Digital-Trend
Der Pfirsich in Facebooks Schatten

Selten wurde ein neues soziales Netzwerk so stark gehypt wie Peach. Während Facebook immer seriöser und öder wird, lockt die neue App mit Zauberwörtern. Wir haben sie ausprobiert.

Raffael Schuppisser
Drucken
Teilen
Selten wurde ein neues soziales Netzwerk so stark gehypt wie Peach.

Selten wurde ein neues soziales Netzwerk so stark gehypt wie Peach.

Als Facebook vor ein paar Jahren gross wurde, befürchteten Kulturpessimisten und besorgte Eltern eine «Verdummung». Ferienfotos, Grüsse an Freundinnen und witzige Filmchen – wichtig waren die Inhalte wirklich nur selten. Wir verteidigten dann dass Netzwerk gerne: Man könne das Medium auch anders nutzen. Nämlich um relevante Nachrichten mit der Welt zu teilen.

Genau das ist mittlerweile passiert. In der Timeline auf Facebook dominieren Links zu Zeitungsartikeln und Blogbeiträgen über Flüchtlinge und Sexismus. Und darunter finden nicht selten sogar ganz ansprechende politische Diskussionen statt. Facebook ist relevant geworden. Und damit auch ein bisschen öde.

Wo sind all die witzigen Katzenvideos geblieben? Wo die doofen Bilder? Und vor allem: Wo die eigenen kreativen Ergüsse der Nutzer? Es ist Zeit für ein neues soziales Netzwerk.

Das hat sich auch Dom Hofmann gedacht und die Applikation Peach entwickelt. Seit wenigen Tagen erst gibt es die App fürs iPhone und schon scheinen alle Techies auf «Pfirsich» zu stehen.

In der Tat: Die App nutzt ein gewitztes Konzept. Man kann nicht nur Bilder und Textbotschaften veröffentlichen, sondern sich auch mithilfe von sogenannten «Magic Words» mitteilen. Diese Zauberwörter funktionieren wie Eingabebefehle. Wer «here» eintippt, veröffentlicht seinen momentanen Standort, wer «weather» schreibt, postet eine Grafik mit dem derzeitigen Wetter, und bei «draw» kommt ein weisses Blatt zum Vorschein, auf das man etwas zeichnen kann.

Babys machen Bauchtanz

Das Coolste an Peach sind aber die GIFs, die man auf einfache Art und Weise erzeugen kann. Die Minifilmchen, aus wenigen Einzelbildern zusammengesetzt, stammen aus einer Zeit, als die Kapazität des World Wide Webs noch zu gering war für Videoclips, und erleben derzeit gerade ein Revival.

Denn auf Endlosschleife geschickt wirkt irgendwie alles komisch – egal, ob ein Baby Bauchtanz macht oder Barack Obama Mitt Romney die Hand schüttelt. Tippt man «gif» ein und dann ein Wort (z.B. «cats») lassen sich dazu passende GIFs abrufen, posten und kommentieren. Man kann aber auch ein kurzes Filmchen mit der Handykamera aufnehmen und dieses als GIF animieren lassen.

Peach bietet für Apple-Nutzer – eine Android-Version gibts noch nicht – auf jeden Fall die Möglichkeit, sich in einem sozialen Netzwerk auf neue Weise kreativ zu betätigen. Wer sich bei Peach registriert, findet sich aber erstmals im virtuellen Niemandsland wieder.

Andere Nutzer werden nicht angezeigt. Man muss seine Freunde zuerst mühsam suchen – und findet sie nur, wenn man deren Nutzernamen kennt. Wie bei Whatsapp muss man sich zwar mit einer Telefonnummer registrieren, kann aber zumindest als Schweizer Nutzer nicht sein Telefonverzeichnis nach anderen Peach-Usern durchforsten. Denn bisher werden nur Nummern mit amerikanischer Vorwahl erkannt.

Verkauft oder verschwunden

Das sollten die Macher rasch ändern, wollen sie die App auch in Europa populär machen. Denn sich möglichst einfach mit Freunden vernetzen zu können, ist essenziell für den Erfolg eines Social Networks. Was ferner fehlt, ist eine richtige Messanger-Funktion.

So kann man sich zwar als Direktnachricht Küsschen zuschicken, aber keine Textbotschaften oder GIFs. Zudem vermisst man eine übersichtliche Timeline, wie man sie von Twitter oder Facebook her kennt. Um die neusten Aktivitäten seiner Freunde zu sehen, muss man diese einzeln anklicken.

Doch auch wenn Peach diese Schwächen ausmerzt, wird es nicht einfach werden für die App. Denn soziale Netzwerke, die eine Alternative zu Facebook bieten wollen, haben es besonders schwer. Path hat es 2012 versucht, Ello letztes Jahr.

Beide Apps wurden stark gehypt und verschwanden dann bald wieder von der Bildfläche. Erfolgreich waren im Schatten von Facebook nur soziale Netzwerke, die sich klar auf eine Funktion spezialisiert haben. Instagram auf Fotos (2012 für 1 Milliarde von Facebook gekauft), Whatsapp auf Kurznachrichten (2014 für 19 Milliarden von Facebook gekauft) oder Snapchat auf vergängliche Nachrichten (ein heisser Übernahmekandidat). Was erfolgreich werden könnte, wird aufgekauft, der Rest bleibt irrelevant.

Peach-Gründer Dom Hofmann weiss das eigentlich nur zu gut, schliesslich hat er 2012 bereits das soziale Netzwerk Vine gegründet, in dem bloss exakt sechs Sekunden lange Videos gefilmt und geteilt werden können. Noch bevor die Plattform an den Start ging und der Hype ausbrach, wurde sie von Twitter (2012 für 30 Millionen) aufgekauft. Bei Peach ist nun erst mal der grosse Hype da.

Aktuelle Nachrichten