Beim Spiel Jenga stapeln die Spieler 54 oder 60 (je nach Ausgabe) Bauklötzchen zu einem Turm. Die Aufgabe besteht darin, Zug um Zug so viele Holzklötzchen herauszuziehen, bis der Jenga-Turm zusammenkracht. Jenga ist ein Lehrstück in Sachen Statik und Geschicklichkeit.

Erfunden hat es die britische Spieleautorin Leslie Scott, die in den afrikanischen Ländern Uganda, Kenia, Sierra Leone und Ghana aufwuchs und die Spielidee von Afrika nach Europa brachte.

Jenga ist Swahili und bedeutet «bauen». Seitdem das Spiel 1983 erstmals auf einer Spielemesse in London präsentiert wurde, verkaufte es sich weltweit 60 Millionen Mal. Auch Architekten lassen sich in ihren Plänen von dem Spiel inspirieren. Auf der ganzen Welt entstehen Jenga-Türme: in Vancouver, Frankfurt, London, Amsterdam, Rotterdam, Seoul, um nur einige aufzuzählen. Mal vorsichtig (New Jersey), mal gewagt (Bangkok), aber stets in spektakulärem Design.

Architektonischer Bruch

Die berühmteste Jenga-Struktur steht in New York: das vom Basler Architekturbüro Herzog & De Meuron entworfene Hochhaus «56 Leonard». Der Ende 2017 fertiggestellte Wohnturm sieht aus, als hätte ein Riese ein paar Bauklötze aus den obersten Etagen entfernt, um zu sehen, ob die Statik hält. Die Statiker haben das Gebäude mit seinen 57 Stockwerken freilich schon vor dem Bau auf seine Standfestigkeit überprüft.

Auch wenn es optisch den Anschein erweckt, als ob der Turm im nächsten Moment einstürzen könnte (in unmittelbarer Nähe zum Ground Zero ist das vielleicht ein nicht ganz geglücktes architektonisches Statement) – die verschachtelten Bauklötze sind so austariert, dass sie sich gegenseitig stützen.

Die Struktur wirkt angenehm luftig und hebt sich von der monotonen, gleichförmigen Hochhausphalanx in Manhattan ab. Herzog & De Meuron haben mit dem Turm demonstriert, dass man durchaus kreativ in die Höhe bauen kann – ohne wiederholende und gleichförmige Muster. «In den Himmel gestapelte Häuser» nannten die Architekten das Projekt. Die Bauweise markiert einen Bruch mit den Konventionen klassischer Hochhausarchitektur: Es gibt keine klaren Linien, keine geometrische Form; nach oben hin franst das Gebäude aus.

Das Prinzip hat inzwischen Schule gemacht. In London ist nahe der Blackfriars Bridge ein ganz ähnlicher Turm mit versetzten Etagen geplant. Der wohl kühnste Entwurf stammt vom deutschen Stararchitekten Ole Scheeren: Im kanadischen Vancouver plant er zwei Jenga-artige Wohntürme, die mit Einschüben und kubischen Elementen spielen.

Der preisgekrönte Architekt, der zusammen mit Rem Koolhaas den ikonischen CCTV-Tower in Peking entwarf und inzwischen sein eigenes Architekturbüro in Singapur besitzt, hat die Vision eines «vertikalen Dorfes». «Barclay Village», wie das Projekt heisst, soll die historischen Dörfer in die Vertikale verlängern.

Die aus Glaskuben bestehenden Zwillingstürme sind in einer Schicht- und Stapeloptik gehalten. Durch die versetzten Elemente entstehen Flächen für Terrassen und Gartenanlagen. 30 Prozent der Wohneinheiten werden als Sozialwohnungen ausgewiesen. Im Januar dieses Jahres hat der Gemeinderat von Vancouver das Bauprojekt offiziell genehmigt.

Der Gipfel des Jenga-Gedankens ist der ebenfalls von Scheeren konzipierte würfelförmige «Maha Nakhon Tower» in Bangkok, mit 313 Metern das höchste Gebäude in Thailand. Die vollendet-unvollendete Struktur sieht aus, als habe jemand ein paar Bauklötze aus der Fassade geknabbert. Scheeren spricht von «architektonischen Pixeln»; aus manchen Perspektiven wirkt es, als würde sich der Turm im wolkengeschwängerten Horizont auflösen.

