Archäologie
Die Begründer von Stonehenge brachten ihre Steine selber mit

Das berühmte Monument begann rund 3000 v. Chr. als Ringmonument mit einem Graben, einem Wall und einem Ring aus aufgestellten Steinen. Die Steine stammten aus Wales und waren dort offenbar bereits einmal in einem Ringmonument verbaut.

Christoph Bopp
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Stonehenge, was heute noch steht: In der Mitte die Sarsen-Trilithen, der Ring mit den Decksteinen; Innerhalb des Trilithen-Hufeisens sind noch einige Bluestones zu erkennen.

Stonehenge, was heute noch steht: In der Mitte die Sarsen-Trilithen, der Ring mit den Decksteinen; Innerhalb des Trilithen-Hufeisens sind noch einige Bluestones zu erkennen.

goldentours.com

Stonehenge ist für uns Steinzeit schlechthin. Jeder kennt das berühmte Monument in Südengland. Man kennt es und kennt es doch nicht. Denn es ist eines der rätselhaftesten Bauwerke, welche Menschen auf diesem Planeten errichtet haben. Stonehenge ist insofern einzigartig, als es die zwei grundlegenden Konstruktionsweisen der Megalith-Bauweise vereinigt. Die Menschen des Neolithikums in Europa bauten mit grossen Steinen. Sie richteten sie auf (einzeln stehende Steine nennt man «Men­hire») und ordneten sie zu langen Reihen («alignments») oder Kreisen («stone circles»). Oder sie legten einen Stein über andere und bauten so eine Kammer («Dolmen»). Und das alles in der Grössenordnung von mehreren Tonnen.

Überperfekt und deshalb schon fast kitschig

Stonehenge vereinigt nun diese beiden Konstruktions­weisen: Aufrichten und Über­decken. Und dazu haben die neolithischen Ingenieure auch noch eine Verbindungstechnik aus dem Holzbau verwendet: Aufrecht stehende und Deck-Steine wurden mit Zapfen und Löchern miteinander verbunden. Dieses Raffinement macht Stonehenge einzigartig. Und es war sicher auch genau so gedacht.

Die meisten Kathedralen wurden auch nicht in einem Anlauf erbaut. Und bei einigen wurde im Verlauf des Bauens auch der Plan geändert. Aber das ist nicht zu vergleichen, was mit Stonehenge in den rund 1000 Jahren passierte, bevor es ungefähr so dastand, wie es sich heute noch präsentiert. Die Anlage mit dem riesigen Hufeisen aus fünf Trilithen im Zentrum und dem Ring von Decksteinen rundherum stammt aus Phase II (rund 2620 bis 2480 v. Chr.).

Begonnen hat aber alles schon viel früher. Und offenbar an einem völlig anderen Ort. Auffällig ist, dass zum Bau von Stonehenge zwei verschiedene Sorten von Steinen verwendet wurden. Die Trilithen (zwei aufgerichtete Steine mit einem Deckstein drauf, die durch Zapfen und Löcher verbunden waren) und die Ringsteine sind sogenannte Sarsensteine. Das ist ein sogenannter silifizierter Sandstein, ein recht harter Stein, der in Südengland häufig vorkommt. Sie wurden für die Ausbauphase II verwendet.

Der Steinzeit-Computer für die Mondfinsternisse

Stonehenge I: Graben, Wall und die «Aubrey-Löcher».

Stonehenge I: Graben, Wall und die «Aubrey-Löcher».

Wikipedia

Ursprünglich war die Anlage ganz anders konzipiert. Man hob einen ringförmigen Graben mit einem Durchmesser von 110 Metern aus und schüttete mit dem Material auf der Innenseite einen etwa zwei Meter hohen Wall auf. Innerhalb des Walls hob man in regelmässigen Abständen einen Ring von 56 Löchern aus, den sogenannten «Aubrey-Holes». Die Archäologen behaupteten zuerst, die Löcher seien schnell wieder verfüllt worden. Man deutete sie als eine Art prähistorisches Vorhersageinstrument. Wenn man einen Marker in den Löchern kreisen liess, liessen sich so Mondfinsternisse voraussagen. In den 1960er-Jahren wurde Stonehenge so zum ­«astronomischen Computer».

