmregel formuliert. Man soll damit keine Fotos und Videos von anderen Personen ohne deren Erlaubnis machen und man soll die Brille in einem Restaurant ablegen, wenn das gewünscht wird, empfiehlt Google.

Ans Ablegen der Brille denke ich momentan nicht. Stattdessen probiere ich weitere Funktionen aus. Etwa die Internetsuche. Ich sage: «Ok glass, search for google glass.» Kurze Zeit später habe ich den Wikipedia-Eintrag zu «Google Glass» geöffnet, der auf dem kleinen Bildschirm angezeigt wird. Durch die geringe Distanz zum Auge ist die Schrift aber genug gross, damit ich sie lesen kann. Doch wirklich angenehm ist das Lesen so nicht, weil man ständig nach rechts oben schauen muss – was sich ein bisschen anfühlt wie schielen. Durch eine Kopfbewegung von oben nach unten kann man durch den Text scrollen – auch wenn das wohl von aussen etwas komisch aussehen mag, funktioniert das ganz gut.

Dennoch: Längere Texte möchte ich so nicht lesen, da ist ein Smartphone oder ein Tablet praktischer. Für kurze Informationen könnte die Brille aber nützlich sein. Etwa wenn einem Google Glass Erläuterungen zu Namen und Begriffe einblendet, die während eines Gesprächs fallen.

Das aber kann Google Glass noch nicht. Dafür weist die Brille seinen Träger den Weg durch eine unbekannte Stadt – so wie das Google Maps auf dem Smartphone auch kann. In dieser Angelegenheit könnte die Brille die bessere Alternative zum Handy sein, werden die Navigationsanweisungen doch direkt ins Blickfeld eingeblendet, sodass man nicht ständig mit dem Smartphone vor der Nase herumlaufen muss.

Ein faszinierendes Stück Technik ist Google Glass zweifelslos. Doch ob die Datenbrille unsere Gesellschaft auch so rasch durchdringen wird wie das Smartphone, ist fraglich. Denn zum einen ist das Smartphone für vieles weiterhin das praktischere Gadget. Zum anderen exponiert man sich ziemlich stark, wenn man mit einer solchen Brille herumläuft, was nun mal nicht jedermanns Sache ist. Und überhaupt: Will man das gleiche Stück Plastik im Gesicht tragen wie Hunderttausende andere auch? Wohl kaum. Deshalb entwickelt Google derzeit mit Ray-Ban und Oakley neue, modischere Brillengestelle.

Vermutlich ist es die Strategie von Google, die Gesellschaft sachte an das neue Produkt heranzuführen. So gibt es dann Google Glass auch erst übers Internet zu kaufen – für 1500 Dollar. Der Hersteller betont, dass dies noch nicht die finale Version sei. Diese dürfte frühestens Ende Jahr in den Verkauf kommen und wesentlich billiger sein. Ein Markt gibt es dafür bestimmt. Etwa für Sicherheitspersonal, für Outdoor-Sportler oder auch für Chirurgen. Die Frage ist nur, ob es sich auch als Gadget für jedermann etablieren kann.