Das Hochhaus, sagt Scheeren, sei eine «zutiefst hierarchische Struktur». Die Haute-Volée residiere in den obersten Etagen, das Fussvolk in den Untersten. Der Architekt will diese Hierarchien vom Kopf auf den Fuss stellen und verflüssigen – zum Beispiel in dem Wohnkomplex «The Interlace» in Singapur, dessen Gebäude so verschachtelt und ineinander verkeilt sind, dass es so etwas wie eine Hierarchie von Raumordnung gar nicht mehr gibt.

Architektur ist kein Oberflächenphänomen, sondern sagt viel über die Gesellschaft aus. Wenn Stararchitekten Hierarchien einebnen wollen, reflektiert dies ein wachsendes Unbehagen über globale Ungleichheiten. Die stratifizierte Gesellschaft ähnelt einem Jenga-Turm: Das Entfernen eines Bauklotzes kann das Gefüge zum Einsturz bringen.

In Frankfurt will Scheeren unterdessen den «Union-Investment-Turm», einen brutalistischen Betonklotz, der 1977 nach den Plänen von Albert Speer gebaut wurde, in einen Wohnturm umwandeln. Dass damit kostengünstiger Wohnraum für die vollgestopfte Main-Metropole entsteht, darf man bezweifeln. Eher werden sich Top-Verdiener in den Luxus-Apartments einquartieren.

Doch die Frage ist, wie die Jenga-Architektur (sofern man sie als eigene Stilrichtung anerkennt) aus stadtplanerischen und ästhetischen Gesichtspunkten zu bewerten ist. Stehen die Türme für einen neuen urbanen Utopismus? Oder sind das bloss Spielereien von Stararchitekten, die sich mit ausgefallenen Gebäuden ein architektonisches Denkmal setzen wollen?

Die postmoderne Architektur hat schon viele Moden erlebt. Glas, S-Kurven, sich auflösende Fassaden. Solche Sinus-Strukturen und ästhetischen Raffinessen, vor allem aber die Statik der überschlanken Jenga-Türme wurden erst durch die Fortschritte der Konstruktions- und Computertechnologie möglich. Der dänische Architekt Bjark Ingels, der als «König der Kurven» apostrophiert wird, hat stilbildende Gebäude wie das Vancouver House designt, dessen Fluidum von Weitem an eine Windhose erinnert.

Es wirkt elegant, ohne pathetisch zu sein. In London dagegen haben die Bewohner den Wolkenkratzern aufgrund ihrer Form Spitznamen wie «Gurke», «Käsereibe» oder «Rasierer» gegeben, was die Architektur banalisiert und die Türme auf Normalmass stutzt. Dass in Melbourne ein nach den Kurven von Beyoncé modellierter Wolkenkratzer entstehen soll, zeugt auch von einer zunehmenden Vulgarisierung der Architektur.

Der Architekturkritiker Aaron Betsky monierte in einem Beitrag für das Online-Magazin «Dezeen», dass die Jenga-Elemente die Strukturen auflockerten, aber letztlich effekthascherisch seien. Der Wohnturm «56 Leonard» in New York sehe aus der Ferne grossartig aus, aus der Nähe wirke die Ingenieurskunst gewöhnlich und wenig einfallsreich.

Spielidee als Bauprinzip

Mag sein, dass diese Konfigurationen nicht sonderlich kreativ sind. Doch interessant ist, wie sich eine Spielidee, die man bis Anfang der 1980er nur auf Märkten in Westafrika kannte, als Bauprinzip einer globalisierten Moderne durchsetzt. Vielleicht kann man darin auch eine Betriebsanleitung für das Überleben in Städten lesen: sich tastend an die Realität heranwagen, die Komplexität des Ganzen im Blick behalten. Im Spielzimmer spielt man die Welt im Kleinen. In den Städten stellen Architekten die Welt im Grossen nach.