Die neuere Deutung war dann, dass die Löcher sehr wohl für Steine bestimmt gewesen waren. Und zwar für die sogenannten «Bluestones». Das waren Vulkangesteine (Dolerit und Rhyolith), die in der Gegend nicht vorkamen. Sie sind mit 2 bis 4 Tonnen kleiner als die Sarsen­steine und stammen aus den Preseli Hills in Wales. Frühere Deutungen hatten die Blue­stones erst späteren Phasen von Stonehenge zugeordnet, als sie innerhalb des Monuments wieder aufgestellt wurden.

Damit ergab sich aber ein Datierungsproblem. Denn in einigen «Aubrey-Holes» fanden sich Reste von Kremationen. Und die waren älter als andere Funde in der Anlage. Die Hypothese, dass Stonehenge als eine Ringanlage mit Bluestones kurz nach 3000 v. Chr. begonnen hatte, stellte die Frage, wie diese Steine so früh auf dem Platz anwesend sein konnten.

Die «Generalprobe» für Stonehenge in Wales?

Ausgrabungen in den Preseli Hills.

Ausgrabungen in den Preseli Hills.

UCL Global University

Die Bluestones stammen aus den Preseli Hills in Wales. Man kennt die Steinbrüche. Die Steine liegen praktisch «pfannenfertig» schön aufgeschichtet da. Professor Mike Parker Pearson und sein Team waren mit ihrem Projekt «The Stones of Stonehenge» der Sache schon länger auf der Spur. In der Nähe des vermuteten Steinbruchs in ­Wales stehen und liegen noch ein paar Steine herum. Parker Pearson vermutete, dass sie zu einer grösseren Anlage gehören könnten. Die raffinierten archäologischen Methoden versagten in Wales, man musste graben.

Was von der Ringanlage Waun Mawn in Wales noch da war, bevor Mike Parker Pearson und sein Team mit den Ausgrabungen anfingen.

Was von der Ringanlage Waun Mawn in Wales noch da war, bevor Mike Parker Pearson und sein Team mit den Ausgrabungen anfingen.

Hansjoerg Lipp; Wikimedia

In der Tat fand man die erwarteten Steinlöcher. Sie deuteten auf einen Ring mit einem Durchmesser von 110 Metern. Orientiert war die Anlage von Waun Mawn in Richtung Sonnenaufgang im Mittsommer – wie Stonehenge I. Und ein Loch in Wales wies eine ähnliche Form auf wie der Fuss eines Bluestone von Stonehenge. Das Alter stimmte auch: Waun Mawn war rund 500 Jahre vor Stonehenge erbaut und kurz darauf aufgegeben worden. Jetzt wurde es aufregend: Die Steine kamen nicht nur aus Wales, sondern die ganze Anlage wurde demontiert und offenbar 250 Kilometer weiter wieder aufgebaut.

Visierlinien für Mond- und Sonnenextreme (http://astro.wsu.edu/worthey/astro/html/im-lab/stonehenge/stonehenge.html)

Visierlinien für Mond- und Sonnenextreme (http://astro.wsu.edu/worthey/astro/html/im-lab/stonehenge/stonehenge.html)


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Die Medien reden von Waun Mawn als einer «Pilotanlage» oder «Generalprobe von Stonehenge». Das trifft die Sache nicht. Stonehenge wurde dann etwas ganz anderes. Aber es gibt einen Hinweis, wie man diese Megalith-Bauwerke verstehen kann. Die Forschung hat sich auf eine Theorie eingemittet, welche die Bauwerke als Übergangsorte sieht. Und zwar von den Lebenden zu den Toten. Eingänge zum Totenreich. Offenbar haben die Menschen von Waun Mawn «ihren Eingang» abgebaut und mitgenommen. Warum sie nach Salisbury gingen? Niemand weiss das. Ein Hinweis könnte sein, dass sich astronomische Sonnen- und Monddaten dort in einem (fast perfekten) Rechteck abbilden. Das ist besonders und bezeichnend. Für die finale Idee von Stonehenge brauchte es 80 Bluestones. Offenbar haben auch noch andere «Immigranten» die ihren mitgebracht.

Der Artikel von Mike Parker Pearson aus Antiquity: https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/original-stonehenge-a-dismantled-stone-circle-in-the-preseli-hills-of-west-wales/B7DAA4A7792B4DAB57DDE0E3136FBC33

Mike Parker Pearson and The Stonehenge Riverside Project: Stonehenge. Exploring the Greatest Stoneage Mystery. Simon Schuster London 2012.

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